Aus für Autolib: Wie das Carsharing mit Elektroautos in Paris in einer Schlammschlacht endete
Ein Elektroauto des Carsharing-Angebots Autolib steht am Straßenrand in Paris.
Foto: dpaParis. Ende Juli gehen in Paris die Elektroautos des Milliardärs Vincent Bolloré vom Netz, die 2011 mit viel Hoffnung gestartet waren. Rund 4000 der kleinen silbernen „Autolib“-Flitzer, die Bolloré in Italien bei Pinifarina fertigen ließ, haben aus Paris einen der weltweiten Hoffnungsträger in Sachen Elektromobilität gemacht. „Ein relevanter Teil des Verkehrs, der sonst mit Verbrennungsmotoren abgewickelt würde, ist auf Autolib umgeschwenkt“, freute sich Bolloré bereits im Jahr 2016.
Doch am Dienstag gab er bekannt, dass sein Carsharing-Service bis Ende Juli schrittweise eingestellt wird. Die Stadt Paris hat ihm die Konzession entzogen. Anlass dafür ist ein Streit über die Verteilung des aufgelaufenen Defizits zwischen Bolloré und dem offiziellen Abnehmer, einem Zusammenschluss von Paris mit Gemeinden des Umlands.
„Dieses System sollte rentabel sein, Tatsache ist aber, dass es das nicht ist.“ äußerte die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo in einem Interview. „Das Modell ist heute ernsthaft in Frage gestellt.“ begründete sie die Entscheidung des kommunalen Konsortiums.
Dass Autolib nicht rentabel ist, steht außer Frage. Fast 300 Millionen Euro verlangt Bolloré von den Kommunen als Entschädigung für das aufgelaufene Defizit. Für zehn Euro monatlich plus 23 Cent pro Minute konnte man als Abonnent an einer von 1100 Stationen im Großraum Paris die Autolib-Wägelchen mieten, die auch in Lyon, Turin und Indianapolis laufen, wenn auch in geringerem Umfang. Die Gebühren reichten nicht aus, um die Kosten zu decken.
Wer dafür die Verantwortung hat, darum tragen Bolloré und Hidalgo nun eine erbitterte Schlammschlacht aus. Für den Industriellen ist klar, dass die Stadt zu wenig getan hat, um Autolib zu fördern. Man habe nicht das Recht erhalten, unrentable Stationen zu schließen, Busspuren zu nutzen und bei umweltschutzbedingten Verkehrseinschränkungen genauso begünstigt zu werden wie der öffentliche Nahverkehr, argumentiert die Carsharing-Firma.
Hidalgo hält dagegen, dass die technische Entwicklung einfach über das Modell Autolib hinweggegangen sei. Keine Seite bemüht sich bislang, den echten Ursachen auf den Grund zu gehen und nach der Zufriedenheit der Kunden zu fragen – und damit vielleicht Schlussfolgerungen für die Mobilität der Zukunft ziehen zu können.
So spritzig die Elektroautos unterwegs sind, so starr ist das System. Konstruktionsbedingt müssen die Autolib-Mobile sofort an eine Ladestation gekoppelt werden, wenn sie stehen. Andernfalls entleert sich die Batterie zu schnell. Mitten in Paris an Stationen, die maximal vier bis sechs Plätze aufweisen, einen freien Slot zu finden, war aber oft ein Ding der Unmöglichkeit. Die Folge: Herumkurven in immer weiteren Kreisen, um das Auto endlich loswerden zu können.
Bollorés Service ließ außerdem zu wünschen übrig. Die Autos waren oft sehr verschmutzt und das Call-Center ließ öfters Minuten auf sich warten, bevor es sich meldete – keine akzeptable Situation, wenn man beispielsweise vor einer Säule steht, an die sich das Auto wegen eines Defekts nicht anschließen lässt.
Eine laufende Kommunikation mit den Kunden über ihre Zufriedenheit fand praktisch nicht statt. Hinzu kam, dass Autolib am Wochenende den größten Teil der Autos einsammelte, um sie zu warten. Die Kunden standen dann vor leeren Stationen.
Andere Hersteller bieten Elektrofahrzeuge an, die irgendwo innerhalb der Stadt abgestellt werden können, was wesentlich benutzerfreundlicher ist. Das dürfte bei den Nutzern auf größere Akzeptanz stoßen, führt allerdings noch einmal zu höherem Aufwand.
Derartige Mobilitätssystem nähern sich dem Nahverkehr an – und der lässt sich nicht kostendeckend betreiben.
Die Stadt Paris war offenbar überfordert damit, ihren fairen Teil der nötigen Subventionierung zu übernehmen, ohne sich vom Investor Bolloré über den Tisch ziehen zu lassen. Dessen Erfahrung mit dem eher harten Entzug der Konzession könnte andere Interessenten abschrecken, den Weg an die Seine zu suchen – zumal Hidalgo gerade auch den bewährten Fahrrad-Service Vélib auf einen neuen Partner umgestellt hat, der es nun nicht schafft, betriebsbereite Räder an die Stationen zu schaffen.