VKU-Chefin Katherina Reiche: „Kooperationen sind eine gute Antwort“
„Wir brauchen Kooperationen. Daran führt kein Weg vorbei.“
Foto: Marc-Steffen Unger für HandelsblattBerlin. Für die Stadtwerke brechen neue Zeiten an. Katherina Reiche, Geschäftsführerin des Verbandes kommunaler Unternehmen, spricht über Margendruck und die Herausforderungen der Digitalisierung. Sie sollten zusammenrücken, rät Katherina Reiche den Stadtwerken. Deren Kleinteiligkeit hält die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Kommunaler Unternehmer (VKU) aber nicht per se für einen Nachteil.
Frau Reiche, wie gehen die Stadtwerke mit der Digitalisierung um?
Digitalisierung wird meist durch Kundenperspektive betrachtet: Wie verdrängt Amazon den Buchhändler, Uber den Taxifahrer oder Airbnb die Hotels. Natürlich schauen Stromverbraucher auf Vergleichsportale und nutzen möglicherweise das Stromangebot eines ganz neuen Players, der aus einer anderen Branche kommt. Das ist aber nur ein Teil der Veränderung.
Wo sehen Sie den Fokus?
Wir reden in allen Unternehmen, nicht nur in der Energiewirtschaft, über technische und organisatorische Grundlagen. Über neue IT-Lösungen, intelligente Prozesssteuerung und Datenanalyse. Das sind integrale Bausteine der Digitalisierung, von denen Endkunden direkt nichts wahrnehmen.
Was bedeutet das für Ihre Branche?
Die Digitalisierung von Anlagen, Prozessen und Produkten bringt uns ganz neue Möglichkeiten. Nehmen Sie predictive maintenance: Die Anlagen, die unsere Unternehmen betreiben, lassen sich auf der Basis umfassender Sensorik heute viel effizienter überwachen und warten. Intelligente Netzsteuerung kann die Basis dafür sein, Kunden individuelle Tarife anzubieten. Wenn Daten das Öl des 21. Jahrhundert sind, ist Datenanalytik der Verbrennungsmotor.
Kann das jedes kleine Stadtwerk leisten?
Wir brauchen Kooperationen. Daran führt kein Weg vorbei. Darin liegen erhebliche Chancen. Und damit meine ich nicht nur Kooperationen der Stadtwerke untereinander, sondern auch Kooperationen mit Partnern, die auf den ersten Blick nichts mit unserer Branche zu tun haben.
Die kommunalen Dienstleister leiden unter der Energiewende.
Foto: imageBROKER / Hans BlosseyIst das nur frommer Wunsch oder bereits Realität?
Es ist in vielen Fällen schon Realität. Nehmen Sie die Stadtwerke Wuppertal. Sie haben vor ein paar Wochen ein Projekt präsentiert, bei dem sie mit einem externen Partner einen Handelsplatz für Ökostrom mittels Blockchain-Technologie gestartet haben. Wir spüren quer durch die Stadtwerkelandschaft eine ungeheure Bewegung und Dynamik.
Muss jedes Stadtwerk eigene Lösungen erarbeiten?
Für standardisierte Prozesse ist das natürlich nicht notwendig. Nehmen Sie die Abrechnung von Zählerdaten oder das Zusammenschalten von Photovoltaikanlagen oder ganz allgemein den Betrieb von Rechenzentren. Da ist es ohne Frage sinnvoll, nach gemeinsamen Lösungen und Plattformen zu suchen. Das geschieht in der Praxis schon längst. Die Prozesse werden komplexer, die Anforderungen steigen. Kooperationen sind eine gute Antwort darauf.
Sind nicht Zusammenschlüsse statt Kooperation die richtige Antwort?
Zusammenschlüsse sind hochpolitische Entscheidungen. Das unterscheidet uns von rein privatwirtschaftlichen Unternehmen, die sich allein mit ihren Kapitalgebern auseinandersetzen müssen. Die Anteilseigner unserer Unternehmen treffen sich in einer Stadtverordnetenversammlung oder Gemeindevertretung. Das macht es komplexer.
Bleibt es also bei 900 Stadtwerken in Deutschland?
Es geht hier nicht um eine Größenordnung. Es geht um die Vorstellungen in unseren Köpfen. Ich kenne keinen Beleg dafür, dass kleine und dezentrale Strukturen grundsätzlich schlechter und ineffizienter sind als eine große und zentrale. Nicht selten ist das Gegenteil der Fall.