Start-ups: E-Scooter-Anbieter Tier fusioniert mit Konkurrent Dott
Berlin. Der angeschlagene Berliner E-Scooter-Anbieter Tier Mobility will sich mit dem deutlich kleineren Konkurrenten Dott zusammenschließen. Es gebe eine entsprechende vorläufige Vereinbarung, teilten beide Firmen am Mittwoch mit. Zuvor hatten sich Gespräche mit den Rivalen Voi und Bolt zerschlagen.
In trockenen Tüchern ist die Fusion von Tier und Dott allerdings noch nicht. In den kommenden zwei Monaten müssten noch mehrere Bedingungen erfüllt werden, hieß es. Details dazu wurden genauso wenig genannt wie der Wert des fusionierten Unternehmens. Dieser soll Finanzkreisen zufolge auf nur noch rund 150 Millionen Euro zusammengeschrumpft sein. Dabei war Tier einst mit zwei Milliarden Dollar bewertet worden und galt damit als Einhorn. Investoren hatten rund 660 Millionen Dollar in das Unternehmen investiert, bei Dott waren es 110 Millionen Dollar.
Die Lage der E-Scooter-Anbieter ist angespannt: Die Konsumzurückhaltung, der harte Wettbewerb und die hohen operativen Kosten belasten die Branche. Zuletzt wurden darum Stellen gestrichen, Anbieter zogen sich aus Städten und Ländern ganz zurück. Zuletzt ging auch der E-Scooter-Pionier Bird aus den USA in die Insolvenz.
Die zunehmende Regulierung macht den Anbietern zu schaffen. So werden Ausschreibungen in vielen Regionen und Städten verschärft, um die Zahl der E-Scooter einzudämmen, die mitunter Geh- und Radwege blockieren oder in Flüssen versenkt werden. Die französische Hauptstadt Paris gilt als warnendes Beispiel für die Branche: Dort waren Leihroller nach einer Bürgerbefragung komplett verboten worden.
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Um für die Zukunft gewappnet zu sein, benötigen Tier und Dott nun frisches Geld. Mehrere Bestandsinvestoren, angeführt von Mubadala Capital und Sofina, schießen dem fusionierten Unternehmen noch mal 60 Millionen Euro zu. Tier-Investor Softbank aus Japan ist offenbar nicht dabei.
Das Kapital ist nötig, weil beide Anbieter seit ihrer Gründung Verluste schreiben. Ursprünglich wollte Tier 2023 erstmals Gewinne ausweisen. Das sei trotz deutlicher Verbesserungen auf Basis des Betriebsgewinns (Ebitda) nicht gelungen, teilte die Firma mit. Die operative Marge verbesserte sich 2023 auf minus 15 Prozent, nach minus 63 Prozent im Vorjahr.
Der Umsatz betrug Finanzkreisen zufolge 2023 knapp 250 Millionen Euro. Ursprünglich hatte die Firma für das abgelaufene Jahr mit knapp 300 Millionen Euro gerechnet. Allerdings wurden Randbereiche verkauft wie etwa die US-Einheit Spin mit rund 60 Millionen Dollar Umsatz, die an den mittlerweile insolventen Wettbewerber Bird ging.
Um Kosten zu sparen, hatte Tier-Mitgründer und -Chef Lawrence Leuschner seit Mitte 2022 mehrfach Mitarbeiter entlassen. Die Belegschaft des Unternehmens ist von über 1000 auf rund 500 Angestellte geschrumpft. Damit beschäftigt Tier weniger Mitarbeiter als Dott.
Tier-Gründer nicht mehr operativ aktiv
Im Zuge der Fusion mit Dott wird sich Tier-Chef Leuschner aus dem operativen Geschäft zurückziehen. Er soll Aufsichtsratsvorsitzender werden. Dott-Mitgründer Henri Moissinac soll Chef des fusionierten Unternehmens werden, sein Mitgründer Maxim Romain soll das operative Geschäft verantworten und der bisherige Tier-Finanzchef Alex Gayer übernimmt die Finanzen.
„Die Städte passen sich an, um die Abhängigkeit vom Auto zu verringern, und ermutigen die Menschen, sich für nachhaltige Verkehrsmittel zu entscheiden“, sagte Moissinac. Durch die Zusammenführung von Tier und Dott werde das Tempo beschleunigt, in die Gewinnzone zu kommen.
Aus Sicht von Lars Jörnow, Leiter des 2018 bei Dott eingestiegenen Investors EQT Ventures, entsteht durch die Fusion eine E-Scooter-Firma von einer Größenordnung und Effizienz, die kein anderes europäisches Unternehmen in diesem Bereich erreiche.
Bisher ist allerdings wenig darüber bekannt, welchen Fokus das fusionierte Unternehmen setzen wird. Offenbar sind Kürzungen im Angebot vorgesehen. Tier ist aktuell in 400 Städten in 21 Ländern aktiv. Dott wiederum ist aktuell in Belgien, Frankreich, Italien, Polen, Spanien, Großbritannien und Israel vertreten. Es gebe nur wenige Überschneidungen im Angebot, so die Unternehmen. In Deutschland hatte sich Dott schon nach kurzer Zeit wieder vom Markt zurückgezogen. In der Presseerklärung zur Fusion heißt es, die Unternehmen planten für 2024 zusammen mit einem Umsatz von 250 Millionen Euro.
Die Einnahmen der Bikesharing-Tochter Nextbike seien nicht inbegriffen. „Ob und welche Standorte geschlossen werden, steht aktuell nicht fest und ist Teil der Evaluierung im Zuge des Integrationsprozesses, der erst nach dem Closing startet“, hieß es weiter.
Konkurrent Lime, der mit seinen grün-weißen E-Scootern auch in Deutschland vertreten ist, will sich von der Fusion nicht von seinem Kurs abbringen lassen. Der Fokus liege darauf, profitabel zu bleiben, erklärte die US-Firma.