Ranking 2026: Diese Steuerkanzleien haben die besten Arbeitsbedingungen
Köln. Auf die gelungene Zusammensetzung seines Teams legt Johannes Lemminger größten Wert. „Man muss echt sein, nur so finden sich Menschen, die zueinanderpassen“, erläutert der Mitinhaber der Steuerkanzlei Lemminger & Lemminger im badischen Achern seine Maxime. Vertrauen und Offenheit prägen die Zusammenarbeit unter den 35 Beschäftigten. „Privates und Berufliches lassen sich nicht einfach trennen. Jeder Mensch bringt seine ganze Persönlichkeit mit. Und genau das wollen wir auch spüren“, sagt Lemminger. „Wir orientieren uns an Haltung, Werten und Persönlichkeit.“
Kandidatinnen und Kandidaten führen zunächst ein Gespräch mit Johannes Lemminger. Bewähren sie sich, folgt ein Probearbeitstag. Wer anschließend dauerhaft bei Lemminger & Lemminger anheuern will, muss sich noch dem gesamten Team vorstellen. Denn die Belegschaft entscheidet über die Einstellung mit. Zu Beginn der Karriere bei Lemminger & Lemminger steht meist ein Persönlichkeitstest, der Aufschluss über eigene Verhaltensmuster und emotionale Intelligenz gibt. „Wir verstehen das nicht als Bewertung, sondern als Einladung zur Entwicklung“, sagt Lemminger.
Im Alltag bietet die Kanzlei dem Team viele Benefits, darunter eine betriebliche Altersvorsorge, einen Fitness- und Ruheraum sowie eine flexible 36-Stunden-Woche. Die Arbeitszeit wird eigenverantwortlich erhoben, Homeoffice ist möglich. So viel Engagement für die Belegschaft zahlt sich in Zeiten des Fachkräftemangels aus. Das Unternehmen erhält laut Lemminger genügend Bewerbungen. „Was herausfordernd ist: Menschen zu finden, die unser Füreinander und Miteinander wirklich leben wollen.“
Mit so viel Einsatz für das Team hat es Lemminger & Lemminger in der Studie zu Deutschlands besten Arbeitgebern in der Steuerberatung in der Kategorie der Kanzleien mit elf bis 50 Beschäftigten auf den ersten Platz geschafft. Das Analyseinstitut SWI HR in Hamburg hat für das Ranking insgesamt 1217 Kanzleien zu ihrer Arbeitsplatzkultur befragt – beispielsweise mit Blick auf Remote Work, die Familienfreundlichkeit oder auch auf die Zusatzleistungen für Beschäftigte. 200 Kanzleien erhielten in diesem Jahr eine Auszeichnung.
Mit der Befragung zur Arbeitsplatzkultur ging eine Erhebung zur Markteinschätzung einher. Eine wichtige Erkenntnis dieser Befragung lautet: Um sich gegen den Fachkräftemangel zu stemmen, zeigen Kanzleien mit wenigen Beschäftigten besonders großes Engagement. Vor allem die Anpassung von Arbeitszeiten sowie mehr Automatisierung und Digitalisierung stehen für sie im Vordergrund. „Mitarbeiterstärkere Kanzleien haben in diesem Bereich meist bereits ein höheres Niveau erreicht und sehen dies nicht mehr als ihre Hauptentwicklungsfelder“, sagt Johannes Higle, Studienleiter bei SWI HR. „Die kleinen Kanzleien versuchen, in diesen Bereichen den Anschluss wieder zu schaffen.“
Der Fachkräftemangel ist längst zum Dauerproblem geworden, und kleinere Kanzleien leiden darunter besonders. Fast die Hälfte aller Steuerberatungskanzleien (43 Prozent) hat laut SWI-Studie Schwierigkeiten bei der Fachkräftegewinnung. Kleine Kanzleien mit bis zu zehn Beschäftigten sehen sich besonders häufig betroffen. 55 Prozent von ihnen klagen über Probleme, sehen aber auch Chancen.
Flexibilität zählt
„Unser Vorteil und der von anderen kleineren Kanzleien ist unter anderem die Familienfreundlichkeit“, erläutert Pamela Baierl. In ihrer Kanzlei Tax Talk Consulting im niederbayerischen Regen beschäftigt sie neun Kräfte. Mehr sollen es auch nicht werden. „Wir wollen nicht wachsen. Nur mit dieser geringen Mitarbeiterzahl können wir jedem Einzelnen noch individuelle Flexibilität garantieren und gezielt auf persönliche Bedürfnisse eingehen“, sagt Baierl. „So stellen wir sicher, dass jeder Mitarbeiter Arbeit und Privatleben optimal vereinbaren kann.“ Tax Talk Consulting belegt einen Spitzenplatz in der Kategorie der Steuerberatungen mit bis zu zehn Beschäftigten.
Gerade Familienfreundlichkeit spielt in der Steuerberaterbranche eine größere Rolle als in anderen Wirtschaftszweigen. Ein Grund ist auch der überdurchschnittlich hohe Frauenanteil. Baierl legt deshalb ein besonderes Augenmerk auf Kolleginnen. „Wer morgens um acht Uhr nach einer emotional schwierigen Trennung sein Kind in der Kita abgibt, möchte nicht um 8.30 Uhr direkt über Millionenbeträge und komplexe Steuerthemen beraten“, sagt die Unternehmerin, die auch Vorstandsmitglied der Steuerberaterkammer München ist.
Für Baierl steht das Team an erster Stelle. „Ich gestalte die Arbeit um die Bedürfnisse meiner Mitarbeiter herum – während größere Kanzleien oft umgekehrt arbeiten“, sagt sie. Bei der Rekrutierung bringt solche Rücksichtnahme Pluspunkte. „Wir erhalten Bewerbungen, die ausdrücklich unsere Familienfreundlichkeit als Motivation erwähnen“, sagt Baierl.
Die Steuerberaterin sieht sich auch bei der Digitalisierung gegenüber größeren Kanzleien im Vorteil. „In kleinen Teams lassen sich neue Technologien wie zum Beispiel automatisierte Rechnungsverarbeitung oder KI-gestützte Analyse von Steuerfällen deutlich schneller implementieren.“ Auch andere kleine Kanzleien setzen verstärkt darauf. Für vier von fünf kleineren Betrieben zählen laut SWI-Studie Automatisierung und Digitalisierung zu den drei wichtigsten Mitteln, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Nur 61 Prozent der Großkanzleien denken so.
Auf Platz eins dieser Befragung steht über alle Kanzleigrößen hinweg die Weiterqualifizierung der eigenen Beschäftigten. Insgesamt 91 Prozent sehen das so. Auf Platz zwei folgt die Automatisierung und Digitalisierung von Routineaufgaben (76 Prozent). Mit 69 Prozent liegt die Anpassung von Arbeitszeit und -organisation auf Platz drei. Gerade in diesem Punkt zeigen sich die Kleineren besonders engagiert. 73 Prozent von ihnen nennen ihn, aber nur 57 Prozent der großen Kanzleien.