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Duft- und Aromakonzern So wurde Symrise zum stillen Star der Weltwirtschaft

Ohne Symrise würden Weichspüler anders riechen und Instantsuppen schlapp schmecken. Der Aufstieg begann mit einem unterschätzten Gemüse: der Zwiebel.
28.11.2019 Update: 02.12.2019 - 14:14 Uhr Kommentieren
Ohne die 30.000 Produkte vom Symrise kommt kaum noch ein Konsumgüterkonzern, Nahrungsmittelproduzent oder Kosmetikhersteller aus. Quelle: Symrise
Düfte und Aromen

Ohne die 30.000 Produkte vom Symrise kommt kaum noch ein Konsumgüterkonzern, Nahrungsmittelproduzent oder Kosmetikhersteller aus.

(Foto: Symrise)

Holzminden, New York Ihre Nase fällt auf den ersten Blick nicht auf. Die Nasenflügel sind vielleicht etwas breiter, die Nasenspitze eine Nuance markanter, als es für ihr Gesicht sein müsste. Ihre Augen und ihr Mund sind allerdings ebenfalls recht ausdrucksstark. Alles in allem ist Sophie Bensamous Nase – rein optisch – eine Durchschnittsnase.

Funktional ist die Nase der 50-Jährigen aber außergewöhnlich. Sie riecht so gut wie nur ganz wenige menschliche Nasen. Bensamou ist Parfümeurin. Und zwar nicht irgendeine. Die gebürtige Französin, die fünf Sprachen spricht, ist eine Meisterin ihrer Klasse. „Hmmm, das müssen Sie riechen!“ Bensamou hält eine kleine Glasampulle unter ihre Nase. Ihre Nasenflügel ziehen sich zusammen, sie schließt die Augen, hält inne. Schließlich flüstert sie: „Die Basis ist Ambra und Moschus. Das sind meine Lieblingsdüfte.“

Seit sechs Jahren arbeitet Bensamou für Symrise. Sie ist die Nordamerika-Chefin der Parfümeure des deutschen Duft- und Aromakonzerns. Zuvor war sie bei der Konkurrenz tätig, für IFF und Givaudan. Bensamou und ihre Kollegen arbeiten im 15. Stock eines Eckhauses an der Park Avenue Ecke 59th Street nahe dem Central Park. Der Straßenlärm ist hier oben gedämpft, die Gerüche der Großstadt lassen sich nur noch erahnen.

Hier oben ist Bensamou nicht länger allein. An ihrer Seite arbeitet Philyra. Das ist keine Person, sondern eine Software, die mit IBM entwickelt wurde und auf Künstlicher Intelligenz basiert. Die Arbeit von Bensamou hat sich durch Philyra grundlegend verändert.

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    Die Chefparfümeurin ist noch auf ihre Supernase angewiesen, mit der sie schon Blockbuster wie das Parfüm „In the stars“ für die US-Parfümeriekette Bath and Body Works kreiert hat. Mithilfe von Philyra kann Bensamou nun aber umfassender und schneller arbeiten. Philyra analysiert in Sekunden viele Millionen Mischungen und schlussfolgert, welche erfolgversprechend ist.

    Grafik

    Die Französin Bensamou, die Software Philyra und das Parfümgeschäft markieren die sichtbare Spitze eines Konzerns aus der deutschen Provinz, dessen Name weithin unbekannt ist. Wie bei einem Eisberg ist die wahre Größe von Symrise nur bei einem Blick unter die Oberfläche sichtbar. Ein Blick, der sich lohnt – bestimmt Symrise doch zu einem immer größeren Teil darüber, was wir riechen und schmecken, welche Aromen und Düfte uns durch den Tag und bisweilen auch die Nacht begleiten.

    Das Unternehmen entstand 2003 durch die Fusion zweier mittelständiger Traditionsfirmen aus dem Weserbergland: Haarmann und Reimer sowie Dragoco. Der damals gefundene Kunstname „Symrise“ war und ist Programm. Gemeinsam ist den beiden Unternehmen ein Aufstieg gelungen, der seinesgleichen sucht in der deutschen Wirtschaft. Heute ist Symrise ein global aufgestellter und diversifizierter Duft- und Aromakonzern, ohne dessen Ingredienzen und 30.000 Produkte kaum noch ein Konsumgüterkonzern, Nahrungsmittelproduzent oder Kosmetikhersteller auskommt.

    Symrise wächst seit Jahren schneller als der Markt und die Konkurrenz. Im Geschäftsjahr 2018 legte Symrise organisch um neun Prozent zu und erreichte einen Jahresumsatz von 3,154 Milliarden Euro. Der relevante Markt für Duft- und Geschmacksstoffe wuchs im gleichen Zeitraum nur um vier Prozent. Das Geschäft von Symrise ist zudem sehr profitabel. Der operative Gewinn (Ebitda) belief sich 2018 auf 631 Millionen Euro.

    An der Börse ist Symrise inzwischen knapp zwölf Milliarden Euro wert – und damit deutlich mehr als etwa die Deutsche Lufthansa. „Symrise hat sich fantastisch entwickelt“, sagt Thomas Swoboda, Analyst von der Société Générale. Das Management habe herausragendes Gespür für Wachstumssegmente und Markttrends bewiesen.

    Und auch Alexander von Vietinghoff-Scheel, Rechtsanwalt aus Hannover, der für die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) den Konzern beobachtet, lobt „die beeindruckende Entwicklung“: „Management und Aufsichtsrat handeln strategisch und verlässlich.“

    Der Mann, der hinter dem Erfolg von Symrise steht, hat sein Büro rund 6000 Kilometer entfernt von der Park Avenue in der Mühlenfeldstraße 1 in Holzminden. Heinz-Jürgen Bertram ist an diesem Tag fast auf den Tag genau seit zehn Jahren der Vorstandsvorsitzende von Symrise. Der 61-Jährige ist von ruhiger und nachdenklicher Art. „Es hätte auch grandios schiefgehen können!“, erklärt er und schaut aus dem Fenster seines Büros.

    „Die Expansion von Symrise hätte auch grandios schiefgehen können.“ Quelle: Symrise
    Heinz-Jürgen Bertram (Vorstandsvorsitzender)

    „Die Expansion von Symrise hätte auch grandios schiefgehen können.“

    (Foto: Symrise)

    So weit seine dunklen Augen reichen, blickt der schlanke Manager mit dem lichter werdenden Haar und dem weißen, offenen Hemdkragen auf Symrise. Zu seinen Füßen liegt das Forschungszentrum, daneben die Mentholproduktion, dahinter das neue Kraft-Wärme-Kopplungs-Kraftwerk. 44 Hektar groß ist das Firmengelände inzwischen. Hinzu kommen noch rund 200 Hektar Ackerfläche in der näheren und weiteren Umgebung, die dem Konzern zwar nicht gehören, aber von Landwirten exklusiv für Symrise bewirtschaftet werden.

    Schiefgegangen ist auf diesem Betriebsgelände und bei Symrise insgesamt in den vergangenen Jahren nichts Wesentliches. Die Strategie des promovierten Chemikers Bertram ist aufgegangen. Er hat den traditionsreichen Konzern aus der Nische heraus entwickelt, indem er Symrise rückwärtsintegriert hat und so unabhängiger von den Rohstoffmärkten gemacht hat. Zudem erschloss er Symrise neue lukrative Teilmärkte wie Tiernahrung, Probiotik und die Mentholproduktion durch Akquisitionen und Investitionen.

    Dabei hat Bertram beinahe beiläufig und emotionslos auf die globalen Trends Nachhaltigkeit, Funktionalität und Transparenz gesetzt – „weil es der Markt so verlangt“. Und er hat viel investiert, vor allem auch in Technologien wie die Künstliche Intelligenz. Das Ergebnis, das erste ausschließlich mit Künstlicher Intelligenz entwickelte Parfüm, brachte Symrise und dem Kooperationspartner O Boticário weltweite Aufmerksamkeit.

    400 Hektar Zwiebelfelder

    Seine Führungsaufgabe hat Bertram mit klarem Kopf und lockerer Hand gemeistert. Die leitenden Mitarbeiter fühlen sich wie kleine Unternehmer und handeln entsprechend. So lebte und arbeitete Achim Daub, Vorstand für Duft und Pflege, erst in Paris und nun in New York. Und die Parfümeurin Bensamou erzählt: „Ich arbeite wahnsinnig gerne hier. Es ist wie in einem Start-up. Die Arbeitsweise ist direkt, leidenschaftlich und unternehmerisch.“

    Die Entwicklung von Symrise ist damit so etwas wie ein kleines deutsches Wirtschaftswunder der 2010er-Jahre. Symrise liefert nicht mehr wie einst die Mutterfirmen nur einen Duft oder ein Aroma. Symrise liefert komplette Lösungen für die Konsumgüterindustrie auf Basis natürlicher Ausgangsstoffe. Und diese Duft- und Geschmackslösungen besitzen zudem vielfach noch gesundheitsfördernde oder pflegende Eigenschaften. So hat Henkel Symrise wiederholt als besten Lieferanten ausgezeichnet. Und Unilever hat mit Symrise jetzt sogar im niederländischen Wageningen ein gemeinsames Forschungszentrum eröffnet.

    Die Grundlage für den Erfolg ist – im besten Sinne des Wortes – sehr bodenständig: Es ist die Zwiebel. Mit ihr begann die Rückwärtsintegration. Die Bedeutung dieses Gemüses ist für die Nahrungsmittelindustrie groß – das war sie schon früh und ist sie heute wieder. Sie funktioniert als natürlicher – und damit deklarationsfreier – Geschmacksverstärker und bedient damit einen Megatrend in der Nahrungsmittelindustrie. Künstliche Aromen sind heute verpönt. Die Zwiebel findet sich deshalb inzwischen in Chips-Würzmischungen, Tütensuppen oder Ketchup.

    Bertram selbst, Sohn eines Landwirts aus Niedersachsen, musste vor zehn Jahren niemand die Bedeutung der Zwiebel erklären. Schon als Student wusste er das Gemüse einzusetzen. „Ich hatte wenig Geld und habe mich viel von Suppen ernährt“, erzählt er. Und weiter: „Um sie schmackhafter zu machen, habe ich häufig eine Zwiebel reingeschnitten. Ich nannte das: Pimp my soup!“

    Bertram lacht und erzählt weiter. Er plaudert gerne über die Zwiebel, die besten Sorten, Böden, Wachstumsphasen. Über ihre Fähigkeiten gerät er nahezu ins Schwärmen – auch vor Analysten. Sie haben ihm deshalb den Spitznamen „King of Onion“ gegeben.

    Und dieser Spitzname trifft ihn und sein Symrise-Reich ganz gut. Der Konzern lässt heute auf 400 Hektar in Deutschland und Frankreich verschiedene Zwiebelsorten anbauen. Die Landwirte sind mit langfristigen Lieferverträgen gebunden. Symrise gibt die Zwiebelsorte vor, stellt Düngepläne auf und analysiert das Gemüse während des Wachstums. Die Zwiebeln sind die Basis für rund 5000 Aroma-Rezepturen. Die Kunden sind die internationalen Nahrungsmittelkonzerne.

    Und was mit der Zwiebel begann, sollte auch mit anderen strategischen Rohstoffen gelingen. So bezieht Symrise heute Vanille von einem Kooperationspartner aus Madagaskar. Bananen von einer Vertragsplantage aus Ecuador. Zitrusfrüchte von langfristig gebundenen Landwirten in Brasilien und Italien. Rote Beete, Sellerie und Lavendel aus Frankreich. Patschuli und Nelken aus Indonesien. Alles nachhaltig entwickelt, fast ausschließlich in Bioqualität, exklusiv geliefert, ohne Zwischenhandel. 2018 erhielt Symrise als Großunternehmen den Deutschen Nachhaltigkeitspreis.

    Die Vorgehensweise war evolutionär, das Ergebnis revolutionär. So gehört Symrise seit 2016 nicht mehr dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) an. „Wir sind kein Unternehmen der Spezialchemie mehr“, erklärt Bertram, der promovierte Chemiker. „Denn erstens arbeiten wir ausschließlich mit natürlichen Zutaten, und zweitens sind wir inzwischen so weit integriert, dass wir uns zur Konsumgüterindustrie zählen.“

    Ambitionierte Strategie
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