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Ausschluss von Netzausrüster „Armageddon“-Szenario: Telekom spielt Huawei-Bann durch

Der Konzern prüft, welche Konsequenzen ein Ausschluss hätte. Der Rückbau würde einem vertraulichen Dokument zufolge mehr als drei Milliarden Euro kosten und Jahre dauern.
16.06.2020 - 15:41 Uhr Kommentieren
Der chinesische Ausrüster könnte vom Mobilfunknetz in Deutschland ausgeschlossen werden. Quelle: dpa
Huawei

Der chinesische Ausrüster könnte vom Mobilfunknetz in Deutschland ausgeschlossen werden.

(Foto: dpa)

Berlin, Düsseldorf Am Anfang nahm die Deutsche Telekom den chinesischen Netzausrüster Huawei nicht richtig ernst. Vor etwa 20 Jahren begann die Firma aus dem südchinesischen Shenzhen, dem Netzbetreiber aus Deutschland seine Produkte anzupreisen. Der Dax-Konzern winkte zunächst ab. Dann ließ sich die Telekom jedoch überzeugen. „Die Produkte hatten eine ähnliche Qualität wie die der Konkurrenz, kosteten aber deutlich weniger“, erinnert sich ein Telekom-Manager, der damals an Treffen teilnahm.

Seitdem wurde das Verhältnis zwischen dem Technikunternehmen aus China und dem deutschen Netzbetreiber immer enger. Heute stammt mehr als die Hälfte der Ausrüstung im Telekom-Mobilfunknetz in Deutschland von Huawei.

Diese Abhängigkeit wird jetzt zum Problem. Dem Handelsblatt liegt ein Dokument vor, mit dem ein Treffen zwischen Spitzenmanagern von Telekom und Huawei vorbereitet wurde. Es skizziert den Druck der USA auf verbündete Staaten, Huawei vom Netzausbau auszuschließen, und spielt den Fall durch, dass die Telekom chinesische Ausrüster nicht länger in ihren Netzen verwenden darf. Als „Armageddon“ wird dieses Szenario bezeichnet.

Die Telekom könnte gezwungen werden, alle bereits verbaute Technik zu tauschen. Dieser Prozess würde dem Papier zufolge bis zu fünf Jahre dauern und mindestens drei Milliarden Euro kosten. 

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    Die Telekom wollte sich zu dem Papier nicht äußern, dementierte den Inhalt jedoch nicht. Eine ähnliche Reaktion kam von Huawei. Die Telekom und Huawei treffen sich regelmäßig, um Geschäftsbeziehung und strategische Weichenstellungen zu besprechen, auch auf Führungsebene.

    Im Bundestag wird scharfe Kritik laut. „Die Telekom muss sich erklären“, sagte Falko Mohrs, 5G-Berichterstatter der SPD. „Sollte das Szenario eines Ausschlusses von Huawei tatsächlich als ,Armageddon’ bezeichnet werden, wäre das unseriös. Das hat nichts mit sauberer Planung zu tun, es ist Stimmungsmache“, sagte Mohrs.

    Die Große Koalition streitet seit eineinhalb Jahren darüber, ob Unternehmen wie Huawei vertrauenswürdig sind – bislang ohne Ergebnis. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu starken Restriktionen kommt, zuletzt gestiegen.

    Die SPD hat sich de facto auf einen Ausschluss festgelegt und wird von Teilen der Unionsfraktion unterstützt. Durch die Coronakrise fühlen sich die Gegner in ihrer Argumentation bestärkt, denn sie hat gezeigt, wie problematisch einseitige Abhängigkeiten von China selbst bei Alltagsprodukten wie Schutzmasken sein können. Kurz: Das „Armageddon“ für die Telekom rückt näher.

    Die „Entscheidungsschlacht“ um Huawei

    In der Bibel taucht Armageddon in der Offenbarung des Johannes auf. In einigen Auslegungen gilt Armageddon als Schauplatz der endzeitlichen Entscheidungsschlacht. Bei Entscheidung über die Zukunft von Huawei geht es sicher nicht um das Ende aller Dinge, aber doch um viel – sehr viel sogar.

    Die fünfte Mobilfunkgeneration 5G soll einen Schub für die Digitalisierung der Wirtschaft und Gesellschaft bringen. Die Telekom setzt massiv auf die neue Technik. Dabei baut der Dax-Konzern kein komplett neues Netz auf, sondern modernisiert die bestehende Infrastruktur.

    Ein Telekom-Sprecher sagte auf Anfrage: „Im heutigen Bestandsnetz sind im Bereich der Antennen hauptsächlich Komponenten von Ericsson und Huawei verbaut.“ Folglich setzt die Telekom bei 5G auch auf Huawei und Ericsson.

    Sollte sich die Bundesregierung entschließen, keine chinesischen Ausrüster beim 5G-Mobilfunk zuzulassen, hätte das weitreichende Konsequenzen. „Ein Ausschluss von Huawei bei 5G würde auch einen Rückbau bei 4G bedingen. Deutschland würde damit massiv beim 5G-Ausbau zurückgeworfen“, sagte der Telekom-Sprecher.

    Es folgten nicht nur Verzögerungen beim Ausbau. Auch die Qualität des bestehenden Netzes könnte beeinträchtigt werden. Die Telekom warnt, während des Umbaus müssten „große Teile Deutschlands für lange Zeit ohne 4G auskommen“. Konkrete Zeiträume für das Szenario nennt der Konzern nicht.

    Öffentlich warnt die Telekom konsequent vor den Folgen eines Huawei-Banns in Deutschland. Intern wird aber auch kritisch über den Kurs der Geschäftsführung diskutiert, sich überhaupt so stark von einem chinesischen Anbieter abhängig gemacht zu machen. „Wir hätten niemals so stark auf Huawei setzen dürfen“, kritisierte ein ranghoher Manager gegenüber dem Handelsblatt, der nicht namentlich genannt werden will.

    Die Lage für die Telekom wäre nicht so dramatisch, wenn die Geschäftsführung Distanz zum chinesischen Anbieter gewahrt hätte. Der Manager verwies auf die US-Tochter der Telekom, T-Mobile US, bei der keine chinesischen Ausrüster im Netzausbau verwendet werden, stattdessen die europäischen Anbieter Ericsson und Nokia.

    Die wichtigsten Fragen zu 5G

    Telekom-CEO Timotheus Höttges betont bei öffentlichen Auftritten immer wieder: „Wir setzen auf mehrere Ausrüster.“ Die Telekom unternehme alles, um sich nicht zu stark von einer Firma abhängig zu machen. Trotzdem hat die Telekom in den vergangenen Jahren besonders gerne Ausrüstung des chinesischen Unternehmens bezogen.

    Erst vor wenigen Monaten leitete die Telekom einen Strategieschwenk ein. Das Management entschied sich, zumindest im sensibelsten Bereich der Infrastruktur, dem sogenannten Kernnetz, keine chinesischen Hersteller mehr zu verwenden. Die Rivalen Vodafone und Telefónica gehen in Deutschland einen ähnlichen Weg.

    Die US-Regierung warnt seit einiger Zeit vor zusätzlichen Risiken chinesischer Spionage aufgrund der Verwendung von chinesischer Netzausrüstung. Die USA haben Sanktionen gegen Huawei verhängt und diese während der vergangenen zwei Jahre mehrfach verschärft.

    Huawei lehnte eine Stellungnahme zu den internen Dokumenten ab. „Zu vertraulichen Diskussionen mit unseren Kunden, internen Planungen derselbigen oder unserem Anteil an deren Netzen äußern wir uns grundsätzlich nicht“, sagte ein Huawei-Sprecher.

    Das Unternehmen arbeite daran, die Auswirkungen der US-Sanktionen so gering wie möglich zu halten. „Planungen für einen Ausschluss vom deutschen 5G-Markt gibt es unsererseits nicht und entsprechend auch keine Analyse zu möglichen Auswirkungen“, sagte der Sprecher.

    Berlin ringt um Position zu Huawei

    Den regierungsinternen Streit um Huawei soll nach den Vorstellungen von Innenminister Horst Seehofer jetzt das Kanzleramt lösen. Das zumindest schlug der CSU-Politiker am Montag in einer Telefonschalte mit Außenminister Heiko Maas, Wirtschaftsminister Peter Altmaier und mehreren SPD-Abgeordneten vor, wie das Handelsblatt aus Koalitionskreisen erfuhr. Die Huawei-Frage müsse jetzt auf „hoher politischer Ebene“ geklärt werden, sagte Seehofer demnach und berichtete zudem von einem Treffen mit Höttges, in dem der Telekom-Chef auf die Folgen eines Huawei-Ausschlusses hingewiesen habe.

    Im Mai hatte das Innenministerium nach langer Verzögerung den Entwurf für das IT-Sicherheitsgesetz 2.0 in die regierungsinterne Abstimmung gegeben, der auch die Sicherheitsbestimmungen für das 5G-Netz umfasst. Doch der Entwurf ist in seiner derzeitigen Form für das Auswärtige Amt und das Justizministerium nicht akzeptabel. 

    Außenminister Heiko Maas pochte in der Runde darauf, dass die Vertrauenswürdigkeit von Herstellern politisch bewertet wird, bevor neue Komponenten verbaut werden. Entweder solle sich ein Kabinettsausschuss oder der Bundessicherheitsrat mit dieser sensiblen Frage befassen.

    Doch selbst die SPD dringt nicht darauf, dass die Telekom alle bereits verbauten Huawei-Komponenten ersetzt, so wie es das „Armageddon“-Szenario suggeriert. Statt dieser in der Branche als „rip and replace“ bezeichneten Strategie machen sich die Sozialdemokraten für ein „phase-out“ stark, also einen schrittweisen Rückbau der chinesischen Netzbestandteile.


    Grafik


    Die Huawei-Gegner geben sich vorsichtig optimistisch, dass sie sich am Ende durchsetzen werden. „Die geopolitische Dimension wird jetzt viel stärker betont als im vergangenen Jahr“, sagte Metin Hakverdi, China-Berichterstatter der SPD. „Wir dürfen nicht noch stärker von China abhängig werden, schon gar nicht bei einer Schlüsseltechnologie wie 5G.“

    Doch die Geduld mit der Regierung schwindet. CDU-Innenpolitiker Christoph Bernstiel mahnte: „Wenn es der Regierung nach eineinhalb Jahren nicht gelingt, diese wichtige Frage zu klären, dann muss es eben das Parlament tun. Und das so schnell wie möglich. Denn die Zeit rennt.“

    Wege aus der Abhängigkeit

    Die Deutsche Telekom arbeitet inzwischen an einer Strategie, um sich aus der Abhängigkeit von Huawei zu befreien. Dazu will der Konzern ein grundsätzliches Problem lösen. Bislang gibt es zwar Standards für Komponenten in der Netzausrüstung.

    In der Praxis haben Hersteller wie Huawei, Ericsson oder Nokia ihre Geräte oft jedoch so gebaut, dass sie nur ihre volle Leistung im Zusammenspiel mit anderen Produkten desselben Herstellers entfalten können. Das führt für die Netzbetreiber dazu, dass sie an einen Standort mit 4G-Technik von Huawei nicht einfach 5G-Antennen von Ericsson bauen können und umgekehrt.

    Mit einem offenen Standard soll sich das ändern. Telekom-Technologievorständin Claudia Nemat sprach sich dafür aus, einen offenen Standard voranzutreiben. Eine erste Partnerschaft zu diesem Ziel ging die Telekom mit dem US-Unternehmen VMware ein.

    Das Ziel soll sein, alle Hardware-Komponenten komplett austauschbar zu machen. Ähnlich wie etwa bei Laptops sollen Betriebssystem und Hardware getrennt voneinander funktionieren können. „Das könnte für europäische Start-ups neue Chancen kreieren“, sagte Nemat kürzlich. Die europäischen Netzausrüster Ericsson und Nokia stehen den Plänen jedoch skeptisch gegenüber. Sie fürchten, dass sie dadurch weiter Marktanteile verlieren könnten.

    Mehr: Die Regierungen in Peking und Washington gehen im Streit miteinander zunehmend rücksichtsloser vor. Europa gerät immer mehr zwischen die Fronten.

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