Nespresso-Chef im Interview: „Da ist für viele Spieler Platz“
Der gebürtige Niederländer Niels Kuijer ist seit Anfang 2014 Deutschland-Chef von Nespresso.
Foto: PRDüsseldorf. Niels Kuijer blickt von seinem Büro im Düsseldorfer Medienhafen auf ein umgebautes Industriegebäude. Dort arbeiten Mitarbeiter des Kundenservice und des Versands von Nespresso. Für den Manager sei dieser Standort eine Möglichkeit, mehr über die Kunden zu erfahren, sagt er. Dann bittet er seine Assistentin um einen Kaffee – selbstverständlich aus firmeneigener Kapsel.
Herr Kuijer, ich wohne über einem Café mit eigener Rösterei. Da wäre ich doch verrückt, mir eine Nespresso-Maschine zu kaufen, oder?
Je nachdem, was Sie suchen. Klar, eine Kaffeerösterei mit ihrem Handwerk hat natürlich auch ihren Charme. Es kann aber auch mal einen Reinfall geben. Bei Nespresso hingegen erfüllen nur ein bis zwei Prozent der Welternte an Kaffee unsere Anforderungen. Die Qualität unseres Kaffees ist weltweit immer gleich hoch.
Gibt es denn gar keinen Unterschied zwischen den weltweiten Geschmäckern? Als ehemaliger Europa-Chef kennen Sie sich da doch sicher aus.
Wir bieten ja 23 Geschmacksrichtungen an. In Deutschland werden viel mehr Kaffeespezialitäten mit Milch getrunken, in Frankreich, Spanien und der Schweiz viel mehr Espresso. Aber die Anforderungen an nachhaltig produzierten, wohlschmeckenden Kaffee sind weltweit gleich.
Ihre Werbung ist mit dem US-Schauspieler George Clooney wenig regional. Kann das auf Dauer so bleiben?
George Clooney passt sehr gut zu unserer Marke. Wir brauchen als Premiummarke sicherlich eine einheitliche Corporate Identity von Brasilien bis China. Aber wir haben das in Deutschland seit letztem April durch einige Clubmitglieder in den Regionen Hamburg, Berlin und München ergänzt, die die Vielfalt von Nespresso hervorheben – auch mit Milch.
Trotz aller Werbung nimmt die Konkurrenz zu.
Kaffee in Kapseln ist ein wachsender Trend, den wir vor 29 Jahren erfunden haben. Deshalb kommen ständig neue Wettbewerber – auch weil unser Patent vor zwei Jahren abgelaufen ist. Aber wir stehen darüber. Niemand sonst kann diese Qualität in der Kapsel liefern. Deshalb sehen wir nicht die anderen Kapselhersteller, sondern die Vollautomaten als unsere Konkurrenten. Das sind ja schöne, große Maschinen. So wie auch die Autos in Deutschland sehr groß sind. Aber die Qualität kann nicht die gleiche sein, wenn die Bohnen wochenlang lagern.
Die Geschichte der Unternehmerfamilie Reimann geht zurück bis ins 19. Jahrhundert. Der Chemiker Karl Ludwig Reimann gründete 1851 zusammen mit Johann Adam Benckiser eine Chemiefabrik in Ludwigshafen – der Quell des Reichtums. Heute ist die Familie über die Finanzholding Joh. A. Benckiser an zahlreichen Unternehmen beteiligt. Mit rund 15 Prozent sind die Reimanns weiterhin Hauptaktionär beim britischen Reinigungsmittelhersteller Reckitt Benckiser, zu dem unter anderem die Marken Calgon, Clearasil oder Durex gehören.
Doch mit dem Verkauf von Teilen ihres Erbes am ehemaligen Chemiekonzern Benckiser erlösten sie viel Geld – und nutzen das für spektakuläre Deals.
Foto: ReutersParfüm ist ein weiteres Standbein der Reimanns: Der US-Hersteller Coty – mittlerweile ein globaler Kosmetikkonzern – gehörte den Deutschen lange allein. Auch nach dem Börsengang 2013, bei dem die Reimanns mächtig Kasse machten, halten sie die Mehrheit am Unternehmen. Neben Parfüms von Stars wie Lady Gaga ist Coty bekannt für Marken wie Davidoff oder Joop. Im Parfüm-Geschäft erlitten die Reimanns aber auch eine der größten Niederlagen der letzten Jahre...
Foto: ImagoMit Coty wollten die Reimanns den US-Konkurrenten Avon kaufen. Doch der zierte sich trotz eines Gebots von mehr als zehn Milliarden Dollar. Die Reimanns zogen ihre Offerte schließlich zurück.
Foto: dapdDann wieder ein Erfolg im Kosmetik-Business: Im Juni 2015 stach die Familie Reimann den Dax-Konzern Henkel beim Bieterrennen um Wella aus. Der US-Konsumgüterriese Procter & Gamble (P&G) verkaufte die deutsche Friseurmarke an Coty.
Foto: dpaAuch die ehemalige „Sofort Bank“ gehört zum Portfolio der Reimanns. Die Handelsbank preist sich auf ihrer Website als Finanzier mehrerer deutscher Start-ups. Eng verwoben ist die Unternehmerfamilie auch mit der Deutsche Kontor Privatbank, laut Eigenbeschreibung „eine exklusive Bank für Vermögensverwaltung von Mitgliedern der Unternehmerfamilie Reimann, die sich Ende der 1990er-Jahre von ihrer Beteiligung am früheren Familienunternehmen getrennt haben“.
Foto: ScreenshotDie Reimanns sind auch Schuhhändler – mit Hang zum Luxus: Seit 2011 ist die Familie an Jimmy Choo beteiligt. Der Kauf erfolgte über die Holding Labelux.
Foto: ImagoNoch mehr Luxus: Auch die Schweizer Luxusmarke Bally, unter der Schuhe, Bekleidung und Accessoires vertrieben werden, gehört zu Labelux, wie auch der italienische Lederwarenhersteller Zagliani (mittlerweile in Bally integriert).
Foto: ImagoDoch der eigentliche Schwerpunkt der Aktivitäten der deutschen Milliardärsfamilie ist inzwischen ein anderer: das Kaffee-Geschäft. 2012 – nach der gescheiterten Avon-Übernahme – kaufte die Familie die Starbucks-Konkurrenten Peet's Coffee & Tea und Caribou Coffee.
Foto: ImagoNur ein Jahr später dann der nächste Kaffee-Deal: Die Reimanns schluckten den niederländischen Konzern Jacobs Douwe Egberts (damals D.E Master Blenders).
Foto: ReutersZu Jacobs Douwe Egberts gehört auch die Kaffepad-Marke Senseo, die in einer Kooperation mit dem Elektronikhersteller Philips entwickelt wurde. 2014 brachte die Reimann-Familie D.E Master Blenders in ein Joint Venture mit den Kaffee-Marken des Lebensmittelriesen Mondelez ein – Jacobs Douwe Egberts entstand. Neben Senseo und Jacobs gehöret auch die Marken Tassimo und Pickwick (Tee) zum neuen Unternehmen. Mondelez hält mit 49 Prozent den Minderheitsanteil.
Foto: dpaDer jüngste Coup der deutschen Milliardärsfamilie: Die Reimanns kaufen im Dezember 2015 über ihre Holding JAB und zusammen mit anderen schon an Jacobs Douwe Egberts beteiligten Investoren den US-Kaffee-Kapsel-Konzern Keurig. Fast 14 Milliarden Dollar werden fällig. Die Reimanns, die nicht in der Öffentlichkeit auftreten, sollen laut „Manager Magazin“ ihr Vermögen 2015 um 3,6 Milliarden auf 17,6 Milliarden Euro gesteigert haben.
Foto: ReutersDafür entsteht viel weniger Müll …
Die Nachhaltigkeit wird nicht nur von der Verpackung beeinflusst. Vollautomaten mahlen jedes Mal eine Portion Bohnen. Das ist viel weniger effizient, als wenn Sie alles – wie bei Nespresso – direkt in der Rösterei mahlen. Außerdem sind unsere Kapseln aus Aluminium. Das schützt den Kaffee am besten – und kann nach dem Gebrauch voll recycelt werden. In Deutschland über den gelben Sack.
Die Aluminiumherstellung ist mit viel Energieaufwand verbunden. Könnten Sie nicht auf ein anderes Material umstellen?
Nein. Es ist schwierig, ein nachhaltigeres Material zu finden, das man auf der einen Seite stets wiederverwerten kann – und auf der anderen Seite das Aroma des Kaffees so gut schützt.
Abschrecken könnte Konsumenten auch der hohe Preis von hochgerechnet 80 Euro je Kilo Kaffee. Sie haben gerade eine dritte Fabrik in der Schweiz eröffnet – kurz danach hat die Nationalbank den Franken freigegeben. Macht der Wechselkurs Preiserhöhungen unumgänglich?
Nein, wir verfolgen eine stabile Preispolitik. Der Kaffee ist teuer, dafür liefern wir aber auch Spitzenqualität – und zahlen den Bauern 40 Prozent mehr als den Weltmarktpreis, um deren Leben zu verbessern. In diesem Zusammenhang arbeiten wir mit der Rainforest Alliance und Fair Trade zusammen.
Bis Mitte des Jahres hat sich abgezeichnet, dass der Verkauf von Nespresso-Maschinen in Deutschland leicht rückläufig ist. Wie läuft es aktuell?
Bis Mitte November haben wir diese Schwäche ausgeglichen und verzeichnen inzwischen laut GfK gegenüber dem Vorjahr ein Verkaufsplus von mehr als fünf Prozent. In diesen Zahlen sind allerdings unsere eigenen Läden und der Onlineshop nicht enthalten
Werden Sie künftig noch mehr eigene Läden eröffnen?
Wir sind jetzt in allen großen Regionen mit Flagship-Stores vertreten, in denen die Menschen die Marke und die Mitarbeiter dahinter intensiv kennen lernen können. Künftig wollen wir die Verfügbarkeit unserer Produkte noch weiter erhöhen. Daher haben wir vor einigen Tagen in einem Münchener Einkaufszentrum den ersten Verkaufsautomaten, einen Nespresso Cube, aufgestellt. Und wir haben in diesem Jahr kleinere Boutiquen in Hamburg, Berlin und München eröffnet. Also an Orten, wo viele Menschen vorbeikommen – ohne dass dort die ganze Palette an Maschinen gezeigt wird.
Nachahmerkapseln sind noch viel besser verfügbar – tatsächlich fast in jedem Supermarkt …
Unsere Produkte wird es nie in Supermärkten geben – das ist unsere Strategie. Wir sehen, dass viele unserer Kunden die Kapseln von Wettbewerbern ausprobieren – dann aber zu Nespresso zurückkehren. Das ist nicht dieselbe Qualität, nicht dasselbe Markenerlebnis.
Nestlé gewinnt mit Dolce Gusto Marktanteile bei Kapseln. Macht sich Ihr Mutterkonzern da nicht selbst Konkurrenz?
Nicht wirklich. Dolce Gusto und Nespresso haben unterschiedliche Zielgruppen. Der Markt für portionierten Kaffee ist riesig – und wächst. Da ist für viele Spieler Platz.
Auch Nestlés Teekapseln „Special T“ sind nicht bei Nespresso angesiedelt, sondern bei der Konzernmutter. Stört Sie das?
Ich bin seit mehr als 20 Jahren bei Nespresso, immer wieder in neuen Positionen. Daher weiß ich: Wir haben allein mit Kaffee genug zu tun.
In den USA hat Nespresso eine neue Maschine mit neuartigen Kapseln eingeführt, die große Kaffeepötte füllt. Ist das auch etwas für Deutschland?
Der Kaffee wird in Nordamerika anders getrunken als in Europa – aus großen Tassen. Deshalb haben wir diese Maschine entwickelt. Sie funktioniert mit Zentrifugalkraft. Die Kapsel dreht sich rasend schnell und extrahiert dadurch auch größere Mengen an Kaffee mit der gewohnten Espresso-Qualität. Ob wir diese Maschine nach Deutschland bringen, kann ich im Moment noch nicht sagen. Wir müssen erst noch herausfinden, ob die deutschen Kunden sie auch wollen. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen.
Sie haben auch eine Linie für professionelle Anwender …
Da wird es einige Innovationen geben, die ich jetzt noch nicht verraten will. Es gibt im Geschäft mit Firmenkunden noch riesiges Potenzial. Mitarbeiter fühlen sich in Büros einfach wohler, wenn es zum Beispiel kostenloses Obst gibt – oder richtig guten Kaffee. Das hat eine Studie ergeben, die wir in Auftrag gegeben haben, als ich noch in der Schweizer Zentrale war.
Also sehen Sie die Zukunft eher in den Büros als in der Gastronomie?
In beiden Feldern haben wir Potenzial. Für die Gastronomie haben wir kürzlich eine Maschine eingeführt, die vier Kaffees zeitgleich zubereiten kann.
Nespresso ist ja schon seit einigen Jahren eine Modeerscheinung. Jede Mode ebbt irgendwann ab. Droht Ihnen das auch?
Es wird heute zu 75 Prozent Filter- und Bohnenkaffee getrunken, zu 13 Prozent löslicher Kaffee und nur zu zwölf Prozent portionierter Kaffee. Zugleich bleibt der Trend zu Singlewohnungen und zeitsparender Ernährung bestehen. Wir können daher noch sehr viele Jahre wachsen.
Herr Kuijer, vielen Dank für das Interview.
Niels Kuijer ist seit Anfang 2014 Deutschland-Chef von Nespresso. Zuvor leitete der Manager das Geschäft in Süd- und Westeuropa. Der gebürtige Niederländer arbeitet seit 1991 bei Nespresso, baute unter anderem das Geschäft in den Benelux-Staaten mit auf.
Die hochpreisige Kaffeekapsel-Marke Nespresso führt im weltgrößten Konsumgüterkonzern Nestlé ein deutliches Eigenleben. Die Tochter hat ihr Hauptquartier einige Kilometer von der Konzernzentrale am Genfer See entfernt. Die Deutschland-Tochter mit Sitz in Düsseldorf berichtet nicht an die Frankfurter landeszentrale, sondern direkt in die Schweiz. Untypisch für Nestlé vertreibt Nespresso vor allem über eigne Läden, Boutiquen genannt, und das Internet. Detailzahlen für Nespresso veröffentlicht Nestlé nicht. Der Umsatz soll aber deutlich über vier Milliarden Franken liegen. Nespresso gehört wie das Firmenkundengeschäft und der Gesundheitsbereich zur Konzernsparte „Übrige Geschäfte“, die im ersten Halbjahr 2015 deutlich an Marge eingebüßt hat und nun mit 15,8 Prozent operativer Ergebnismarge zu den schwächeren Konzernbereichen gehört. Dazu trugen hohe Kaffeepreise bei – aber auch Spartenbestandteile wie die neu integrierte Hautpflege.