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Corona-VarianteOmikron auf sehr schnellem Vormarsch: „Eine sehr viel größere Bedrohung als Delta“

Erste Analysen der Daten aus Südafrika verheißen nichts Gutes. Offenbar ist die Omikron-Variante des Coronavirus sehr viel ansteckender als alle bisherigen Mutanten.Sascha Karberg 06.12.2021 - 17:33 Uhr Quelle: TagesspiegelArtikel anhören

Es kann mittlerweile noch nicht einmal mit Sicherheit gesagt werden, ob Omikron wirklich im südlichen Afrika entstanden ist oder vielleicht andernorts.

Foto: AP

Berlin. Noch ist nicht viel Zeit vergangen, seit wachsame Forscher in Südafrika und Botswana Ende November eine neue, außergewöhnlich stark mutierte Sars-CoV-2-Variante entdeckt und die Welt vor ihrer womöglich schnellen Ausbreitung gewarnt haben.

Obwohl sich seitdem Wissenschaftler weltweit beeilen, mehr über Omikron, wie die Weltgesundheitsorganisation WHO die Variante inzwischen benannt hat, herauszubekommen, werden noch einige Tage und Wochen vergehen, bis aus den derzeitigen Abschätzungen auf Basis vorläufiger Informationen Gewissheiten auf Basis experimenteller und epidemiologischer Daten werden.

Dennoch haben Forscherinnen und Forscher inzwischen einiges über Omikron herausgefunden – wenn auch nur wenig Gutes.

Klar ist, dass Omikron trotz gestoppter Flugverbindungen aus Südafrika längst in Europa, den USA und andernorts angekommen ist und sich auch dort mit atemberaubender Geschwindigkeit verbreitet.

In Großbritannien etwa zählte das Gesundheitsministerium am Sonntag 246 Omikron-Infizierte, ein Anstieg um 50 Prozent. In Deutschland sind es 15 Fälle, in Portugal 34, in Norwegen 19. Insgesamt 17 Länder des Europäischen Wirtschaftsraums melden Omikron-Infektionen.

Kommt diese südafrikanische Variante gar nicht aus Südafrika?

Unter den 18 in den Niederlanden entdeckten Omikron-Fällen waren sogar zwei, deren Proben vom 19. und 23. November stammen – also bevor Südafrika am 25. November auf Omikron hinwies. Daher kann nun noch nicht einmal mit Sicherheit gesagt werden, ob Omikron wirklich im südlichen Afrika entstanden ist oder vielleicht andernorts.

Zumal viele Länder praktisch „blind“ sind für die Entwicklung von Varianten, weil dort viel weniger positive Sars-CoV-2-Proben sequenziert, also nach Erbgut-Variationen durchsucht werden als in Südafrika. Ersten Analysen zufolge kursiert die Omikron-Variante wohl schon seit Mitte Oktober und keineswegs nur in Südafrika.

Schlagzeilen, in denen vom „Virus aus Afrika“ die Rede ist, seien „abfällig, falsch“ und „schädlich“ für die öffentliche Reaktion auf die Variante und internationale Solidarität, äußerte sich der Leiter des neuen WHO-Hubs for Pandemic and Epidemic Intelligence Chikwe Ihekweazu auf Twitter.

Auch die Reisebeschränkungen europäischer Länder gegenüber Südafrika und anderen südlichen Ländern Afrikas kritisierte der Epidemiologe. Der Grund, Omikron aus Europa fernzuhalten, sei mit der Ausbreitung der Variante innerhalb der EU hinfällig, Grenzschließungen würden die Bekämpfung der Pandemie nur behindern.

Ansteckender als Delta

Das gilt umso mehr, als inzwischen kaum ein Experte noch ausschließt, dass Omikron sich zu einem globalen Problem auswachsen wird, wie zuvor die Delta-Variante – und schlimmer. Denn die bisherigen Analysen von Infektionsraten in Gauteng, einer Region nahe Kapstadt, ergaben, dass Omikron binnen 14 Tagen von wenigen Dutzend auf fast 4000 Fälle angestiegen ist - die Delta-Variante brauchte dafür in der selben Region mehr als 40 Tage.

Auch der Anteil positiver Omikron-Nachweise an den Coronainfektionen liegt bereits nach zwei Wochen bei 20 Prozent, während Delta für die Verdrängung der vorher dominierenden Variante (Beta) mehr als 30 Tage brauchte. Jeden Tag nehmen in Südafrika die Omikron-Infektionen um 25 Prozent zu, eine Verdopplung der Fälle alle drei bis vier Tage.

Aus diesen Infektionsdaten ergibt sich ein effektiver Reproduktionswert (Rt) Omikrons von etwa 3 bis 3,5. Das heißt, ein Omikron-Infizierter steckt durchschnittlich drei Mal mehr Menschen an, als ein mit der Delta-Variante Infizierter, deren Rt-Wert in Südafrika und den USA anfangs bei etwa 1,5 lag.

Das seien zwar noch „sehr frühe“ aber „ziemlich einleuchtende“ Abschätzungen, äußerte sich der Biostatistiker und Epidemiologe Trevor Bedford vom Fred Hutchinson Krebsforschungszentrum in Seattle auf Twitter.

Wenn Omikron diesen Rt-Wert von 3 beibehalte, wäre das „eine sehr viel größere Bedrohung“ als Delta. „Ich hoffe, dass die bisherige Immunität gegen schwere Verläufe schützt, aber ich bin sehr besorgt über die Größe der epidemische Welle in den USA und überall auf der Welt.“ Die Dimension der Omikron-Welle hänge vor allem davon ab, wie groß der Anteil der jeweiligen Bevölkerung ist, die „anfällig“ ist – also wie viele Ungeimpfte oder Geimpfte, deren Immunschutz nachgelassen hat, es in einem Land gibt.

In Südafrika ist der Anteil der Ungeimpften sehr hoch, nur 25 Prozent haben bislang zwei Impfdosen erhalten. Das ist in Europa anders, wo bereits die dritte, die Auffrischimpfung verabreicht wird. Inwieweit dieser Immunschutz auch vor Infektion und Erkrankung mit Omikron bewahrt, ist allerdings noch offen. Die vielen Mutationen, 32 allein im genetischen Bauplan für das Spike-Protein, geben Anlass zur Sorge, dass ein Teil des Immunschutzes verloren gehen wird.

Dennoch werden die Impfstoffe auch gegen Omikron einen gewissen Schutz vor schwerer Erkrankung und Tod bieten, sind sich Experten einig. „Es ist unwahrscheinlich, dass jeglicher Schutz verloren geht“, sagt etwa Muge Cevik, Epidemiologin und Infektionsmedizinerin an der Universität St. Andrews in Großbritannien. Vor allem der zelluläre Immunschutz, der durch die Auffrischimpfung nochmals gestärkt wird, ist nicht auf perfekte Passgenauigkeit der Antikörper auf die jeweilige Virusvariante angewiesen, sondern agiert flexibler. Die Frage, wieviel Schutz genau zwei oder drei Impfungen vor Omikron bieten, wird jedoch noch nicht rasch zu beantworten sein.

Eine erste Einschätzung werden Ergebnisse bestimmter, bald erwarteter Labortests erlauben. Dabei wird das Blut von Geimpften mit der Omikron-Variante versetzt und beobachtet, wie gut die vom Immunsystem gebildeten Antikörper die Viren neutralisieren können. Ob das dann allerdings die Realität, den Immunschutz der Bevölkerung, widerspiegelt, lässt sich erst mit Gewissheit sagen, wenn Omikron in einer Bevölkerung kursiert und viele Menschen infiziert. Wieviele Geimpfte erkranken dann leicht und wieviele schwer, trotz Impfung oder vorheriger Corona-Infektion?

Es sieht so aus, als machte Omikron eine zweite Infektion wahrscheinlicher

Eine erste Abschätzung haben Forscherinnen und Forscher der Universität Stellenbosch in Südafrika versucht. Sie analysierten Daten von fast 2,8 Millionen Corona-Infizierten in dem Land. Sie fanden knapp 36.000 Fälle von wahrscheinlichen Reinfektionen, also Menschen, bei denen nach einer ersten später eine zweite Infektion mit Corona festgestellt wurde. Obwohl Labortests der Delta-Variante bescheinigten, den natürlichen Immunschutz Genesener ein Stück weit zu unterlaufen, also einige Prozent an Schutzwirkung einzubüßen, konnten die Forscher keine erhöhte Rate an Reinfektionen in der dritten, der Delta-Welle in Südafrika feststellen. Im Gegenteil, im Vergleich zur ersten Welle betrug die relative Gefahrenquote für Reinfektionen in der zweiten Welle 1:0.75 und in der dritte, der Delta-Welle 1:0,71. Das Risiko für Reinfektionen sank also.

Verglichen mit den (wenigen) Daten über Omikron-Infektionen bzw. -Reinfektionen aus der Zeit berechnen die Forscher jetzt hingegen einen dramatischen Anstieg dieses Risikos: 1:2,39.

Das heißt, das Risiko, sich erneut mit Corona zu infizieren ist in der beginnenden Omikron-Welle mehr als doppelt so hoch wie in der ersten Welle. Das Forschungsteam um Harry Moultrie von der Universität von Witwatersrand in Johannesburg, warnt, dass die Omikron-Variante mit einer substantiellen Fähigkeit assoziiert ist, die Immunität vorheriger Infektionen zu entgehen, schreiben sie in einem Preprint (einer noch nicht unabhängig begutachteten Forschungsarbeit) auf der Webseite MedrXiv.org. Ob das in gleichem Maße für Geimpfte gilt oder ob der Schutz durch eine Impfung robuster ist als die durch Infektion erworbene Immunität, kann bislang niemand sagen.

Aggressiver oder sanfter?

Die anfängliche Hoffnung, dass Omikron irgendwie harmloser als Delta sein könnte, hat sich bislang eher nicht bestätigt. Als die südafrikanischen Ärzte Ende November Alarm schlugen, schien es so, als gäbe es zwar rapide ansteigende Infektionsraten mit Omikron, doch in den Krankenhäusern blieben die Einweisungen von Covid-Erkrankten zunächst aus.

Das lag aber wohl daran, dass es zwei, drei Wochen braucht, bis sich aus einer Infektion eine hinreichend schwere Covid-19-Symptomatik entwickelt, die zur Klinikeinweisung führt. Außerdem hatten sich anfangs vor allem junge Menschen mit der Variante infizierten - eben die Bevölkerungsgruppe mit den meisten Kontakten. Inzwischen hat auch die Kurve der Krankenhauseinweisungen den gleichen steilen, exponentiellen Verlauf genommen wie die der Infektionen.

Eine abschließende Aussage über die Rate an schweren Erkrankungen, die Omikron bei älteren oder auch jüngeren Infizierten auslöst, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich. Aber selbst, wenn sich herausstellt, dass Omikron etwas weniger schwere Erkrankungen auslöst und „nur“ ansteckender ist, wäre das nicht unbedingt eine gute Nachricht. Denn eine „aggressivere“ Variante von Sars-CoV-2, die beispielsweise 50 Prozent mehr Menschen tötet, ist nicht unbedingt gefährlicher, als eine Variante, die 50 Prozent ansteckender ist.

Da eine ansteckendere Variante in kurzer Zeit sehr viele Menschen infiziert und sich exponentiell verbreitet, kann sie in der gleichen Zeit zu sehr viel mehr Todesopfern führen als eine „aggressivere“ Mutante.

Erschwerend kommt hinzu: In einer Bevölkerung wie in Südafrika, wo es prozentual weit mehr junge Menschen gibt, kann Omikron sich ganz anders, „milder“, auswirken, als in europäischen Ländern wie Deutschland, in denen der Anteil von über 60-Jährigen, die bekanntermaßen ein weit höheres Risiko für schwere Covid-19-Verläufe haben, deutlich höher ist.

Herkunftsspekulationen

Über den Ursprung Omikrons ist nach wie vor nichts Konkretes bekannt. Zu den Spekulationen, die vielen Mutationen hätten sich in einem oder mehreren immungeschwächten Patienten, etwa Krebskranken, Transplantierten oder HIV-Infizierten, entwickelt, oder seien beim mehrfachen Austausch der Viren zwischen Menschen und Nutztieren entstanden, ist nun noch eine weitere gekommen: Rekombination.

Wird ein Mensch von verschiedenen Corona-Varianten infiziert, könnten die Viren Teile ihres Erbguts neu kombinieren. Dadurch würden die Mutationen einer Coronavariante mit den Erbgutveränderungen einer anderen vereint und ein neues, womöglich mit vorteilhaften Eigenschaften ausgestattetes Virus entstünde. Das so etwas möglich ist, darauf deuten zumindest Computeranalysen von über 900.000 Sars-CoV-2-Erbgutsequenzen hin, die ein Forschungsteam um Daniel Jacobson vom Oak Ridge National Laboratory und dem National Virtual Biotechnology Laboratory des US-amerikanischen Department of Energy unternommen hat.

Bei anderen Erregern, etwa dem Grippe-Virus Influenza, sind solche Rekombinationsereignisse nachgewiesen und vergleichsweise häufig. Allerdings besteht das Erbgut dort auch aus mehrere Teilen, so dass ein „Mix“ des Erbguts verschiedener Viren einfacher möglich ist als beim Coronavirus, das nur einen langen, 30000 Bausteine umfassenden Erbgutfaden hat.

Dass solche Rekombinationen im Verlauf der Sars-CoV-2-Pandemie tatsächlich passiert sind, dafür haben britische Forscher um den Evolutionsbiologen Andrew Rambaut von der Universität Edinburgh erste Hinweise gefunden, allerdings für Abkömmlinge der Alpha-Variante (B.1.1.7). Dementsprechend warnen die Forscher, dass eine starke Verbreitung von Sars-CoV-2 die Wahrscheinlichkeit für solche Rekombinationsereignisse erhöht und damit die Evolution des Virus beschleunigt werde. Nur effektive Eindämmungsmaßnahmen - Impfen, Kontaktbeschränkungen, Hygiene und Masken - können das verhindern.

Dieser Text ist zuerst im Tagesspiegel erschienen.

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