Mondelez macht Konkurrenz: Amerikaner greifen Nestlé mit Nachahmer-Kapsel an
Mondelez-Logo: Der Nahrungsmittelkonzern will Kaffeekapseln für das Konkurrenzsystem Nespresso von Nestle herstellen.
Foto: dapdZürich, Düsseldorf. 149 Liter Kaffee hat jeder Deutsche im Durchschnitt im Jahr 2012 getrunken und damit deutlich mehr als Wasser oder Bier. „Deutschland ist ein Kaffeeland. Kaffee ist das meistgetrunkene Getränk in der Bundesrepublik“, heißt es beim Deutschen Kaffeeverband in Hamburg. Weil die Zubereitung oft schnell gehen soll, sind Einzelportionen gefragt – vor allem metallisch-glänzende Kapseln. Davon werden laut Nespresso im Schnitt 12.300 pro Minute geschlürft.
Hier droht dem Schweizer Platzhirschen Nestlé neue Konkurrenz für sein lukratives Geschäft. Der US-Rivale Mondelez kündigte am Dienstag an, in der zweiten Jahreshälfte in Deutschland, der Schweiz und Österreich Kaffeekapseln für das Nespresso-System lancieren zu wollen. „Wir erwarten ein sehr starkes Wachstum durch diese spezielle Markteinführung“, sagte Marketingchef Roland Weening.
Das Geschäft mit portioniertem Kaffee boomt und Nespresso hat sich zu einer der erfolgreichsten Nestlé-Marken, die auch Hollywood-Schauspieler George Clooney bewirbt, entwickelt. Der Lebensmittel-Weltmarktführer erzielte mit den kleinen Kaffeedöschen, die über luxuriöse Boutiquen verkauft werden, im vergangenen Jahr 4,4 Milliarden Franken (3,6 Milliarden Euro) Umsatz.
Von diesem Kuchen gibt Nestlé ungerne wieder etwas ab, die Anwälte des Nahrungsmittelgiganten nehmen jeden in die Zange, der dem milliardenschweren Kapselgeschäft gefährlich werden könnte. Zuletzt ging Nestlé gegen Unternehmen wie Ethical Coffee und den Schweizer Einzelhändler Denner vor, die billigere Konkurrenzkapseln für das Nespresso-System auf den Markt brachten - bisher allerdings ohne Erfolg. Deswegen macht sich wohl auch Mondelez keine großen Sorgen. „Wir haben die Rechtslage sorgfältig geprüft“, sagt Weening.
Das Geschäft mit portioniertem Kaffee verzeichnete in Westeuropa in den vergangenen Jahren Wachstumsraten von nahezu 20 Prozent und könnte 2016 ein Drittel des Kaffeemarktes ausmachen, erklärte Weening. Weltweit wurden 2012 nach Angaben des Marktbeobachters Euromonitor mit Kaffeekapseln acht Milliarden Dollar Umsatz erzielt, wobei mit 5,1 Milliarden das Gros auf Westeuropa entfiel.
Allerdings sieht die Ökobilanz nicht ganz so erfreulich aus. Allein Nestlé hat 2011 mehr als fünf Milliarden Kaffeekapseln und damit über als 6.000 Tonnen Aluminiumschrott produziert. „Das entspricht einem Schrotthaufen, der entsteht, wenn man den Eiffelturm zersägt“, schreibt der Autor Philipp Weber in seinem „Futterblog“. Alu ist zwar gut recyclebar, aber leider wissen viele Verbraucher gar nicht, wie die bunten Kapseln zu entsorgen sind. Statt im gelben Sack landen sehr oft im Restmüll, wo sie für die Wiederverwertung verloren gehen.
Und wenn man ein bisschen nachdenkt, sollte es eigentlich auch im Geldbeutel zwicken. Denn: Rechnet man den Inhalt einer Nespresso-Kapsel hoch, bezahlt man fast 100 Euro für 1 Kilogramm Kaffee. Darüber machen sich Kritiker der weltweiten „Kapselisierung“ gerne lustig. Weber schreibt: „Für das Geld bekomme ich wilden, handverlesen Dschungel-Kaffee mit Öko-Premium-Siegel, der so fair gehandelt wurde, dass ein äthiopischer Kaffeesammler seine Kinder in Berlin Theaterwissenschaften studieren lassen kann.“
Wenigstens meldet sich bei den Kunden inzwischen mehr und mehr das schlechte Gewissen. So legen zertifizierte Produkte zu. Im Jahr 2012 erhöhte sich der Anteil nachhaltig zertifizierter Kaffees am Gesamtmarkt erneut und lag nach Schätzungen des Deutschen Kaffeeverbandes bei vier Prozent. „Seit etwa zehn Jahren steigt das Angebot an nachhaltigen Kaffees deutlich. Ob an Tankstellen, im Discount-Supermarkt oder in der gehobenen Gastronomie - nachhaltiger Kaffee wird zunehmend präsenter und erreicht immer größere Bevölkerungsteile“, so der Kaffeeverband.
Mondelez will von der starken Stellung, die Nestlé inzwischen erreicht hat, profitieren, denn vor allem in Deutschland wächst das Kapselsegment. Der Deutsche Kaffeemarkt ist der drittgrößte der Welt. Lediglich in den USA und in Brasilien wird mehr Kaffee verkauft als in Deutschland.
„Unsere Einführung sorgt für eine größere Auswahl und mehr Wettbewerb. Für Mondelez International ist das eine große Chance“, betont Weening im Gespräch mit dem Handelsblatt. Sein eigenes Portionssystem Tassimo, mit dem sich der US-Konzern ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Nestlés System Dolce Gusto liefert, soll parallel weiter vorangetrieben werden.
Ein lukrativer Markt mit Wachstumsaussichten: das zieht auch andere Unternehmen an. Mitte April hatte die deutsche Milliardärsfamilie Reimann den 7,5 Milliarden Euro schweren niederländischen Kaffeepad-Hersteller D.E. Master Blenders geschluckt, zu dem Marken wie Senseo-Kaffeepads und Pickwick Tee gehören. Auch Wettbewerber wie Aldi oder Migros haben sich inzwischen mit Nespresso-kompatiblen Kapseln auf den Markt getraut.
Just am heutigen Dienstag kündigte Master Blenders an, ebenfalls den deutschen Markt für Nestlé-kompatible Espresso-Kapseln „entern“ zu wollen. Und zwar direkt über den Lebensmitteleinzelhandel. „Wir bieten dem Verbraucher die freie Wahl, wann und wo er seine Espressokapseln kauft und stellen ihm mit unseren Senseo Capsules eine Range zur Verfügung, bei der er keine Kompromisse hinsichtlich Auswahl und Qualität des Kaffees eingehen muss“, heißt es in einer Pressemitteilung.
Mit Mondelez' eigenem Kapselsystem Tassimo können neben Kaffee auch Tee und Schokolade-Heißgetränke zubereitet werden. Die Amerikaner sind nach Nestle die Nummer zwei im globalen Kaffeegeschäft. Zu dem Unternehmen, das im Vorjahr vom amerikanischen Lebensmittelkonzern Kraft abgespalten wurde, gehören auch bekannte Marken wie Cadbury, Milka-Schokolade und Jacobs-Kaffee.
Mit Material von Reuters