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Einzelhandel Wie clevere Kaufleute von ihren Gastronomiekonzepten profitieren

Mit Cafés und Restaurants locken Händler die Kunden ins Geschäft – und machen gute Gewinne. Auch von der Coronakrise lassen sie sich nicht entmutigen.
12.09.2020 - 11:15 Uhr Kommentieren
Der Düsseldorfer Kaufmann lockt Kunden mit Erlebnis-Gastronomie in seinen Supermarkt. Quelle: Werbeagentur Ruhr Medien
Kaffee-Manufaktur im Edeka Zurheide

Der Düsseldorfer Kaufmann lockt Kunden mit Erlebnis-Gastronomie in seinen Supermarkt.

(Foto: Werbeagentur Ruhr Medien)

Düsseldorf Für Rüdiger Zurheide war es ein Wechselbad der Gefühle. Anfang März bekam das Restaurant „Setzkasten“ im Untergeschoss seines Edeka-Marktes in Düsseldorf einen Michelin-Stern verliehen. Die Auszeichnung schien der endgültige Beweis zu sein, dass das Familienunternehmen mit seiner Entscheidung, sein Handelsgeschäft mit hochwertiger Gastronomie zu verbinden, auf dem richtigen Weg ist.

Denn das Konzept des 10.000 Quadratmeter großen Geschäfts in der Düsseldorfer Innenstadt ist darauf ausgelegt, die Gäste mit Erlebnisgastronomie anzulocken. Neben dem Gourmetrestaurant gibt es unter anderem eine Champagnerbar, eine Sushi-Theke, eine Patisserie und eine Bar, an der hochwertiges Fleisch gegrillt wird. „Es dauerte eine Zeit, bis die Kunden das richtig angenommen hatten“, sagt Rüdiger Zurheide. Aber mittlerweile hat er das Gefühl, dass das Konzept greift. „Bis Mitte März waren wir auf einem sehr guten Weg“, sagt er.

Doch dann kam der Rückschlag. Infolge der Corona-Pandemie mussten alle Restaurants schließen. Das Unternehmen Zurheide traf das bis ins Mark.

„Wir hatten sehr gute Wachstumsraten in der Gastronomie und waren mit der Entwicklung bis zum 17. März sehr zufrieden“, berichtet auch Helmut Hagner, Chef der Unternehmensgruppe Frey im bayerischen Cham. Das Familienunternehmen in sechster Generation betreibt vier Modegeschäfte und drei Einrichtungshäuser.

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    Am Stammsitz in Cham spielt das Restaurant „Freys“ eine wichtige Rolle. Doch wegen Corona machen es sich seit Monaten deutlich weniger Konsumenten als sonst im „Freys“ gemütlich. „Nach dem Lockdown konnten wir nur noch etwa 60 bis 70 Prozent der Vorjahresumsätze erreichen“, klagt Hagner. Denn sein Geschäft versteht er als „Mode-Erlebnishaus“, und da gehörten eben auch gastronomische Erlebnisse dazu.

    Damit sind Zurheide und Frey eigentlich Vorreiter eines zentralen Trends im Handel: Nach einer aktuellen Studie des Handelsforschungsinstituts EHI hat der deutsche Einzelhandel im vergangenen Jahr mit Restaurants, Cafés oder heißen Theken bereits zehn Milliarden Euro umgesetzt. Das bedeutet eine Steigerung von vier Prozent zum Vorjahr.

    Zusätzlicher Umsatz und Gewinn

    Es zeigt sich mehr und mehr, wie wichtig dieser Bereich im Handel ist. Im Schnitt belegt die Gastronomie bereits 12,9 Prozent der Fläche im Einzelhandel – Tendenz steigend. „Bei Investitionen in neue Handelskonzepte wird heute immer mit Gastronomie geplant“, sagt Olaf Hohmann, Experte für Handelsgastronomie und Autor der EHI-Studie.

    Beispielhaft dafür steht etwa das Unternehmen Pier 14 auf Usedom. Das Konzept des Unternehmerehepaars Jana und Gert Griehl verbindet den Verkauf von Mode, Kosmetik und Lifestyleprodukten mit ausgesuchter Gastronomie. Auch sie haben mit dem „O’Room“ im Strandcasino Heringsdorf ein Restaurant mit Michelin-Stern. Zahlreiche regionale Kaufhäuser ködern ihre Kunden ebenfalls mit hochklassigen Restaurants, wie etwa die Modehäuser Henschel in Darmstadt, Engelhorn in Mannheim oder Garhammer in Waldkirchen.

    „Früher galt die Gastronomie oft als Zuschussgeschäft, das man macht, um Frequenz zu gewinnen“, erklärt Hohmann. „Heute bringt es in vielen Fällen nicht nur zusätzlichen Umsatz, sondern auch Gewinn.“ Das hat einen einfachen Grund: Die Handelsgastronomie professionalisiert sich zunehmend. „Wo früher einfach mal ausprobiert wurde, schauen sich die Händler heute sehr genau die Prozesse und die Abläufe an“, beobachtet der EHI-Experte.

    Grafik

    Doch ist das nun alles hinfällig? Wird der bisherige Hoffnungsträger Gastronomie in der Coronakrise für die Händler auf einen Schlag zum Klotz am Bein?

    Experte Hohmann sieht das nicht. „Ein Ausblick ist im Moment natürlich schwierig“, räumt er ein. „Aber wir sind uns sicher, dass die Handelsgastronomie von der Coronakrise nicht so stark getroffen wird wie die restliche Gastronomie.“

    Das bestätigt auch Kaufmann Zurheide. „Die Coronakrise wird uns in diesem Jahr treffen“, sagt er, „aber unter dem Strich sind wir noch mit einem dicken blauen Auge davongekommen.“
    Und eines ist für ihn klar: „Die Entscheidung für die Gastronomie war grundsätzlich richtig, das würden wir auch aus heutiger Sicht wieder machen.“ Das Unternehmen, das er zusammen mit seinem Vater und seinem Bruder leitet, habe jetzt 15 Jahre Erfahrung in der Handelsgastronomie. „Und deshalb wissen wir, dass es möglich ist, das auch profitabel zu betreiben.“

    Coronakrise treibt Innovationen

    Auch Tobias Schonebeck, geschäftsführender Gesellschafter des Traditionskaufhauses Schäffer in Osnabrück, lässt sich nicht unterkriegen. „Unsere eigene Gastronomie ist schon wieder stark ausgelastet“, berichtet er. Schonebeck hat sich auf edles Geschirr und Gläser, Küchenutensilien und Spielzeug spezialisiert. Für sein Café hat Schonebeck eine Konditorin angestellt, die auch die ausgefallensten Tortenkreationen umsetzt. Darüber hinaus unterhält Schonebeck eine eigene Kochschule.

    „Wir haben es mit einer integrierten Gastronomie vielleicht etwas leichter als die klassischen Gastronomiebetriebe, da wir schon früher beginnen durften, den Geschäftsbetrieb wieder hochzufahren“, vermutet Schonebeck. Noch etwas sei vorteilhaft: „Die Gäste sind bei uns eben auch durch das Handelsgeschäft schon im Gebäude und die Hemmschwelle ist vielleicht etwas niedriger, dort dann auch noch das Café zu besuchen.“
    Schonebeck nutzt wegen Corona auch technische Innovationen: Für seine neue Speisekarte setzt er gerade eine Bestelloption per Smartphone über einen QR-Code am Tisch um.

    Es sind gerade die Familienunternehmen wie Zurheide und Schäffer, die nicht nur besonders kreative Ideen, sondern auch das Standvermögen in der Krise haben. „Es stehen Unternehmer dahinter, die auch mal eine schwierige Zeit durchhalten, wenn sie von der Sache überzeugt sind“, sagt Experte Hohmann. „Sie können dann aber auch schnell reagieren, wenn sie erkennen, dass etwas nicht funktioniert und Verbesserungen durchsetzen.“

    Der Düsseldorfer Unternehmer Heinz Zurheide (links) mit seinen Söhnen Marco (Mitte) und Rüdiger. Quelle: Georg Lukas
    Edeka-Kaufleute Zurheide

    Der Düsseldorfer Unternehmer Heinz Zurheide (links) mit seinen Söhnen Marco (Mitte) und Rüdiger.

    (Foto: Georg Lukas)

    Edeka-Händler Zurheide etwa hatte im Eingangsbereich seines Marktes ein vegetarisches Büffet-Restaurant. Das vegetarische Angebot jedoch lief nicht gut. Als dann in der Coronakrise auch Büffets schwierig wurden, war die Sache schnell klar: Nach einem rasanten Umbau erwartet die Kunden jetzt ein italienisches Restaurant.

    „Da ist es von Vorteil, dass wir ein Familienunternehmen sind“, betont Zurheide. „Ich setze mich dann mit meinem Bruder und meinem Vater zusammen und wir treffen rasch eine Entscheidung, die wir dann auch durchziehen.“ Das sei in einem Konzern so nicht möglich.

    Dr. Oetker testet Bistro-Konzept

    Damit hat sich selbst bei Vorreitern wie Zurheide eine der zentralen Erkenntnisse der EHI-Studie bewahrheitet: Gastronomie im Handel ist kein Selbstläufer und auch nicht der allgemeine Heilsbringer. „Es funktioniert nur das, was richtig gut gemacht ist und was zum Standort passt“, sagt Hohmann. Das kann mal ein Gourmetrestaurant sein, meist aber eher ein Café oder ein Bistro.

    Vielen Händlern jedoch fällt der Einstieg in das neue Geschäftsfeld schwer, sind doch Einzelhandel und Gastronomie „zwei verschiedene Welten“, wie auch Kaufmann Zurheide aus Erfahrung weiß. „Entweder man tastet sich ran, wie wir das gemacht haben, oder man holt sich professionelle Hilfe an Bord, um den gastronomischen Betrieb schnell profitabel zu bekommen“, rät er.

    Genau da setzt das Familienunternehmen Dr. Oetker an. Unter dem Namen „Frau Renate“ bietet der Lebensmittelhersteller nun erstmals hierzulande ein Gastronomiekonzept speziell für den Handel. Mitte Juni eröffnete im Edeka-Markt Goerzen in Koblenz der Testladen des Gastrokonzepts – eine Mischung aus Bistro, Bäcker und Convenience-Laden.

    Mit dem Namen „Frau Renate“ spielt das Bielefelder Familienunternehmen auf seine TV-Werbeikone der 50er-Jahre an („Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen und was soll ich kochen?“). Kunden können Pudding und Porridge, Backwaffeln, Frühstücksbowls oder Pizza verzehren – alle hergestellt mit Dr. Oetker-Produkten. Die Rezepte gibt es als Postkarten zum Mitnehmen oder im Internet. Das sei eine Hilfestellung für den Handel und Verkaufsunterstützung zugleich, erklärt Hans-Wilhelm Beckmann von der Geschäftsleitung Dr. Oetker Deutschland.

    Das Konzept hat laut Oetker bereits bei verschiedenen Handelspartnern starkes Interesse ausgelöst. „Frau Renate trifft den Zeitgeist, und wir erfüllen damit den zunehmenden Wunsch der Kunden nach einem Einkaufserlebnis. Mir ist es immer wichtig, neue Anreize zu schaffen, meine Kunden zu binden und ihnen etwas Besonderes zu bieten“, betont Dirk Goerzen, selbstständiger Edeka-Kaufmann in Koblenz.

    Mehr: Ob als Kunde oder Händler – an Amazon kommt man in Deutschland kaum vorbei. Eine Studie zeigt nun wie stark die Macht des US-Handelsriesen ist.

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