Künstliche Intelligenz: KI für Juristen boomt – wie Legora und Noxtua davon profitieren
Düsseldorf. Zwei europäische Anbieter von Rechts-KI melden starkes Wachstum: Sowohl das Stockholmer Start-up Legora als auch die Berliner Firma Noxtua profitieren von der wachsenden Nachfrage nach Software, die juristische Texte analysiert, Verträge prüft oder ganze Schriftsätze erstellt.
Die beiden europäischen Unternehmen ringen mit unterschiedlichen Zielen um ihren Platz auf dem Markt der Legal-Techs. Während Legora seine weltweite Expansion vorantreibt, setzt Noxtua vor allem auf Datensouveränität – und auf eine Partnerschaft mit dem deutschen Cloudanbieter Ionos.
Dominiert wird der globale Markt derzeit vor allem von US-Anbietern wie Harvey AI. Harvey setzt laut „Financial Times“ bereits 100 Millionen Dollar um und wird mit rund fünf Milliarden Dollar bewertet.
Noxtua mit ehrgeizigen Umsatzplänen
Nach eigenen Angaben hat Noxtua in den vergangenen zwölf Monaten seinen Umsatz um 350 Prozent gesteigert. Bis Ende 2025 peilt Noxtua sechs Millionen Euro wiederkehrenden Umsatz an – sechsmal so viel wie ein Jahr zuvor.
Grund dafür ist der wachsende Kundenstamm. Neben Kanzleien und Rechtsabteilungen steige jetzt auch das Interesse von Regierungen und staatlichen Institutionen an KI-Lösungen, sagte Noxtua-Gründer Leif-Nissen Lundbæk dem Handelsblatt. Zählte das Unternehmen Ende 2024 noch rund 100 Unternehmenskunden, sollen es mittlerweile 400 sein. Hinzu kämen 4000 Interessenten auf der Warteliste für das neue Produkt Beck-Noxtua, das aktuell im Beta-Test läuft und in den kommenden Wochen offiziell starten soll.
Um die wachsende Nachfrage zu bedienen, erweitert Noxtua sein Netzwerk: Nach Prag und Zagreb folgt im Oktober ein Büro in München. Dort baut das Start-up gemeinsam mit dem Cloudanbieter Ionos auch eine „Legal AI Factory“ auf. Beide investieren dafür einen hohen einstelligen Millionenbetrag.
Die Einrichtung entsteht in einem bereits existierenden Rechenzentrum von Ionos, in dem Noxtua exklusiv Rechenleistung nutzen soll. Geplant ist der Einsatz von 48 Hochleistungsprozessoren des neuen Typs B300 von Nvidia. Damit will Noxtua die hohen Sicherheits- und Compliance-Anforderungen des Rechtsmarkts erfüllen. Denn das Start-up hostet nicht nur die Daten seiner Kunden, sondern trainiert auch eigene Modelle. Ionos-Chef Achim Weiß sagt: „Gerade in einem so sensiblen Bereich darf Europa nicht von externen Einflüssen abhängig sein.“
Auch Investoren sehen den Bedarf. Die Nachfrage nach europäischen Datencentern nehme deutlich zu, „weil Daten nicht in die USA abfließen sollen“, sagt Sebastian Becker von der Wagniskapitalfirma Redalpine. Die Wachstumsrate hält er für „beeindruckend“. Die Aussagekraft hänge aber „stark von der Ausgangsbasis ab“.
Für Gründer Leif-Nissen Lundbæk sind es „zwei große Schritte auf einmal“: mehr Rechenkapazität und mehr Präsenz in München. Die Stadt gilt als einer der führenden KI-Standorte in Deutschland. Zugleich ist München juristisches Zentrum mit vielen Kanzleien und Sitz des Fachverlags C.H. Beck. Mit dem Rechenzentrum in München könne Noxtua künftig auch die Kunden auf der Warteliste bedienen, sagt Lundbæk.
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Mit Beck entwickelt Noxtua das Produkt Beck-Noxtua, das ab Herbst 2025 Inhalte aus beck-online nutzen soll. Der Standort sei deshalb für das Unternehmen strategisch wichtig. Die AI Factory sei der nächste Schritt zu mehr europäischer Souveränität, sagte Klaus Weber, Mitglied der Geschäftsführung von Beck: Niemand könne es sich leisten, das Risiko eines möglichen Zugriffs Dritter auf sensible Daten einzugehen.
Schwedisches Start-up Legora ist jetzt in 40 Ländern aktiv
Auch das schwedische Legora wächst kräftig. Seit Mai stieg die Zahl der Kunden laut Unternehmensangaben von 250 auf 400, das Unternehmen ist nun in 40 Ländern aktiv. Legal Innovation Lead Nathalia Schomerus erklärt den Trend so: „Viele erkennen die historische Chance und überschlagen sich inzwischen mit Anwendungsfeldern.“ Kanzleien und Rechtsabteilungen sähen, dass sie mit KI Qualität und Effizienz steigern können.
Anders als Noxtua hostet Legora seine Modelle in den europäischen Rechenzentren großer amerikanischer Cloud-Infrastruktur-Anbieter wie Microsoft Azure oder Amazons Tochter AWS. „Vor drei Jahren wollten Kanzleien ihre Server noch im Keller haben“, sagt Schomerus. Heute setzten viele nach einem Datenvorfall stärker auf Cloudangebote.
Legora garantiere dabei hohe Sicherheitsstandards. Die Ankündigung von Noxtua, jetzt sein insgesamt drittes Rechenzentrum in Europa zu starten, begrüßt Schomerus dennoch: „Je mehr Infrastruktur wir in Europa haben, welche die führenden LLM-Modelle hosten kann, desto besser.“
Für Investoren ist die Entwicklung ein Signal. Jeannette Fürstin zu Fürstenberg, Managing Director beim Wagniskapitalgeber General Catalyst und Investorin bei Legora, sagt: „Die starke Entwicklung zeigt, dass europäische Anbieter nicht nur global skalieren, sondern auch die Transformation der Rechtsbranche aktiv vorantreiben können, und das bei komplexen, mehrsprachigen und regulatorischen Anforderungen.“
Das Wachstum beider Firmen zeigt die Dynamik im Rechtsmarkt. Laut Investor Becker stünden Kanzleien und Rechtsabteilungen unter immer größerem Kostendruck und müssten immer größere Datenmengen bewältigen. Dafür griffen sie immer häufiger auch auf KI-Anbieter zurück.