Unternehmensethik: Nestlé gerät wegen Babynahrung erneut in die Kritik
Flaschennahrung kann gefährlich sein.
Foto: Christian Science Monitor/Getty ImagesFrankfurt. Es war eine der größten Boykottaktionen: Ab 1973 stand der Nahrungsmittelkonzern Nestlé ein Jahrzehnt lang als „Baby-Mörder“ am Pranger. So hieß der Artikel im „New Industrialist“, der den Auftakt einer Kampagne markierte, die Nestlé schließlich 1984 nötigte, einem Marketingkodex für Babymilch der Weltgesundheitsorganisation und des Kinderhilfswerks Unicef beizutreten.
In dem Kodex geht es darum, Säuglingsersatznahrung nicht mehr als bessere oder gar gesündere Alternative zum Stillen zu vermarkten, vor allem in Entwicklungsländern. Denn dort wurde die Verdrängung des Stillens für Millionen Todesfälle verantwortlich gemacht, wegen mangelnder Hygiene oder weil arme Mütter das Milchpulver zu sehr streckten.
Jetzt wirft die Organisation Action Contre la Faim Nestlé und weiteren Nahrungsmittelkonzernen vor, sich nicht an den Kodex zu halten. Sie hat eine Unterschriftenaktion gestartet, mit der die Unternehmen aufgefordert werden, „ihr aggressives Marketing“ zu beenden. Die Aktion spricht von 800.000 Kinderleben pro Jahr, die gefährdet würden, und beruft sich dabei auf eine Studie aus dem Jahr 2016 in der Medizinzeitschrift „Lancet“, mit dem Titel „Breastfeeding in the 21. Century“.
Die Zahl steht dort tatsächlich. Allerdings nicht in Zusammenhang mit Marketing und auch nicht nur bezogen auf Entwicklungsländer. Vielmehr haben die Forscher durch Auswertung verfügbarer empirischer Studien unterschiedliche Krankheits- und Sterberisiken von gestillten und nicht-gestillten Kindern verglichen und daraus hochgerechnet, dass pro Jahr bis zu 800.000 weniger Kinder unter fünf Jahren sterben würden, wenn weltweit praktisch alle Babys gestillt würden.
Selbst wenn die Anbieter die Vermarktung einstellen würden, würden jedoch Babymilchprodukte massenhaft weiter verkauft. Nicht berücksichtigt sind auch die Kinder, deren Leben oder Gesundheit möglicherweise dadurch gerettet wird, dass Ersatznahrung verfügbar ist. Hochrechnungen auf die Weltbevölkerung könnte auch auf diesem Gegenkonto eine eindrucksvolle Zahl ergeben.
Die 800.000 toten Babys sind jedenfalls weniger als die ein bis zehn Millionen, die während der ersten Protestkampagne in Umlauf waren.
Ein interdisziplinäres Team von Ökonomen, Gesundheitsforschern und Statistikern aus den USA hat nun unter dem Titel „Mortality from Nestlé’s Marketing of Infant Formula“ eine Studie veröffentlicht, die mit einem neuen Ansatz untersucht, welche Größenordnung die Richtige sein könnte. Das Ergebnis gefällt Nestlé nicht, obwohl es das Unternehmen – was das Ausmaß des möglichen Skandals angeht – etwas entlastet.
1866 gründete Henri Nestlé, ein Schweizer Apotheker deutscher Herkunft, die Farine Lactée Henri Nestlé lk.A.. Als Logo wählte er sein eigenes Familienwappen, den Vogel bei der Brutpflege – Nestlé bedeutet im Schwäbischen „kleines Nest“. Unternehmensname und -logo blieben in der gesamten Firmengeschichte, über alle Fusionen und Zukäufe hinweg, unverändert.
Foto: dpa1867 erfand Nestlé ein Verfahren, um ein lösliches Milchpulver herzustellen, welches als Muttermilchersatz verwendet werden konnte. Der Vertrieb als „Nestle's Kindermehl“ lief an. Dem Geschäft mit Säuglingsnahrung bleibt der Konzern bis heute treu: 2007 übernahm Nestlé für 5,5 Milliarden US-Dollar den US-amerikanischen Kindernahrungshersteller Gerber vom Pharmakonzern Novartis. Damit stieg Nestlé im Bereich Säuglingsnahrung vom Marktführer in den USA auch zur weltweiten Nummer eins auf.
Foto: Wikipedia GemeinfreiAuch das Geschäft mit Milchprodukten begleitet Nestlé bis heute. Die erste Übernahme war 1898 ein Milchpulverwerk in Norwegen, 1905 fusionierte Nestlé mit der Anglo-Swiss Condensed Milk Company. Zum Jahresende 2006 begann Nestlé ein Joint Venture mit dem französischen Milchkonzern Lactatis, Hersteller von Marken wie Le Président. Nestlé behauptete sich durch diesen Schachzug als Nummer eins der weltweiten Milchindustrie.
Foto: AFPEin weiterer Durchbruch gelang Nestlé 1938: Das Unternehmen erfand ein Verfahren zur industriellen Herstellung löslichen Kaffees und begann diesen unter der Marke Nescafé zu vertreiben. Der Vertrieb der seit 2010 boomenden Kaffeekapseln und Kapselmaschinen fällt dem innerhalb des Nestlé-Konzerns eigenständig agierenden Unternehmen Nespresso zu. Das Geschäft mit „Getränken in flüssiger und Pulverform“ macht heute den größten Anteil am Unternehmensumsatz Nestlés aus. Das Gemeinschaftsunternehmen Beverage Partners Worldwide (BPW) mit Coca-Cola ist für den Vertrieb von Tee-Getränken mit Fokus auf Europa und Kanada zuständig.
Foto: dpaDie NGO Solidar Suisse kritisierte Nespresso 2011 dafür, als größter Kaffeehändler der Welt keinen fair gehandelten Kaffee anzubieten und parodierte die populären Werbevideos mit George Clooney. Nespresso wies die Vorwürfe zurück.
Foto: dpaMit dem US-Lebensmittelhersteller General Mills gründete Nestlé in den 1990er-Jahren das 50/50-Joint-Venture Cereal Partners Worldwide (CPW). Das Gemeinschaftsunternehmen bedient den Markt für Frühstücksgetreideprodukte außerhalb der USA.
Foto: Reuters1947 fusionierte Nestlé mit der Maggi AG. Neben Brühwürfeln und Flüssigwürze werden unter dem Namen Maggi bis heute vor allem Instantsuppen- und Gerichte vertrieben. Andere bekannte Nestlé-Marken der Fertigsparte sind beispielsweise der Nudelproduzent Buitoni und die Öl- und Soßenmarke Thomy.
Foto: ReutersIn den Tiefkühlmarkt stieg Nestlé 1963 durch den Kauf der schwedischen Findus AG ein. Heute ist Findus allerdings nur noch in der Schweiz eine reine Nestlé-Marke. Darüber hinaus gehört etwa der westfälische Fleischwaren-Hersteller Herta zum Schweizer Konzern. Über die Tochterfirma Buitoni war Nestlé außerdem in den Pferdefleischskandal von 2013 verwickelt, die betroffenen Produkte wurden vom Markt genommen.
Foto: dpa - picture alliance2004 übernahm die deutsche Nestlé zunächst 49 Prozent der Wagner Tiefkühlprodukte GmbH, 2010 stockte sie die Anteile auf 74 Prozent auf und übernahm so die Mehrheit an dem Unternehmen. Am 5. Januar 2010 gab Nestlé außerdem die Übernahme des Tiefkühlpizza-Geschäfts des US-Nahrungsmittelkonzerns Kraft Foods für 3,7 Milliarden US-Dollar bekannt. Nestlé ist damit Weltmarktführer bei Tiefkühlpizzen.
Foto: dpaAuch beim Speiseeis heißt die Nummer eins am Weltmarkt: Nestlé. 2002 übernahm der Konzern in Deutschland die Schöller-Holding und so auch Schöller- und Mövenpick-Eis. In den USA besitzt Nestlé außerdem die Rechte am Vertrieb der Marke Häagen-Dazs.
Foto: ReutersBereits 1929 schlossen sich die Schokoladenproduzenten Peter, Cailler, Kohler und Nestlé zusammen, der Beginn von Nestlés Süßwarenimperium. Marken aus aller Welt gehören den Schweizern, in Deutschland bekannt sind beispielsweise Kitkat, Lion, Rolo, Smarties oder After Eight. Der Schokoriegel mit dem „Big Break“ wurde unfreiwillig auch namensgebend für eine Social-Media-Kampagne gegen die Abholzung des Regenwaldes. Die „Anti-Kitkat-Kampagne“ setzte 2010 durch, dass Nestlé für den Bezug von Palmöl deutlich strengere Standards einführte.
Foto: APDoch mit dem Süßigkeitengeschäft in den USA könnte Nestlé bald abschließen: Die Sparte wächst zu langsam, hat eine miserable Gewinnmarge und passt nicht zum neuen, gesünderen Image. Der neue deutsche Chef, Ulf Mark Schneider, prüft daher einen Verkauf der Sparte – und nun macht auch Hedgefonds-Manager Daniel Loeb als neuer Aktionär Druck.
Foto: AFPAuch Tiernahrung ist eine eigene Sparte bei Nestlé – und bringt dem Konzern mehr Umsatz und Gewinn ein als die Süßwarensparte. Zu den Marken gehören beispielsweise Purina, Felix und Friskies.
Foto: dpa2015 reichten Käufer von Katzenfutter in den USA eine zivilrechtliche Sammelklage gegen zwei US-Töchter von Nestlé ein – kritisiert wurden die Arbeitsbedingungen innerhalb der Lieferkette. In einer Untersuchung kam Nestlé 2015 zu dem Ergebnis, dass es „Hinweise auf Zwangsarbeit, Menschenhandel und Kinderarbeit“ in selbiger gebe. Der Konzern kündigte Konsequenzen an.
Foto: dpa1974 erwarb das Unternehmen 51 Prozent an der Holdinggesellschaft Gesparal, die wiederum 53,7 Prozent der Aktien des Kosmetikunternehmens L’Oréal hielt. Nach einer Fusion von Gesparal und L'Oréal 2004 hält Nestlé noch 23,3 Prozent des Unternehmens.
Foto: ReutersIn den 1990er-Jahren stieg Nestlé in den Mineral- und Tafelwassermarkt ein. Heute gehören zu dem Konzern Marken wie Perrier, San Pellegrino oder Vittel. Der Konzern wurde wiederholt dafür kritisiert, insbesondere in der Dritten Welt Grundwasser in armen Gegenden abzupumpen und in Flaschen teuer zu verkaufen – Nestlé selbst widerspricht solchen Darstellungen.
Foto: ReutersAus den Geschäftsberichten des Marktführers zogen die Forscher die Jahre, in denen Nestlé begann, in verschiedenen Entwicklungsländern seinen Muttermilchersatz aktiv zu vertreiben. Länder, in denen es vorher schon relevante lokale Produzenten gegeben hatte, nahmen sie aus dem Vergleich. Dann untersuchten sie, wie sich die Kindersterblichkeit vor und nach Nestlés Markteintritt entwickelte.
Erschreckend hohe Zahlen
Sie kamen zu dem Ergebnis, dass sich kein nach den üblichen Faustregeln statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen dem Markteintritt von Nestlé und der Säuglingssterblichkeit im ersten Lebensjahr feststellen lässt. Das ändert sich aber, wenn man nicht die Gesamtbevölkerung betrachtet, sondern sich auf diejenigen Haushalte beschränkt, die keinen Zugang zu sauberem Wasser haben.
Sie sind dem größten Risiko ausgesetzt, das mit dem Verzicht auf das Stillen verbunden ist, dem Hygienerisiko. 15 Prozent der Bevölkerung in den betrachteten Ländern fallen in diese Kategorie. In Afrika ist der Anteil in vielen Ländern deutlich höher, in Asien und Lateinamerika meist erheblich niedriger. Wenn für diese Haushalte mit ohnehin hoher Säuglingssterblichkeit Muttermilchersatz in großem Maßstab verfügbar wurde, stieg die Sterblichkeit den Ergebnissen der Forscher zufolge in dieser Gruppe um gut einen Prozentpunkt an.
Diesen Effekt rechneten die Forscher mit dem Anteil der Haushalte ohne sauberes Trinkwasser in den Entwicklungsländern hoch. Sie kamen für das Jahr 1981, als die erste Kampagne gegen Nestlé auf ihrem Höhepunkt war, auf 65.000 zusätzliche Säuglings-Todesfälle mit einer Unsicherheitsmarge von 25.000 bis 106.000. Das ist nur ein Bruchteil der damals geschätzten ein bis zehn Millionen und auch weniger als ein Zehntel der Zahl in dem neueren Lancet-Artikel. Aber da es sich um Kleinkinder handelt, die, so der Vorwurf, für das Profitinteresse eines Konzerns sterben müssen, ist das immer noch starker Tobak.
Entsprechend wenig erfreut ist Nestlé. Eine Sprecherin antwortete auf die Bitte um Kommentierung, man habe den Autoren in einem Brief Feedback gegeben und dabei verschiedene Bedenken hinsichtlich der Annahmen, der Studienmethodologie, der Datenanalyse und der Schlussfolgerungen geäußert. Konkreter wurde sie nicht. „Wir glauben, Muttermilch ist die ideale Ernährung für Babys“, sagte die Sprecherin und betonte, Nestlé habe eine in der Branche führende Unternehmenspolitik, Muttermilchersatz verantwortlich zu vermarkten.
Bruce Wydick, einer der Studienautoren, antwortet auf Anfrage, man sei nach jahrelanger Forschung und Präsentationen der Ergebnisse an einem Dutzend führender Universitäten überzeugt von der generellen Solidität der Resultate der Studie.
Positive Effekte möglich
Man kann der Studie entgegenhalten, dass erhöhte Säuglingssterblichkeit in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe geschätzt wird, nicht aber eine mögliche Reduktion in der übrigen Bevölkerung dank der Verfügbarkeit von Muttermilchersatz. Es gibt Mütter, die ihre Babys nicht oder nicht ausreichend stillen können. Diesen Kindern kann kommerzielle Milchnahrung das Leben retten. Statistisch lag der Studie zufolge die Säuglingssterblichkeit in Haushalten mit Zugang zu sauberem Wasser nach Markteintritt von Nestlé etwas niedriger als vorher. Sollte das nicht einfach Zufall sein, sondern mit dem Markteintritt zusammenhängen, könnte man nicht sagen, dass Nestlés Entscheidung, in armen Ländern Muttermilchersatz anzubieten, per saldo die Kindersterblichkeit dort erhöht hätte.
Bruce Wydick bestätigt auf Anfrage, dass es positive Effekte der Verfügbarmachung von Muttermilchersatz gegeben haben könnte, aber diese seien nicht hinreichend verlässlich in den Daten zu identifizieren. „Was wir dagegen mit größerer statistischer Verlässlichkeit identifizieren können, sind Sterblichkeitseffekte in den Haushalten ohne Zugang zu sauberem Wasser.“
Das Resümee Wydicks bleibt ebenso unangetastet von solchen Einwänden bezüglich des Gesamteffekts wie die ganz ähnlich lautendend Forderungen von Action Contre la Faim. Wydick schreibt: „Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse Nestlé helfen, die nötigen Anpassungen bei der Art vorzunehmen, wie das Unternehmen Milchnahrung an Frauen in verletzlichen Gruppen in Entwicklungsländern liefert, um diese Risiken für Kleinkinder zu minimieren.“