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Aldi down underAldi packt aus – aber nur in Australien

Aldi wehrt sich in Australien gegen die erbitterten Angriffe der Supermarkt-Konkurrenz, die dem Discounter Steuertricks vorwerfen. Daher hat der deutsche Einzelhändler nun seine legendäre Verschwiegenheit gebrochen.Urs Wälterlin 24.06.2015 - 15:24 Uhr Artikel anhören

Der deutsche Discounter sorgt bei den etablierten australischen Supermarktketten für Unruhe.

Foto: Reuters

Goulburn. Gummibärchen kümmert der Streit zwischen Aldi und den Neidern nicht. Die Kult-Süßigkeiten aus dem Hause Haribo verkaufen sich auch diese Woche bei Aldi in der australischen Kleinstadt Goulburn wie warme Semmeln. „Ein Dauerhit“, sagt Zweigstellenleiterin Christine gegenüber dem Handelsblatt – und zwar nicht nur unter deutschen Touristen. Und dann der Wein: umgerechnet zwei Euro für eine Flasche australischen Roten, und zwar nicht den schlechtesten. Gleich gegenüber, beim Erzrivalen Woolworths, kostet er drei Euro. Fragt sich nur, wie lange. Die Preis-Scouts der Konkurrenz schlafen nicht.

Im australischen Einzelhandel herrscht ein Preiskrieg, und schuld daran ist in erster Linie Aldi. 2001 stiegen die Deutschen in Australien ein, heute haben sie über 300 Zweigstellen. Die Expansion macht das Management von Woolworths – ein börsennotiertes australisches Unternehmen – und der Nummer Zwei, Coles, immer nervöser. Am Montag hatte der Vorstandschef von Wesfarmers – der Muttergesellschaft von Coles – die Behörden aufgefordert, die Steuererklärung von Aldi unter die Lupe zu nehmen. Er verlangte von den Eindringlingen „Transparenz“.

Discounter mit Regionalprodukten

Wenn Bauer und Aldi-Manager um die Wette strahlen

Solche gelegentlich fast fremdenfeindlich gefärbten Attacken sind nichts Ungewöhnliches in Australien. Die konservative Regierung selbst klagt regelmäßig, einige ausländische Firmen – unter ihnen Google und Apple – würden durch Gewinnverschiebungen ins Ausland und buchhalterische Tricks vermeiden, in Australien substanziell Steuern zu bezahlen.

Die wenigsten aber wehren sich gegen die Vorwürfe wie Aldi. Am Dienstag brach das deutsche Unternehmen mit seiner Tradition der Verschwiegenheit und ging an die Öffentlichkeit. Aldi streite die Beschuldigungen ab, hieß es. Das Unternehmen komme allen Steuerforderungen der Regierung nach. Im Steuerjahr 2013 (Juli 2012 bis Juni 2013) habe die Firma 81,6 Millionen australische Dollar (56,4 Millionen Euro) an Ertragssteuern bezahlt. Die Steuerquote lag – für Unternehmen üblich – in den letzten drei Jahren bei knapp 31 Prozent.

Wie Aldi groß wurde
Wer hatte eigentlich die Idee Aldi so zu gründen, wie wir es heute kennen? Es wird wohl nie endgültig zu klären sein. Aber viele Indizien deuten darauf hin, dass es eher Karl Albrecht war als sein Bruder Theo. Das soll aber nicht schmälern, welch wichtigen Beitrag auch Letzterer beitrug.
Der Krieg war aus. 1946 im zerbombten Essen-Schonnebeck begann die Erfolgsgeschichte zwischen Lebensmittelkartons und Krämerware. Das Brüderpaar Karl und Theo Albrecht erkannte die Chance, die die Phase der sozialen Umorientierung bot. Sie bauten den Tante-Emma-Laden der Eltern aus.
Karl und Theo Albrecht erkannten rasch, dass der Laden der Eltern ihnen beiden keine Zukunftsaussicht bot. Sie entdeckten die betriebswirtschaftliche Zauberformel der Zeit „Nachfrage versus Bedarfsdeckung“ für sich und schafften es, sie im Sinne des Kunden zu lösen.
Karl und Theo Albrecht lebten  die Anforderungen der damaligen Zeit in perfekter Symbiose. Sie hatten weder äußerlich viel gemeinsam noch waren sie ähnlich gepolt. Theo überragte seinen Bruder um Kopfeslänge. Doch der „Kleinere“ war Vordenker und Impulsgeber. Ungeduldig, beredt, rastlos, bisweilen explosiv war Karl. Theo wirkte dagegen eher zurückhaltend, sogar zögerlich abwägend.
Die beiden Brüder waren in ihrer uniformen Arbeitsauffassung füreinander ein Glücksfall. Von vornherein waren die Aufgaben geteilt: Karl versah den Innen-, Theo den Außendienst. Sprich: Karl kümmerte sich um die schwierige Einkaufspolitik. Es war nicht einfach, die richtige Ware preiswert und in ausreichende Menge zu erhalten. Theo betreute die Verkaufsstellen sowie die Verwaltung und Buchhaltung.
1946 begann es mit dem kleinen Laden der Eltern. 1950 nannten die beiden Brüder eine Kette von 13 Läden inklusive Bedienungen ihr Eigen. Nun strukturierten sie ihre Läden nach dem Discountprinzip um. 1961 trennten sie ihre Geschäfte in Aldi Nord und Aldi Süd.
Zur moralischen Stabilität ihrer Konzerne trug maßgeblich die persönliche Lebensweise der Brüder bei. Beide waren im Auftreten zurückhaltend und lebten bescheiden. Sie waren nach alter Schule nach den Prinzipien Sparsamkeit und Kargheit erzogen.
Als einzigen „Luxus“ erlaubten sie sich ein eigenes Auto. Auf sein Golfschloss in Donaueschingen schickte Karl Albrecht seine Führungskräfte zum Entspannen. Die Brüder kannten keine Scheu vor ihrer kleinbürgerlichen Herkunft. Die Adresse Huestraße 89 in Essen-Schonnebeck wollten sie nie abstreifen. Sie waren stets praktizierende Katholiken und wollten in der Öffentlichkeit so wenig wie möglich wahrgenommen werden.
Theo Albrecht hatte eine Marotte: Er wollte jede Filiale sehen, bevor die zentrale Schreinerei an die Fertigung der Regale und Einrichtungsteile ging. Dabei kümmerte den Hobbyarchitekten die Delegation von Aufgaben zur eigenverantwortlichen Erledigung nur bedingt. Es galt: In dubio pro Theo.
Es gab durchaus Spannungen zwischen Theo und Karl Albrecht. Besonders deutlich wurde das beim ersten Schritt über die Grenzen Deutschlands. 1971 expandierte Aldi nach Österreich. Karl war es, der die Familie als erster international aufstellte. Heute firmiert Aldi Süd in Österreich übrigens unter dem Namen „Hofer“.
Verschwiegenheit war stets Trumpf im Hause Albrecht. Aldi lässt sich partout nicht in die Karten schauen. Die totale Verschleierung aller Kulissen ist institutionalisiert. So wenig undichte Stellen wie möglich, lautet die Devise.
Die Brüder gaben sich Maßregeln, die zu unverrückbaren internen Prinzipien wurden: Keine Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Keine Firmensprecher. Keine Interviews im Radio oder Fernsehen. Keinerlei mondäner Lifestyle. Keine Lobbyarbeit. Keine Firmenjubiläen. Lückenlose Rückgabe von Werbegeschenken.
Die Zurückhaltung hatte einen guten Grund: Abgucker und Schmarotzer sollte keine Gelegenheit  zur Einsicht in Interna haben. Die innovative Discount-Struktur war eine zarte Pflanze und schutzbedürftig. Das neue Konzept musste sich in Ruhe verfestigen. Erfahrungen waren Gold wert.
Aldis Verwaltungsrat ist ein frei schwebendes Organ. Gesellschaftsrechtlich ist es nirgendwo in den Statuten eingebunden. Seine Mitglieder haben freiberuflichen Status, sind aber dennoch die „Macher“: Der Verwaltungsrat ist das zentrale Machtorgan des Konzerns. Aldi steht seit jeher zu seinem Führungssystem, dass sich mit dem Wort Durchgriffs-Management am besten umschreiben lässt. Der Verwaltungsrat hat den Alleinführungsanspruch.
Aldi stellte stets besondere Anforderungen an seine Mitarbeiter und richtet seine Personalsuche darauf ab. Vorstellungsgespräche sind exzessiv angelegt, manchmal über mehrere Sitzungen. Man lotet die charakterlichen und sozialen Hintergründe des Bewerbers genau aus. Personalvermittlungen kommen nicht zum Zug.
Natürlich variiert das Anforderungsprofil je nach Stelle, aber es gibt gewisse Grundvorstellungen: Der Bewerber sollte unauffällig und zurückhaltend im Auftreten sein, seine Bekleidung schlich und gediegen, seine Herkunft möglichst bodenständig, die Familienverhältnisse geordnet, Sparsamkeit wird sehr geschätzt wie auch Pflichtbewusstsein und Normalität hinsichtlich des Lebensprinzips.
Das Warenumschlagssystem von Aldi mit seinen schematisierten Abläufen erfordert erfahrene Praktiker. Es wird nicht vorrangig Kopfarbeit am Schreibtisch verlangt. Wer richtig aufsteigen wollte, hatte bei den Albrechts eine Ochsentour vor sich. Ein Akademikerstatus ist entbehrlich.
Für Aldi liegt das Geheimnis des langfristigen Erfolges im Zeitmanagement der Führungskräfte. Es gibt eine detaillierte Planungsphilosophie und strenge Normen nach dem Motto: Plan dich oder friss dich! Zudem hat Aldi ein umfangreiches Prämiengerüst. Bezirksleiter bekommen solche und vergeben wiederum welche an ihre Filialleiter. Einzig der Geschäftsführer bekommt keine Prämie.
Wer den Ansprüchen Aldis gerecht werden will, muss sie beherrschen: die Handbücher. Das gilt aber vor allem für die regionalen Geschäftsführer. Aldi Nord hat im Laufe der Jahre alles, was Firmeninterna angeht, in solchen Handbüchern fortgeschrieben. Da ist einiges Zusammengekommen – viel Lesestoff.
Aldi-Mitarbeiter lachen wenig. Zu stark lastet der Druck auf allen. Er wird von der Spitze her aufgebaut und durchgereicht. Das einzige, was lacht, ist die Liquidität.
Es ist auch für Journalisten vom Fach sehr schwierig, Details über die beiden Aldi-Konzerne herauszubekommen. Das Unternehmen ist nicht börsennotiert und somit nur zu bestimmten Veröffentlichungen verpflichtet. Umso wertvoller sind glaubwürdige und detaillierte Berichte, wie sie Eberhard Fedtke in seinem Buch geliefert hat. Er war viele Jahre lang Gesellschafter bei dem Konzern. Bibliografie:Eberhard FedtkeAldi Geschichten. Ein Gesellschaftler erinnert sichNWB Verlag, Herne 2011296 Seiten

Daraus lässt sich errechnen, dass der Verdienst vor Steuern rund 263 Millionen australische Dollar betrug, und der Umsatz bei etwa 5,3 Milliarden australische Dollar lag. Damit genoss Aldi eine Marge von 4,4 Prozent, etwas weniger als beim Konkurrenten Coles mit 5 Prozent.

Die Supermarktkette aus dem Saarland entwickelte bereits 1966 ein Konzept, das einem modernen Supermarkt ähnelt. Heute beschäftigt das Unternehmen rund 18.500 Mitarbeiter in 46 SB-Warenhäusern. Im Jahr 2015 erreichte die Globus-Gruppe einen Umsatz von 4,82 Milliarden Euro.

Quelle: TradeDimensions

Foto: Imago

Die Drogeriekette kann den Umsatz mit Lebensmitteln im Vergleich zum Vorjahr deutlich steigern. Waren es 2014 noch 5,41 Milliarden Euro, machte Rossmann im vergangenen Jahr 5,75 Milliarden Euro Umsatz. Die Drogeriekette von Dirk Roßmann verkauft vor allem Bio-Lebensmittel und Wein.

Foto: dapd

Der erste dm-Markt eröffnete 1973 in Karlsruhe. Heute ist dm in zwölf europäischen Ländern mit über 3.200 Marken präsent. Mit 7,03 Milliarden Euro Umsatz dürfte der Drogeriekonzern durchaus zufrieden auf das vergangene Jahr zurückblicken.

Foto: dpa

2015 gehörte die Handelskette aus Mühlheim an der Ruhr noch zu den größten Lebensmittelhändlern der Republik mit einem Umsatz von 7,7 Milliarden Euro im Jahr 2015. Im März 2016 wurde allerdings die Übernahme durch den Konkurrenten Edeka von Wirtschaftsminister Gabriel genehmigt.

Foto: ap

Der Handelsriese mit Sitz in Frechen beliefert vor allem die Shops von Tankstellen und kleine Büdchen. Das Geschäft mit dem Spontan- und Spätkauf katapultiert Lekkerland unter die größten Händler mit einem Umsatz von 9,08 Milliarden Euro.

Foto: Handelsblatt

Zum Dax-Konzern gehört mit Metro Cash&Carry nicht nur der führende Lebensmittel-Großhändler, sondern auch die real-Supermärkte. Damit nehmen die Düsseldorfer unter Deutschlands Lebensmittelhändlern eine führende Position ein. Dennoch büßte die Gruppe im Vergleich zu 2014 mehr als drei Milliarden Euro ein und brachte es im vergangenen Jahr auf einen Umsatz in Höhe von 26,13 Milliarden Euro. Verantwortlich dafür ist der Verkauf der Warenhaussparte Galeria Kaufhof.

Foto: dpa

Beim Lebensmittelabsatz landet der Discounter auch in diesem Jahr nicht auf dem Treppchen – überholt aber Metro und landet auf Platz vier. Der Umsatz stieg 2015 auf 27,8 Milliarden Euro. Aldi Nord und Aldi Süd legten gemeinsam um 1,5 Prozent zu.

Foto: dpa

Bei Lebensmitteln hat Lidl dem Konkurrenten Aldi mittlerweile den Rang abgelaufen. Neben Lidl gehören auch die Kaufland-Märkte zur Schwarz-Gruppe, die sich über Bronze freuen darf. Umsatz im Jahr 2015: 34,54 Milliarden Euro.

Foto: ap

Auf Rang zwei des Rankings behauptete sich der Kölner Supermarktbetreiber Rewe samt Discounttochter Penny. 39,61 Milliarden Euro Umsatz bedeuten ein Plus von 3,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Foto: dapd

Spitzenreiter im Ranking ist und bleibt Edeka. Laut der Studie zum Lebensmittelhandel bediente Edeka im vergangenen Jahr gemeinsam mit der konzerneigenen Discountkette Netto mehr als ein Fünftel aller Ausgaben – 53,28 Milliarden Euro.

Foto: dpa
Griechische Woche beim Discounter

Mit dem Aldi-Ouzo die Krise schöntrinken

Coles und Woolworths dürften sich über diesen Unterschied allerdings wenig freuen. Die beiden Konzerne kontrollieren etwa 90 Prozent des lukrativen Einzelhandelsmarktes. Sie hatten lange Zeit ein Quasi-Duopol und sind mit dafür verantwortlich, dass Australien bezüglich Lebenshaltungskosten in den letzten 20 Jahren eines der teuersten Länder der westlichen Welt geworden ist.

Nach Jahren der Nicht-Beachtung, ja gelegentlichem Spott über Pfand-Einkaufswagen, Gummibärchen und billige Dosenbohnen, nimmt heute jeder die Deutschen ernst. Geht die Expansion im bisherigen Ausmaß weiter – weitere Läden in den Bundesstaaten Südaustralien und Westaustralien sind geplant – könnte Aldi bis 2019 seinen Umsatz auf 9,3 Milliarden australische Dollar erhöhen, so eine UBS-Studie im vergangenen Jahr.

Aldi übernimmt Marktanteile nicht nur von Woolworths, sondern auch vom kleineren Mitspieler Metcash. Auch Coles kommt immer stärker unter Preisdruck. Alle drei Konkurrenten sind in den letzten Jahren gezwungen worden, ihre Preise auf eine Basis zu senken, die dem Verbraucher einen Vergleich mit Aldi zumindest erlaubt. Trotzdem siegen die Deutschen bei Preisvergleichen mit einem typischen Warenkorb immer. In der Regel bezahlen Australierinnen und Australier bei Woolworths und Coles 30 Prozent mehr als bei Aldi.

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Aldi verfolgt auch in Australien sein aus Deutschland bekanntes Prinzip: eine vergleichsweise kleine Auswahl, aber gut und billig. Haben Coles und Woolworths etwa 25.000 Produkte im Angebot, sind es bei Aldi ein paar hundert. Tausende von Australierinnen und Australiern haben in den letzten Jahren eine neue Form des Einkaufsverhaltens begonnen: Sie kaufen möglichst alles bei Aldi ein. Was die Deutschen nicht anbieten, kauft man dann bei Woolworths oder Coles. Sonderangebote locken Kunden jede Woche mindestens einmal neu in die Aldi-Märkte.

Das deutsche Unternehmen gibt sich bewusst lokalpatriotisch: Produkte sind australischer Herkunft, sofern sie dem Qualitätsanspruch genügen. Was nicht in Australien hergestellt werden kann, wird importiert. Selbstverständlich auch die Gummibärchen.

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