Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Insider-Bericht Telekom-Vertreter an der Haustür: Der Direktvertrieb boomt – trotz Beschwerden

Auch in Pandemiezeiten setzt die Telekom auf den Vertrieb an der Haustür. Ein Insider erzählt, wieso man trotz viel Kritik weitermachen will.
04.01.2021 - 12:37 Uhr Kommentieren
Unbestellte Vertreterbesuche an der Haustür sind ein umstrittener, für den Dax-Konzern aber wichtiger Vertriebsweg. Quelle: dpa
Deutsche Telekom

Unbestellte Vertreterbesuche an der Haustür sind ein umstrittener, für den Dax-Konzern aber wichtiger Vertriebsweg.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Die beiden jungen Männer tragen Jacken mit dem Logo der Deutschen Telekom. In einem Mehrfamilienhaus in Düsseldorf gehen sie von Haustür zu Haustür. Sie wollten sich nach dem Zustand des Internetanschlusses erkundigen, erzählen sie jedem Bewohner, der öffnet. Mit dem Internet per TV-Kabel gebe es ja ständig Probleme. Das Haus sei jetzt auf einen noch besseren Breitbandanschluss der Deutschen Telekom umstellt worden und sie wollten nur prüfen, ob die Verträge der Kunden auch schon angepasst wurden.

„Erst haben sie so getan, als seien sich Techniker, die etwas kontrollieren wollten. Dann haben sie aber doch versucht, mir einen Vertrag aufzuquatschen“, erzählte eine 80 Jahre alte Bewohnerin. „Ich bin seit vielen Jahren bei Vodafone und sehr zufrieden. Sie haben mir etwas von Problemen erzählt, aber das stimmte gar nicht“, sagte die Rentnerin.

In dem Wohnhaus habe der Vermieter einen Rahmenvertrag mit Vodafone geschlossen. Dadurch kämen die Nutzer an kostengünstige Verträge über den Düsseldorfer Netzbetreiber. Scheinbar hätten die Männer das gewusst und gezielt versucht, die Bewohner zu einem Wechsel zur Telekom zu überzeugen, vermutete die Frau.

Mit ihren Aussagen bewegen sich die Männer offenbar am Rande der Legalität. Mehrere Bewohner berichteten dem Handelsblatt, die Männer hätten sich als Mitarbeiter der Telekom ausgegeben. Ein Hausbewohner sagte, auf hartnäckige Nachfrage hätten die Männer eingeräumt, als Direktvermarkter zu arbeiten – für die Firma Ranger Marketing & Vertriebs GmbH.

Der Telekommunikationsmarkt in Deutschland ist abgesteckt. Fast jeder Haushalt hat bereits einen Internetanschluss. Es tobt ein Verdrängungskampf. Mit viel Aufwand versuchen Deutsche Telekom, Vodafone, 1&1 und Telefónica, Kunden an sich zu binden. Mit Werbung, Prämien und gezielten Verkaufsmaßnahmen wird versucht, Vertragsabschlüsse zu erreichen. Allein für Werbung gab die Deutsche Telekom im Jahr 2019 laut Branchendienst Nielsen 274 Millionen Euro in Deutschland aus.

Telekom-Shops schließen, der Direktvertrieb wird wichtiger

Der Verkauf über Ladengeschäfte ist auf dem Rückzug. Anfang des Jahres kündigte die Telekom an, rund jeden fünften Shop in Deutschland schließen zu wollen. Dafür soll es einfacher werden, im Internet Verträge abzuschließen.

Doch auch in Zeiten von Kontaktbeschränkungen während der Corona-Pandemie setzen die Telekom und andere Netzbetreiber auf den Direktvertrieb an der Haustür, um Vertragsabschlüsse zu erzielen. Ein Manager eines großen Telekommunikationskonzerns in Deutschland, der nicht namentlich genannt werden wollte, sagte: „Der Direktvertrieb an der Haustür schadet unserem Ansehen. Ständig gibt es Beschwerden. Aber keine Vertriebsmaßnahme ist so effizient, um in kurzer Zeit viele Abschlüsse zu generieren.“

Das aggressive Vorgehen der Ranger-Verkäufer hat System, sagte ein ehemaliger Angestellter. Die Mitarbeiter der Firma würden auf hohe Abschlusszahlen getrimmt. Oft bewegen sie sich dabei am Rande der Legalität. Es seien mehrere Fälle bekannt, in denen Ranger-Mitarbeiter Unterschriften gefälscht hätten, um Boni für Vertragsabschlüsse zu kassieren. Das Fehlverhalten falle oft nicht auf. Was zähle, seien in erster Linie hohe Abschlusszahlen, hieß es von dem Mitarbeiter.

Im Onlineforum der Deutschen Telekom melden sich seit Jahren immer wieder Kunden, die sich über das Auftreten der Vertriebler an der Haustür beschweren. Die ersten Einträge reichen rund zehn Jahre zurück. Wieder und wieder geloben die Telekom-Mitarbeiter, die Fälle zu prüfen, und versprechen besten Service. Trotzdem reißen die Beschwerden nicht ab.

Ein Telekom-Sprecher verteidigte den umstrittenen Direktvertrieb an der Haustür. „Der Wunsch von Bürgerinnen und Bürgern, zu Hause beraten zu werden, ist signifikant und sinnvoll“, sagte er. „Die Stornoquote ist genauso niedrig wie in den anderen Vertriebskanälen.“

Auf die Frage, ob es nicht zu Verwechselungen zwischen Ranger-Mitarbeitern und direkten Angestellten der Telekom kommen könne, sagte der Sprecher, es sei gewünscht, dass die Ranger-Vetriebler mit Kleidung mit dem Telekom-Logo ausgestattet würden und ein Namensschild als autorisierte Außendienstler tragen.

Lediglich bei einem Prozent der so abgeschlossenen Verträge gebe es Beschwerden, sagte der Firmensprecher. Seit August gebe es zudem ein neues Programm, das bei Fehlverhalten der Vertriebler Nachschulungen bis hin zu arbeitsrechtlichen Schritten vorsehe.

Gesetz könnte unerwünschte Hausbesuche stoppen

Ähnlich wie die Telekom betonte eine Sprecherin der Firma Ranger, dass es nur wenige Beschwerden gebe. Nach jedem Vertragsabschluss an der Haustür werde mit einem Anruf nachgeprüft, ob die Kunden wirklich einen Vertrag abschließen wollten. So könnten falsche Abschlüsse verhindert werden. „Wenn wir die Kunden nicht erreichen, werden die Aufträge aus Sicherheitsgründen gecancelt“, sagte die Sprecherin.

Die Verbraucherzentrale Bundesverband sieht die Situation anders. In keiner Branche gibt es laut einer Umfrage der Organisation so viele ungewollte Vertragsabschlüsse wie in der Telekommunikation. Fast jeder fünfte Befragte (19 Prozent) habe in den vergangenen zwei Jahren einen Vertrag abgeschlossen, den er so nicht abschließen wollte. Dabei geht es nicht nur um Direktvertrieb an der Haustür, sondern auch um andere Wege, wie etwa automatische Vertragsverlängerungen oder lange Laufzeiten.

Grafik

Nach langem Streit über die Rolle des Direktvertriebs könnte die Praxis sich bald grundlegend ändern. Bundesjustizministerin Christine Lambrecht hat einen Entwurf für ein schärferes Gesetz zum Verbraucherschutz vorgelegt. Darin werden strengere Vorgaben „zum Schutz vor aggressiven oder irreführenden Geschäftspraktiken im Zusammenhang mit unerwünschten Hausbesuchen“ vorbereitet.

Die Verbraucherzentrale Bundesverband hat sich für ein pauschales Verbot von unbestellten Hausgesuchen ausgesprochen. Sie verwies dazu auf eine Umfrage, nach der 98 Prozent der Deutschen gegen Vertragsabschlüsse an der Haustür sind. Der Bundesverband Direktvertrieb Deutschland spricht sich hingegen gegen ein Verbot unbestellter Vertreterbesuche aus, „da es alle seriösen Direktvertriebsunternehmen diskreditiert“.

Die 80 Jahre alte Rentnerin hofft, dass sich die Verbraucherschützer mit der Forderung nach einem Verbot durchsetzen. „Ich traue den Verkäufern an der Haustür nicht. Das sollte endlich aufhören“, forderte sie. 

Mehr: Verbraucherschützer warnen vor Abzocke in der Corona-Zeit.

Startseite
0 Kommentare zu "Insider-Bericht: Telekom-Vertreter an der Haustür: Der Direktvertrieb boomt – trotz Beschwerden"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%