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Interview Strafverteidiger Björn Gercke: „Das Gericht muss spüren, dass man keine Angst vor dem Konflikt hat“

Björn Gercke gehört zu den gefragtesten Wirtschaftsstrafverteidigern Deutschlands. Im Interview spricht er über seine spektakulären Mandate und seine Strategie bei der Verteidigung.
27.06.2021 - 13:49 Uhr Kommentieren
„Um gute Lösungen für den Mandanten abseits des Gerichtssaals hinzubekommen, muss man als Verteidiger zeigen, dass man konfliktfähig ist.“ Quelle: Gercke Wollschläger
Björn Gercke

„Um gute Lösungen für den Mandanten abseits des Gerichtssaals hinzubekommen, muss man als Verteidiger zeigen, dass man konfliktfähig ist.“

(Foto: Gercke Wollschläger)

Köln Strafverteidiger Björn Gercke ist gefragt wie nie. Er verteidigte den Stadtplan-Erben Alexander Falk, der wegen Anstiftung zum versuchten Mord vor Gericht stand, begleitet einen EY-Manager im Wirecard-Skandal und hat etliche Mandate von Bankern, die im Steuerskandal Cum-Ex mitmischten.

Für die meisten Schlagzeilen sorgte aber das Gutachten zum Missbrauchsskandal, das er im Auftrag des Erzbistums Köln erstellte. In keinem anderen Fall stand Gercke so unter öffentlicher Beobachtung.

In seiner Kanzlei an den Kölner Ringen spricht er über seine wichtigsten Mandate. Der Verteidiger erklärt, worauf es bei einer erfolgreichen Verteidigung in Wirtschaftsstrafsachen ankommt und warum der Gesetzgeber bei der Bekämpfung der Geldwäsche die falschen Prioritäten setzt.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Gercke, Sie haben für das Erzbistum Köln ein Gutachten zum sexuellen Missbrauch erstellt. Für einen Wirtschaftsstrafrechtler ist das sehr ungewöhnlich. Wie kam es dazu?
In der Tat, mit Wirtschaftsstrafrecht hatte das auf den ersten Blick nichts zu tun. Aber unser Job war es nicht, einzelne Missbrauchsfälle zu untersuchen. Wir sollten klären, welche Verantwortungsträger Kenntnisse von Missbrauchstaten oder Verdachtsfällen hatten, ob sie die richtigen Schritte unternommen haben und wer für etwaige Fehler bei der Bearbeitung verantwortlich war. Insoweit war die Arbeit vergleichbar einer Compliance-Untersuchung für ein Unternehmen, in dem es etwa einen Korruptionsverdacht gibt. Darin sind wir geübt. In das Mandat selbst sind wir durch eine Empfehlung gekommen.

Also nichts Besonderes?
Doch, das schon. Zum einen durch Unmengen an Dokumenten, die wir kurzfristig auswerten und analysieren mussten, zum anderen durch sehr intensive Befragungen von Verantwortungsträgern und Dritten – bis hin zum Kardinal selbst. Vom Arbeitsaufwand war es gemessen an der begrenzten Zeit, die wir hatten, das größte Mandat der Kanzleihistorie. Sieben Anwälte waren damit beschäftigt, einige davon nahezu permanent. Dazu kamen wissenschaftliche Mitarbeiter.

Standen Sie je so im Rampenlicht?
Nein. Üblicherweise läuft eine Compliance-Untersuchung im Hintergrund, ohne dass die Öffentlichkeit etwas davon mitbekommt. Hier gab es von Anfang an ein mediales Feuer – alles, was wir machten, war quasi auf dem Präsentierteller. Dazu wurden immer wieder Dokumente durchgestochen.

Sie waren nicht die erste Wahl. Vor Ihnen hat sich die Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl mit der Sache befasst. Deren Gutachten wollte das Erzbistum plötzlich nicht mehr.
Und das wohl aus guten Gründen. Dieses Gutachten hatte nach der Expertise der beiden renommierten Äußerungsrechtler Carsten Brennecke und Gernot Lehr schwere Mängel. Beide stellten dies unabhängig voneinander fest. Es verletzte schutzwürdige Interessen Betroffener. Die für März 2020 geplante Veröffentlichung wurde vertagt.

Die Münchener Kanzlei besserte nach, doch das reichte nicht. Das gesamte Gutachten stand schließlich infrage.
Ja, das Erzbistum hat dann zwei der führenden deutschen Strafrechtswissenschaftler, Matthias Jahn und Franz Streng, mit dessen methodenkritischer Untersuchung beauftragt.

Mit welchem Resultat?
Sie kamen zu einem vernichtenden Urteil. Das Erzbistum hat uns dann mit einem neuen Gutachten beauftragt.

Kritiker sagen, Sie hätten Ihren Auftraggeber geschont, Kardinal Rainer Maria Woelki.
Das ist falsch. Wir mussten uns an der zu unterschiedlichen Zeiten jeweils gültigen Rechtslage orientieren. Woelki waren keine Pflichtverletzungen nachzuweisen. Es gab auch nur an einer Stelle Diskussionsbedarf: 2015 wusste Woelki – damals schon Kardinal – zwar über einen eklatanten Verdachtsfall Bescheid. Dies hätte nach heutigen Maßstäben eine Meldepflicht ausgelöst, jedoch war der Beschuldigte in dem Fall verhandlungsunfähig.

Im Wirtschaftsstrafrecht erregt der Fall Wirecard die Gemüter. Sie standen zuletzt EY und deren Qualitätschef zur Seite. Wie viel Arbeit steckt in dem Mandat?
Die Arbeit für EY hat mich persönlich in den vergangenen Monaten sicher am meisten von allen Mandaten beansprucht. Und neben mir noch eine weitere Partnerin unserer Kanzlei.

In der öffentlichen Wahrnehmung hat EY versagt. Können Sie als Verteidiger etwas retten?
Ich kann zu dem laufenden Mandat natürlich nicht viel sagen. Wir sind auch nur Teil eines großen Anwaltsteams aus mehreren Kanzleien für die unterschiedlichen Bereiche. Aber gestatten Sie mir eine Anmerkung: EY ist es letztlich nicht anders gegangen als der Bafin oder der Staatsanwaltschaft sowie vielen anderen, darunter auch dem ein oder anderen aus der Politik. Die Prüfer sind nach Lage der Dinge mit großem Aufwand betrogen worden.

EY hätte den Betrug durch eine ordentliche Prüfung stoppen können.
So einfach ist es nicht. Die Prüfer haben im Jahresabschluss nur begrenzte Möglichkeiten. Wenn der Gesetzgeber eine Art Prüfpolizei haben möchte, muss er die Rahmenbedingungen ändern. EY hat ja den Finger immer wieder in die Wunde gelegt, auf die Probleme hingewiesen. Und EY hat durch das Versagen des Testats dem Unternehmen letztlich den Stecker gezogen.

Die Testate haben sie trotzdem erteilt – bis der Betrug für jeden offensichtlich war.

Man darf nicht den Fehler begehen und den Fall nur aus heutiger Sicht betrachten. So, wie es sich darstellt, haben Verantwortliche bei Wirecard umfassend betrogen. Noch mal: Auch die Bafin und die Staatsanwaltschaft haben sich selbst 2019 noch täuschen lassen. Das geht derzeit etwas unter. Aus politischen Gründen ist es aber einfacher, auf EY draufzuhauen.

EY gesteht bisher keine Fehler ein. Im Münchener Strafprozess um den Dieselskandal bei Audi packte dagegen einer der Angeklagten aus. Die Staatsanwaltschaft wirkte gar offen für eine Einstellung des Verfahrens gegen Auflagen, die das Gericht ablehnte. Wie gehe ich als Verteidiger damit um?
Von außen kann ich das kaum beurteilen. Generell muss sich ein Verteidiger immer fragen, ob er alles richtig gemacht hat, wenn sein Mandant auspackt und dies nicht honoriert wird. Das eine ist die Wahrheitsfindung – das ist Aufgabe der Strafjustiz. Das andere ist, was für den Mandanten am besten ist – daran hat der Anwalt zu denken. Dafür bringt ihm der Mandant das Vertrauen entgegen. Im Dieselskandal gibt es keine Präzedenzfälle, an denen ich mich als Verteidiger orientieren kann.

Im Cum-Ex-Komplex weiß man mehr. Dort hat sich die Kooperation für die ersten Angeklagten gelohnt, es gab Bewährungsstrafen.
Ja, hier hat der Schritt den Verteidigern recht gegeben. Die Angeklagten wussten zunächst nicht, worauf Sie sich einlassen. Aber die Kollegen hatten das richtige Gespür. Die Kronzeugenregelung kann prinzipiell ein schönes Instrument sein, weil die Aufklärungshilfe gesetzlich belohnt wird. Aber sie ist eben mit vielen Hürden und Unsicherheiten verbunden.

Mit welchen?
Ich muss mich recht früh im Verfahren für den Schritt entscheiden, wenn der natürliche Impuls noch eher in Richtung Abwarten geht. Und Zusagen zu einem Deal sind zumindest in Fällen wie dem Dieselskandal oder den Cum-Ex-Geschäften kaum zu bekommen. Es ist mit das Spannendste im Strafverteidiger-Job. Er muss wie beim Schach antizipieren, was passieren wird – und den Mandanten dabei mitnehmen.

Sie verteidigen den Briten Sanjay Shah, der mit Cum-Ex-Deals mehrere Staaten massiv schädigte und als Europas Steuerräuber Nummer eins gilt. Welche Entwicklungen gibt es?
Zuletzt hat Herr Shah zwei Punktsiege errungen. Der dänische Staat hatte ihn in England zivilrechtlich verklagt – dafür hat sich ein englisches Gericht nicht zuständig erklärt und die Klage abgewiesen. In Dubai hat Herr Shah in erster Instanz gewonnen. Dort ging es um die Freigabe eingefrorener Gelder.

Strafrechtlich sieht es schlechter aus. Zwei Anklagen wurden 2021 erhoben, und Ermittlungen laufen.
International am meisten im Fokus ist sicher das Verfahren in Dänemark. In Deutschland droht Herrn Shah aus der Anklage wegen Geldwäsche in Hamburg das größte Problem. Darauf ist mein Hauptaugenmerk gerichtet. Daneben ist gegen Herrn Shah noch ein kleineres Ermittlungsverfahren wegen Steuerhinterziehung der Staatsanwaltschaft Köln anhängig.

Klein? Es geht um einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag.
Ja, Sie haben natürlich recht. Ich meinte kleiner auch eher im Hinblick auf die enormen Summen, um die es in dem Cum-Ex-Komplex insgesamt geht.

Wegen der Anklage in Hamburg läuft ein Streit mit dem dortigen Landgericht. Weshalb?
Wir haben an der Anklage erhebliche Kritik. In Dänemark ist Herr Shah wegen Steuerhinterziehung angeklagt, in Hamburg wegen Geldwäsche. Eine Verurteilung wegen Geldwäsche ist in Deutschland ausgeschlossen, wenn jemand wegen einer Vortat belangt wird. Aus unserer Sicht gilt dies nicht nur für mögliche Straftaten in Deutschland, sondern auch für solche im EU-Ausland. Man kann Herrn Shah für das gleiche Geld vielleicht zweimal anklagen, aber nicht zweimal verurteilen.

Ein Urteil in Dänemark steht aus.
Es ist dennoch ein fragwürdiges Vorgehen der Staatsanwaltschaft Hamburg. Sie hat Herrn Shah in dem Wissen angeklagt, dass in Dänemark gegen ihn eine Anklage vorliegt. Die Argumentation der Staatsanwaltschaft halten wir für nahezu anmaßend gegenüber den dänischen Behörden. Diesen wird ja geradezu unterstellt, das Verfahren nicht in den Griff zu bekommen.

„Jede Verschärfung von Gesetzen fördert das Geschäft“

Losgelöst vom Hamburger Fall: Das Geldwäschegesetz wurde reformiert. Wie bewerten Sie dies?
Ich halte die Gesetzesänderung des Geldwäschetatbestands für überzogen. Der Anwendungsbereich und die Prüf- und Mitteilungspflichten sind ausgeufert. Im Prinzip sind Unternehmen gezwungen, jeglichen Geldzufluss auf Geldwäsche hin zu kontrollieren. Es gibt keine Bagatellgrenzen.

Sie wollen nicht bestreiten, dass Geldwäsche in Deutschland ein großes Problem ist ...
Nein, das will ich nicht. Aber ein noch größeres Problem ist es, wenn der Gesetzgeber die Regeln zur Bekämpfung von Geldwäsche verschärft, ohne dafür genug Ressourcen bereitzustellen. Die zuständige Financial Intelligence Unit (FIU) hat sich in den vergangenen Jahren nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Es wäre sinnvoller, mehr Personal einzustellen. Bei den Sanktionen halte ich einen anderen Weg für zielführender.

Das heißt?
Die Geldwäsche ist eines von wenigen Delikten aus dem Bereich des Wirtschaftsstrafrechts im Strafgesetzbuch, die man fahrlässig begehen kann. Ursprünglich war im Referentenentwurf vorgesehen, die Fahrlässigkeit zu streichen und nur vorsätzliche Verstöße strafrechtlich zu verfolgen. Ähnlich ist es etwa im Steuerstrafrecht. Die Steuerverkürzung wird als Ordnungswidrigkeit sanktioniert und nur bei Vorsatz als Steuerhinterziehung strafrechtlich verfolgt. So könnte es auch bei der Geldwäsche praktiziert werden. Dass der Vorschlag aus dem Referentenentwurf wieder kassiert wurde, ist ein Fehler.

Immerhin sorgt das für neue Arbeit.
Wirtschaftlich gesehen fördert jede Verschärfung von Gesetzen das Geschäft, sowohl was die Präventionsberatung als auch was die strafrechtliche Verteidigung angeht. Aber genügend Arbeit haben wir jetzt schon. Und rechtspolitisch sehe ich das neue Gesetz wie gesagt kritisch.

Apropos Prävention oder Verteidigung: Wie verteilt sich Ihr Geschäft, und was machen Sie lieber?
Beides verteilt sich in meiner Arbeit in etwa gleich. Die Individualverteidigung ist der Grund, weshalb ich Strafrechtler geworden bin, und vom Herzen her bin ich bis heute Verteidiger. Aber inzwischen bin ich genauso im Krisenmanagement an der Seite von Unternehmen und Institutionen zu Hause. Gerade von diesen Mandaten kommt aber vieles nicht an die Öffentlichkeit.

Spektakulär war die Verteidigung des Stadtplan-Erben Alexander Falk, der wegen des Verdachts auf einen Mordauftrag angeklagt war.
Die Arbeit für Herrn Falk war eines der ungewöhnlichsten Mandate in meiner Karriere. Wir haben die Verteidigung wie in einem Wirtschaftsstrafverfahren aufgebaut. Die vermeintliche Motivation für den angeblichen Auftrag lag in einem alten Wirtschaftsstrafverfahren, das gegen Herrn Falk vor vielen Jahren geführt wurde.

Am Ende wurde Herr Falk wegen Anstiftung zu einer Körperverletzung zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Richter kritisierte Sie und Ihre Mitverteidiger massiv. Er sprach von respektlosem Verhalten gegenüber dem Gericht und einem Überschreiten von Grenzen.
Ich bin grundsätzlich kein Krawallmacher, da können Sie die Staatsanwaltschaften und Gerichte landauf, landab fragen. Aber die Art und Weise, wie der Vorsitzende Richter das Verfahren von Beginn an geführt hat, war nicht in Ordnung. Ich glaube, dass man Herrn Falk nicht die erforderliche Unvoreingenommenheit entgegengebracht hat.

Woran machen Sie das fest?
Nur ein Beispiel: Die Strafkammer war mehrfach nicht in der Lage, einen funktionierenden Beamer zu organisieren, obwohl das Vorführen eines Beweismittels seit Wochen angekündigt war. So musste ich in einer Verhandlungspause einen im nahe gelegenen Elektromarkt kaufen.

Dies demonstriert die Absurdität der Prozessführung quasi in einer Szene: Herr Falk saß da bereits eineinhalb Jahre in Untersuchungshaft, es ging um einen entlastenden Beweisantrag bezüglich eines Dokuments, das der Vorsitzende selbst als „Persilschein“ bezeichnet hatte – und dann soll es über Wochen nicht möglich sein, am Landgericht Frankfurt einen funktionierenden Beamer zu finden? Grotesk.

Aufgrund von Situationen wie dieser konnten wir mit Kritik nicht hinterm Berg halten. Ein Richter muss so etwas dann auch aushalten. Dass er dann die Urteilsverkündung nutzt, um eine Generalkritik an den Verteidigern zu äußern, die er übrigens vorher nicht kundgetan hat, spricht auch für sich.

Was störte im Prozess am meisten?

Wenn bei unveränderter Tatsachenlage am Tag des Urteils der Mordvorwurf fallen gelassen wird, dann frage ich mich, warum Herr Falk wegen einer angeblichen Anstiftung zu einer Körperverletzung insgesamt fast zwei Jahre lang in Untersuchungshaft saß. Das ist der eigentliche Skandal des Verfahrens. Der Vorwurf einer Anstiftung zum Mord war aus meiner Sicht von Anfang an absurd. Jetzt warten wir ab, wie der Bundesgerichtshof entscheidet.

„Wenn ein Mandant in Haft sitzt, ist der Puls bei mir am höchsten.“

Hat Herr Falk an Ihnen gezweifelt?
Nein, es war eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit, trotz der für ihn unheimlich schweren Situation der langen Untersuchungshaft.

Wie ist er damit umgegangen?
Er hat sich permanente Beschäftigung gesucht, hat ein extremes Sportprogramm absolviert. Er war so fit, dass er als 50-Jähriger in einem gefängnisinternen Wettkampf um die meisten Liegestütze, Sit-ups und Kniebeugen den zweiten Platz belegt hat, noch vor zig aufgepumpten 20-Jährigen. Außerdem hat er viel gelesen und die Akten studiert. Wir haben Herrn Falk an der Stelle zielgerichtet mit eingebunden. Sven Thomas, der Herrn Falk im ersten Prozess zur Seite stand, bezeichnete ihn mir gegenüber mal als den intelligentesten Mandanten, den er je hatte. Das kann ich unterschreiben.

Welche Auswirkung hat eine Haft auf Ihre Arbeit als Verteidiger?
Wenn ein Mandant in Haft sitzt, ist der Puls bei mir am höchsten. Das ist mit einer Compliance-Untersuchung in einem Unternehmen nicht vergleichbar. Man muss dann auch abseits des rechtlichen Rats Beistand leisten. Speziell für Mandanten aus dem Wirtschaftsleben ist es zudem eine meist völlig ungewohnte Situation.

Wie ist es in Fällen, in denen Sie merken, dass Sie keinen Zugang zum Mandanten finden?
Das ist eine sehr schwere Situation. Man muss zügig darüber sprechen und darf sich nicht scheuen, das Mandat dann lieber früher als später niederzulegen. Davor scheut man als junger Anwalt vielleicht manchmal zurück – doch dann kann es passieren, dass man die Kontrolle über das Mandat verliert. Wenn der Mandant mit dem Verteidiger Schlitten fährt, ist es für beide Seiten nicht gut.

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In welchen Situationen haben Sie am meisten gelernt?
Als junger Anwalt geht man viel schneller und bisweilen auch unnötige Konflikte mit der Justiz ein. Mit mehr Erfahrung lassen sich Hauptverhandlungen eher abwenden. Rund 90 Prozent unserer Verfahren enden einvernehmlich, also in Deals. Insbesondere in Wirtschaftsstrafverfahren ist es für Mandanten oft wichtig, nicht auf dem Präsentierteller des Gerichtssaals zu sitzen. Um aber gute Lösungen abseits des Gerichtssaals hinzubekommen, muss man zeigen, dass man konfliktfähig ist. Das Gericht muss spüren, dass man keine Angst vor dem Konflikt hat. Vor allem für junge Strafrechtler in bekannteren Kanzleien ist es dabei heute schwieriger als früher.

Warum?
Weil es auch wichtig ist, dass man sich frei entwickeln kann. Wenn ich aber in Verfahren tätig bin, auf die der Scheinwerfer gerichtet ist, ist das schwerer. Dann wird in der Kanzlei viel mehr vorher intern abgestimmt. Das ist auch bei uns so. Ich hatte es da einfacher.

Was ist noch wichtig für den Erfolg als Strafverteidiger?
Konsequentes Handeln und viel Kommunikation. Ich versuche außerdem immer, erst einmal wie ein Staatsanwalt zu denken. Das Versetzen in die Gegenposition hilft beim Verständnis, ob oder an welchen Stellen ich auf die Ermittler zugehen kann.

Herr Gercke, vielen Dank für das Interview.

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