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Chemieindustrie Kunststoff aus Abfall: Wie Borealis grüner werden will

Europas führender Kunststoffhersteller setzt auf Kreislaufwirtschaft und Recycling. Doch der Abschied vom Öl wird von der aktuellen Krise gebremst.
11.11.2020 - 18:00 Uhr Kommentieren
In Piesteritz produziert der Chemieriese Melamin. Quelle: PR
Produktion von Borealis

In Piesteritz produziert der Chemieriese Melamin.

(Foto: PR)

Düsseldorf Gepresste Ballen aus Kunststoffmüll laufen übers Förderband, Sperrmüll wie alte Bobby Cars und Gartenstühle stehen zur Verwertung bereit. In ihrem Werk in Niedergebra am südlichen Harz fertigt die Firma MTM Plastics rund 30.000 Tonnen Recyclinggranulat jährlich aus Abfall. Kunststoffverarbeiter in ganz Europa und den USA kaufen das wiederverwertete Material.

Die deutsche MTM ist eines der Recyclingwerke, die die österreichische Borealis-Gruppe in den vergangenen Jahren übernommen hat. Die Einkaufstour ist Teil eines grundlegenden Wandels bei dem Wiener Kunststoffproduzenten. CEO Alfred Stern trimmt Borealis auf Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft – kein einfaches Unterfangen für einen der größten Plastikhersteller Europas. Denn die Produkte von Borealis werden zu mehr als 95 Prozent aus fossilen Quellen wie Öl und Gas gewonnen.

Stern weiß darum, aber er positioniert sich klar: „Wir sollten uns nicht der Probleme entledigen, indem wir unseren Plastikmüll nach Asien exportieren“, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Wir brauchen Lösungen, mit denen wir die Stoffe wirtschaftlicher recyclen oder besser noch zurück in einen Kreislauf bringen können.“

Rund 8,1 Milliarden Euro Umsatz macht Borealis mit Kunststoffen für Verpackungen, Kabel, Haushaltprodukte sowie mit Basischemie und Dünger. Vor wenigen Tagen hat die Gruppe ihren Besitzer gewechselt: Der langjährige Mehrheitseigentümer, der Staatsfonds von Abu Dhabi, hat die Mehrheit an dem österreichischen Öl- und Gaskonzern OMV abgegeben.

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    OMV zahlt effektiv 3,8 Milliarden Euro für 75 Prozent der Borealis-Anteile, den Rest behalten die Araber. Der Ölkonzern will sich mit dem Kauf nach eigenen Angaben den Zugriff auf höherwertige chemische Produkte sichern und sich für eine „CO2-ärmere Zukunft neu positionieren“. Statt die fossilen Kohlenstoffe als Benzin zu verbrennen, sollen sie über wiederverwertbare Kunststoffe in einen Kreislauf gebracht werden.

    Kooperation mit dem neuen Eigentümer OMV

    In Österreich hat der Deal für einiges Aufsehen gesorgt. Vertreter von Greenpeace werfen OMV vor, als Ölkonzern mit einer Staatsbeteiligung von 31,5 Prozent insgesamt zu wenig Verantwortung in der Klimakrise zu übernehmen. Borealis solle jetzt „das Feigenblatt der OMV werden, mit dem sie sich ein grünes Mäntelchen umhängen will“, heißt es bei Greenpeace.

    Tatsächlich könnte aus Borealis langfristig so etwas wie ein grüner Teil von OMV werden, wenn CEO Stern seine Pläne umsetzen kann. Von einem Kunststoffverbot hält er als Hersteller logischerweise nichts. „Es ist nicht zielführend, wenn wir Plastik einfach verbieten und durch Material ersetzen, dessen Herstellung deutlich mehr CO2 ausstößt“, sagt Stern. Seine Strategie: „Wir wollen den Weg in die Kreislaufwirtschaft gehen, das ist nicht nur bei Borealis, sondern bei vielen Chemiefirmen der Kern.“

    Mit OMV arbeitet Borealis bereits seit Längerem an der Herstellung von synthetischem Öl, das durch einen neuartigen Raffinerieprozess aus Kunststoffabfällen gewonnen wird. Kern des Recyclings von Kunststoffabfällen ist eine Gruppe junger Borealis-Firmen: Neben der deutschen MTM Plastics gehört die österreichische Ecoplast dazu.

    Der Chemieriese will sich nachhaltiger aufstellen. Quelle: PR
    Recycling bei Borealis

    Der Chemieriese will sich nachhaltiger aufstellen.

    (Foto: PR)

    Bis 2025 will Borealis erreichen, dass seine Verbrauchsgüter – also etwa Konsumgüter-Verpackungen – recycelbar oder wiederverwendbar sind oder auf Basis von Rohstoffen aus erneuerbaren Quellen produziert werden. Die Menge an Recyclingmaterial soll bis dahin vervierfacht werden.

    Das klingt ambitioniert, muss aber mit Blick auf die Gesamtzahlen eingeordnet werden. Aktuell kommt Borealis auf eine Recyclingkapazität von 100.000 Tonnen. Die gesamte Produktionskapazität an Kunststoffen liegt bei 3,8 Millionen Tonnen. Das zeigt die Dimensionen, wie sie auch bei anderen Kunststoffherstellern wie etwa der Leverkusener Covestro Realität sind, die ebenfalls voll auf Kreislaufwirtschaft setzen, aber zu mehr als 95 Prozent noch auf Basis fossiler Rohstoffe produzieren.

    Mit Covestro arbeitet Borealis zusammen: Die Deutschen erhielten im Oktober die erste Lieferung von 1000 Tonnen Phenol aus erneuerbaren Rohstoffen, die für den transparenten Kunststoff Polycarbonat verwendet werden. Aus ihm werden etwa Autoscheinwerfer gefertigt. Bisher wird Phenol aus Rohöl gewonnen, doch mit dem neuen Verfahren wird der Rohstoff aus Abfall- und Rückstandsölen und -fetten gewonnen. Es sind kleine Mengen, die auf einer solchen Basis produziert werden, aber die Chemiefirmen gehen schrittweise vor.

    Es fehlt der „Beschleunigungsfaktor“

    Umweltverbände wie der WWF unterstützen das Konzept der Kreislaufwirtschaft, drängen aber auf mehr Tempo. Laut dem Global Circularity Report sind erst 8,6 Prozent der Weltwirtschaft in einen Kreislauf eingebunden. Das heißt: Vom jährlichen Verbrauch von 93 Milliarden Tonnen fossiler Rohstoffe, Mineralien und Metallen werden 85 Milliarden Tonnen nicht wieder in den Stoffkreislauf zurückgebracht, sondern verbrannt oder entsorgt.

    CEO Stern weiß, dass ein Umsteuern von der fossilen Rohstoffbasis auf recycelte und erneuerbare Materialien ein weiter Weg ist. Das gilt umso mehr, als sich in der aktuell schwachen Konjunkturlage das Kunststoffrecycling kaum lohnt.

    Grund: Bei einem derart niedrigen Ölpreis wie aktuell sind auf Rohöl basierende Verpackungskunststoffe einfach viel billiger als die mit Recyclinganteil und werden deswegen von den Abnehmern bevorzugt gekauft. Stern bestätigt dies: „Aktuell ist das Kunststoffrecycling nicht wirtschaftlich genug.“

    Das aber ist ein Knackpunkt beim Umsteuern in die Kreislaufwirtschaft. Visionen allein treiben diese Entwicklung nicht voran. „Es muss immer um Wirtschaftlichkeit gehen und die Aussicht, mit den Investitionen Geld verdienen zu können“, meint Stern. „Dann interessieren sich Investoren dafür, und dann bewegt sich die Marktwirtschaft in diese Richtung.“

    In Schwachat produziert Borealis ebenfalls Kunststoffe. Quelle: PR
    Borealis in Österreich

    In Schwachat produziert Borealis ebenfalls Kunststoffe.

    (Foto: PR)

    Der Borealis-Chef nimmt dafür auch die Politik in die Pflicht. Denn in der aktuellen Konjunkturkrise fehle dem Wandel der „Beschleunigungsfaktor“. Diese Rolle könnte aus seiner Sicht ein neuer rechtlicher und steuerlicher Rahmen auf nationaler und auf EU-Ebene einnehmen, der die nötigen milliardenschweren Investitionen in die Kreislaufwirtschaft fördert.

    Ein Mittel dazu: mehr finanzielle Anreize für eine Beimischung von Recyclingmaterial in Kunststoffprodukten, damit diese wettbewerbsfähiger werden. Oder eine Quote für die Beimischung: „Gäbe es einen rechtlich verpflichtenden Anteil dafür, so würde dies schon mal eine gewisse Nachfrage bringen, die man braucht, um wirtschaftlich zu arbeiten“, sagt Stern.

    Gegen eine Kunststoffsteuer spricht er sich nicht grundsätzlich aus. Eine pauschale Erhebung würde aber aus seiner Sicht nichts bringen. Die Steuer müsse so gezielt gestaltet sein, dass sie eine Lenkungswirkung entfacht und Produkte mit hohem Recyclinganteil oder einer besseren CO2-Bilanz wettbewerbsfähiger macht.

    Wenn die EU hier die richtigen Anreize und den richtigen Rahmen setzt, könnte die Kreislaufwirtschaft aus Sicht des Borealis-Chefs zu einem „Business Case“ werden. „Europa hat mit dem Green New Deal eine wunderbare Chance, um den Wandel zu beschleunigen“, sagt Stern. „Wenn wir es richtig anstellen, wird es enorme Wachstumschancen bringen und sich auch ausbreiten lassen.“

    Mehr: Lanxess, Evonik, Covestro: So stabil kommt die Chemieindustrie durch die Krise

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