Konsumgüterkonzern: Hedgefonds steigt bei Unilever ein – und dürfte den Umbruch beschleunigen
Dove-Hersteller Unilever erlebt turbulente Tage.
Foto: ReutersDüsseldorf, London. Die Aktie von Unilever bewegt sich in normalen Zeiten nur wenig. Doch in den vergangenen Tagen hat sie eine regelrechte Achterbahnfahrt hingelegt: Am Montag stieg der Kurs des Konsumgüterriesen um bis zu acht Prozent – so stark wie seit anderthalb Jahren nicht mehr. Vergangene Woche noch war der Wert der Papiere binnen eines Tages ähnlich tief gefallen.
Auslöser des neuerlichen Kurssprungs ist der Einstieg des aktivistischen Investors Nelson Peltz bei Unilever. Sein New Yorker Hedgefonds Trian Partners hat einen Anteil der britischen Firma erworben, wie die „Financial Times“ am Sonntag zuerst berichtete. Die genaue Höhe ist nicht bekannt, die Beteiligten wollten sich nicht dazu äußern.
Peltz wird den Druck auf Unilever und dessen umstrittenen Vorstandschef Alan Jope erhöhen. Der Brite, der den Konzern seit 2019 führt, muss dringend eine neue Strategie finden und den Konzern zu einem wachstumsträchtigeren Unternehmen umbauen.
Die Umsätze von Unilever, dessen Markenpalette mit Lebensmitteln (Knorr, Pfanni), Kosmetik (Axe, Dove) und Reinigungsmitteln (Coral, Domestos) das gesamte Spektrum im Konsumgütermarkt abdeckt, schwächeln seit Jahren. Auch der Aktienkurs hat sich schlechter entwickelt als bei der Konkurrenz.
In der vergangenen Woche versuchte Jope den Befreiungsschlag mit einem Megadeal. Unilever bot rund 50 Milliarden Pfund – umgerechnet etwa 60 Milliarden Euro – für die Konsumgütersparte des Pharmariesen Glaxo-Smithkline (GSK), bekannt für die Zahnpasta Sensodyne oder die Schmerzsalbe Voltaren. Es wäre die größte Übernahme seit Beginn der Pandemie und in der Geschichte von Unilever gewesen.
GSK-Übernahmeversuch war „Nahtoderfahrung“
Doch der Versuch scheiterte. Zum einen wies GSK das Angebot als zu niedrig zurück, zum anderen war die Kritik von Unilever-Investoren und Analysten ungewöhnlich harsch: So sprach sich Bert Flossbach vom Kölner Fondshaus Flossbach von Storch öffentlich gegen die Übernahme aus.
Der britische Star-Fondsmanager Terry Smith bezeichnete den Übernahmeversuch in einem Brief an seine Anleger gar als „Nahtoderfahrung“. Das Management sollte die Performance des bestehenden Geschäfts verbessern, bevor sie neue Herausforderungen annehme. Das Wort von Smith hat Gewicht: Er gilt als der britische Warren Buffett, hält über einen Fonds rund 800 Millionen Pfund an Unilever-Anteilen und zählt zu den 15 größten Anlegern.
Er und andere Marktbeobachter begründeten ihre Kritik damit, dass GSK vor allem medizinische Produkte anbiete, die ganz andere regulatorische Hürden mit sich brächten als das Unilever-Portfolio. Zudem sei der Preis für die GSK-Sparte zu hoch gewesen, Unilever hätte sich zu stark verschulden müssen.
Erst als CEO Jope den Übernahmeversuch am vergangenen Mittwoch für gescheitert erklärte, erholte sich der Aktienkurs wieder. Der neuerliche Kurssprung zeigt, dass sich die Aktionäre von dem Einstieg des Hedgefonds Trian neues Wachstum erhoffen. Der Verkauf von wachstumsschwachen Marken, wie ihn Analysten schon länger empfehlen, ist nach dem Einstieg wahrscheinlicher geworden.
Investor Peltz kennt sich in Konsumgüterbranche aus
Der 79-jährige Peltz habe schon oft bewiesen, dass er den Unternehmenswert heben könne, sagte Analyst Martin Deboo von der US-Investmentbank Jefferies. Dies habe der Hedgefonds häufig durch Abspaltungen erreicht. Deboo erwartet, dass sich die Stimmung rund um Unilever nun aufhellt.
Tatsächlich ist Peltz schon bei anderen Konsumgüterunternehmen wie Procter & Gamble (P&G), Pepsico, Danone, Kraft Foods oder Mondelez aktiv gewesen. Sein Hedgefonds Trian ist dafür bekannt, dass er seinen Beteiligungen operative Ratschläge gibt und sich eher als Partner anbietet und nicht als Aktivist auftritt, der Unternehmen zerschlagen will.
Sein Hedgefonds Trian ist dafür bekannt, dass er seinen Beteiligungen operative Ratschläge gibt und sich eher als Partner anbietet und nicht als Aktivist, der Unternehmen zerschlagen will.
Foto: BloombergDem Nahrungsmittelhersteller Danone half er etwa 2012, seine Kosten zu senken. 2018 wurde Peltz in den Verwaltungsrat des Konsumgüterriesen P&G (Ariel, Pampers, Gillette) aufgenommen. Er half Unilever dabei, seine Struktur und Markenvielfalt zu vereinfachen. Als er im August 2021 den Board wieder verließ, waren die P&G-Aktien um 85 Prozent gestiegen, die Umsätze um 15 Prozent.
Auf diese Weise dürfte er nun auch bei Unilever ansetzen. Konzernchef Jope kündigte vergangene Woche an, noch in diesem Monat eine neue Strategie vorlegen zu wollen. Unilever will mehr auf die Bereiche Gesundheit, Schönheit und Hygiene setzen, weil sie ein höheres und nachhaltigeres Wachstum versprechen.
Verkauf des Lebensmittelgeschäfts?
Jope plant zugleich, Bereiche mit geringerem Wachstum zu veräußern. Das könnte laut Analysten den Lebensmittelbereich betreffen. Unilever vertreibt etwa Eiscreme unter den Marken Ben & Jerry’s und Langnese oder Hellmann’s-Mayonnaise.
Beobachter erwarten, dass Peltz bei Unilever nun eine Trennung des Lebensmittelgeschäfts vom Haushalts- und Körperpflegegeschäft forcieren dürfte. Sie rechnen mit einem Verkauf der Eiscreme-Marken oder dem kompletten Ausstieg aus dem Nahrungsmittelsegment. Unilever-Chef Jope sagte zwar vergangene Woche, dass es keine Pläne gebe, die gesamte Lebensmittelsparte zu verkaufen. Doch der Druck des neuen Investors könnte zu einem Umdenken führen.
Mit Kosmetika erwirtschaftete Unilever in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres 41 Prozent des Konzernumsatzes von 39,3 Milliarden Pfund. Etwas weniger stammt aus der Lebensmittelsparte. Ein Fünftel machte Unilever mit Reinigungsmitteln.