Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Chemiekonzern Bayer legt Glyphosat-Klagewelle mit Vergleich bei – und zahlt 10,9 Milliarden US-Dollar

Der Chemiekonzern einigt sich mit seinen Klägern. Um den Rechtsstreit um das Herbizid Glyphosat beizulegen, muss Bayer fast elf Milliarden US-Dollar zahlen.
24.06.2020 Update: 24.06.2020 - 23:17 Uhr Kommentieren

Bayer einigt sich mit Glyphosat-Klägern auf Milliardenvergleich

New York, Düsseldorf Bayer wird bis zu rund elf Milliarden Dollar dafür zahlen, Tausende Klagen wegen des Glyphosat-haltigen Unkrautvernichters Roundup beizulegen. Das teilte der Leverkusener Konzern am Mittwochabend mit. Das Handelsblatt hatte am Dienstag berichtet, dass eine Einigung kurz bevorstehe.

Das Unternehmen erwartet, zur Beilegung der aktuellen Glyphosat-Verfahren sowie für mögliche künftige Fälle insgesamt 10,1 bis 10,9 Milliarden US-Dollar (9,1 bis 9,8 Milliarden Euro) zu zahlen.

Die beigelegten Ansprüche umfassen sämtliche Klägeranwaltskanzleien, welche die Prozesse der „Roundup-Multi-District-Litigation“ auf Bundesebene oder die „Bellwether“-Fälle in Kalifornien führend betreiben, und weitere, die etwa 95 Prozent der Fälle repräsentieren, für die derzeit bereits Verhandlungen angesetzt sind.

Der Vergleich gilt laut Bayer damit für 75 Prozent aller insgesamt 125.000 eingereichten und angekündigten Klagen. Bayer teilte mit, die übrigen 25 Prozent in den kommenden Monaten in Verhandlungen beizulegen. „Ich glaube, dass die übrigen 25 Prozent der Klagen in den kommenden Monaten beigelegt werden“, äußerte sich auch der Chef-Mediator Kenneth Feinberg zuversichtlich gegenüber dem Handelsblatt.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Der Großteil der Summe wird für die aktuellen Kläger bereitgestellt. Dafür sind in der Vereinbarung 8,8 bis 9,6 Milliarden US-Dollar vorgesehen. Hinzu kommen bis zu 1,25 Milliarden US-Dollar für potenzielle künftige Klagen.

    Bei den Ansprüchen zukünftiger Kläger greift das Unternehmen zu einem kreativen Instrument: Der Vergleich sieht die Gründung eines Expertengremiums vor, das den Zusammenhang zwischen Glyphosat und Lymphdrüsenkrebs wissenschaftlich klären soll. Nur wenn das Gremium in mehrjährigen Studien feststellt, dass das umstrittene Unkrautmittel tatsächlich Krebs verursacht, haben künftige Kläger Anspruch auf Entschädigung.

    „Innovative Lösung“

    Die Vereinbarung mit der Gruppe möglicher künftiger Kläger bedarf noch der Zustimmung von Richter Vince Chhabria des Bundesbezirksgerichts für Nord-Kalifornien. Die Vereinbarungen wurden von Vorstand und Aufsichtsrat der Bayer AG unter Mitwirkung des eigens dafür eingerichteten Ausschusses zum Glyphosat-Rechtskomplex einstimmig genehmigt. Sie enthalten keinerlei Eingeständnis einer Schuld oder eines Fehlverhaltens.

    Die Investoren begrüßten die Einigung. Nachdem der Aktienkurs bereits am Dienstag nach dem Handelsblatt-Bericht gestiegen war, legte er am Mittwochabend in den USA erneut zu.

    Juristen wie die renommierte Anwältin und Juraprofessorin Elizabeth Burch betrachten vor allem die Einrichtung des Expertengremiums mit großem Interesse. „Das ist eine sehr innovative und höchst ungewöhnliche Lösung, die durchaus Fragen aufwirft“, sagte Burch.

    So sieht die Vereinbarung unter anderem vor, eine „Gruppe künftiger Kläger“ einzurichten. Für Burch ist unklar, wie Bayer diese Gruppe der potenziellen künftigen Kläger finden will. „Das Problem ist, dass zwischen Nutzung des Produkts und dem Auftreten von Non-Hodgkin-Lymphomen viele Jahre vergehen können“, erklärt sie.

    „Es ist daher nicht gesagt, dass das Gericht dieser Lösung zustimmen wird.“ Theoretisch könnten auch Anwälte, die sich mit ihren Mandanten nicht an dem Vergleich beteiligen, gegen den Vergleich in Berufung gehen, merkt die Prozessexpertin an. Die Vereinbarung deckt laut Bayer nur 75 Prozent der laufenden Klagen ab. „75 Prozent sind eher wenig im Vergleich zu anderen Klagen“, sagt Burch.

    Auch Jura-Professor Steven Tapia von der Seattle University, der lange als Unternehmensanwalt tätig war, bezeichnet die Lösung als „sehr kreativ“. „Das Wissenschaftler-Gremium ist sehr innovativ“, kommentiert Tapia.

    Doch auch er ist „nicht sicher, wie ein Gericht entscheiden kann, dass zukünftige Kläger an die Erkenntnisse des Gremiums gebunden sein werden“. Tapia äußerte sich überrascht, dass Bayer das Mittel Roundup weiter verkaufen werde. „Wenn es wirklich Krebs verursacht, dann wird es Abertausende zusätzliche Fälle geben“

    Startpunkt Monsanto-Übernahme

    Das Unternehmen legt auch Rechtsstreitigkeiten um Verwehungen des Herbizids Dicamba gegen eine Zahlung von bis zu 400 Millionen US-Dollar bei sowie den wesentlichen Teil der Verfahren zur Chemikalie PCB in Gewässern gegen die Zahlung von etwa 820 Millionen US-Dollar.

    Der Leverkusener Konzern sah sich in den USA zuletzt mit rund 52.500 Glyphosat-Klagen konfrontiert. Mit der jetzigen Einigung hat Bayer endlich ein leidiges und teures Kapitel abgeschlossen, das mit der Übernahme von Monsanto vor zwei Jahren begonnen hatte. Mit dem 63 Milliarden Dollar schweren Kauf hatten sich die Deutschen auch die kompletten Rechtsrisiken des umstrittenen Saatgutkonzerns eingefangen.

    Zum Zeitpunkt der Übernahme im Juni 2018 lagen erst vergleichsweise wenige Klagen von krebskranken Amerikanerinnen und Amerikanern gegen Monsanto vor. Bayer setzte in der dann beginnenden Auseinandersetzung mit den Klägeranwälten zunächst auf eine harte Verteidigungsstrategie vor Gericht.

    Sie fußte auf den Einstufungen der Zulassungsbehörden in den USA, Europa und Asien, die Glyphosat für sicher halten und keinen Beleg für eine Krebsgefahr durch den Unkrautvernichter sehen. Doch damit kam Bayer zur eigenen Überraschung vor den Jurys in drei Prozessen zwischen August 2018 und Mai 2019 nicht durch.

    Elf statt 20 Milliarden US-Dollar

    Auch die Überprüfung der Geschworenen-Urteile durch die Gerichte in erster Instanz fiel nicht nach der Vorstellung von Bayer aus. Die Richter senkten zwar die horrend hohen Schadensersatzsummen – im dritten Prozess sollte Bayer nach dem Willen der Jury zwei Milliarden Dollar an die beiden Kläger zahlen.

    An dem grundsätzlichen Urteil, nach dem Glyphosat eine signifikante Ursache für die Krebserkrankungen sei, rüttelten sie aber nicht. Nach drei klar verlorenen Prozessen zeichnete sich ab, dass Bayer mit der wissenschaftlich basierten Argumentation in erster Instanz vor Gericht nicht erfolgreich sein würde.

    Im Frühsommer 2019 wechselte Bayer die Strategie und ließ sich auf Gespräche mit den Klägeranwälten über eine außergerichtliche Beilegung ein. Angelockt von den Schadensersatzurteilen in zweistelliger Millionenhöhe pro Fall, war da die Zahl der Klagen bereits auf mehr als 18.000 gestiegen.

    Befürchtungen, dass Bayer die Lösung der Causa Glyphosat möglicherweise 20 Milliarden Dollar kosten könnte, sind damit vom Tisch. Das Risiko durch die Klagewelle hatte seit beinahe zwei Jahren schwer auf dem Aktienkurs des Konzerns gelastet.

    Glyphosat zählt weltweit zu den meistverwendeten Herbiziden. Der Konzern hat die Vorwürfe gegen Glyphosat stets zurückgewiesen und darauf verwiesen, dass Zulassungsbehörden weltweit das Herbizid bei sachgemäßer Anwendung als sicher bewerten.

    Mehr: Bayer zurrt Einigung mit Glyphosat-Klägern fest.

    Startseite
    Mehr zu: Chemiekonzern - Bayer legt Glyphosat-Klagewelle mit Vergleich bei – und zahlt 10,9 Milliarden US-Dollar
    0 Kommentare zu "Chemiekonzern: Bayer legt Glyphosat-Klagewelle mit Vergleich bei – und zahlt 10,9 Milliarden US-Dollar"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%