Sylvia Thun: „Noch ist die ePA ein Papiertiger im digitalen Gewand“
Berlin. Welches digitale Gesundheitstool nutzen Sie am häufigsten?
Als Ärztin und Wissenschaftlerin arbeite ich täglich mit digitalen Infrastrukturen. Die elektronische Patientenakte (ePA) würde ich gerne häufiger nutzen, was als Privatpatientin leider nicht geht. Dennoch begleite ich ihre Einführung strategisch und praktisch. ChatGPT nutze ich regelmäßig beruflich: für Zusammenfassungen von Sachverhalten, Programmierung und strukturierte Textgenerierung. Auch unser Forschungsdatenportal Gesundheit ist eine wichtige Wissensquelle.
Welcher Digital-Health-Trend wird überschätzt?
Der Glaube an rein App-basierte Lösungen wird überschätzt – besonders wenn sie nicht in interoperable Versorgungsstrukturen eingebettet sind. Ohne Anbindung an zentrale IT-Systeme in Praxen und Krankenhäusern und standardisierte Schnittstellen bleiben sie isolierte Einzellösungen. Technologische Innovation allein reicht nicht, es braucht eine strukturierte Integration. Das gilt auch für die ePA. Sie ist noch weit davon entfernt, ihr volles Potenzial zu entfalten. Ohne strukturierte, semantisch codierte Inhalte und eine flächendeckende Anbindung an Primärsysteme bleibt sie ein Papiertiger im digitalen Gewand.
Welche drei Worte fallen Ihnen ein, wenn Sie an den Stand der Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen denken?
Fragmentierung, Potenzial, Verpflichtung: Wir erleben eine fragmentierte Landschaft mit vielen Insellösungen, aber auch ein enormes Potenzial, wenn wir bestehende Infrastrukturen und Standards konsequent nutzen. Daraus ergibt sich für mich eine klare Verpflichtung: zur gemeinsamen Gestaltung eines interoperablen, fairen und zukunftsfähigen Gesundheitssystems – im Sinne der Versorgung, der Forschung und der Patientinnen und Patienten.