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Elektronik- und Elektrotechnikindustrie ZVEI-Präsident gegen generelle Autoprämie: „Corona darf nicht für alles herhalten“

Michael Ziesemer spricht sich gegen Kaufprämien für Verbrenner aus. Der Manager fordert, den Klimaschutz in Konjunkturprogramme einzubeziehen.
05.05.2020 - 12:52 Uhr Kommentieren
Der ZVEI-Präsident fordert strenge Regeln bei der Auflage von Konjunkturprogrammen. Quelle: Mark Bollhorst
Michael Ziesemer

Der ZVEI-Präsident fordert strenge Regeln bei der Auflage von Konjunkturprogrammen.

(Foto: Mark Bollhorst)

Düsseldorf Als Präsident des Zentralverbands der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) spricht Michael Ziesemer für rund 1600 meist mittelständisch geprägte Unternehmen in Deutschland. Im Interview mit dem Handelsblatt befürwortet der Verwaltungsrat des schweizerischen Messtechnik-Herstellers Endress + Hauser Konjunkturprogramme – fordert aber strenge Regeln für die Wirtschaftsförderung, etwa die Konzentration auf klimaschonende Technologien.

Forderungen nach einer generellen Kaufprämie für Autos sieht der Manager daher kritisch. „Es ist jetzt wichtiger, den Wiederhochlauf der Wirtschaft insgesamt planvoll anzugehen als sich in Einzelmaßnahmen zu verzetteln“, so Ziesemer. Schon die Abwrackprämie von 2009 habe sich als zweifelhaft erwiesen. Schon vor Corona sei der Fahrzeugabsatz deutlich zurückgegangen. „Die Coronakrise darf gerade daher nicht für alles herhalten.“

Um den wegen der Pandemie in Bedrängnis geratenen Unternehmen zu helfen, spricht sich Ziesemer in erster Linie für Steuersenkungen und eine Ausweitung der Möglichkeiten für steuerliche Verlustvorträge und -rückträge aus. Konjunkturpakete seien vor allen Dingen für die Sektoren Mobilität, Digitalisierung und Klimaschutz sinnvoll. „Das sind auch Bereiche, die strategisch sehr gut zusammenpassen.“

Allgemein wünscht sich Ziesemer in der Coronakrise mehr Planbarkeit für Unternehmen – und richtet einen Appell an die Politik: „Unternehmen können sich nicht im Drei-Wochen-Rhythmus auf eine völlig neue Situation einstellen.“ Politik und Gesellschaft müssten stärker in Regelkreisen denken, so der Verbandspräsident.

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    Niemand wolle unnötige Gesundheitsrisiken eingehen. „Deshalb müssen wir erstens weiterhin viele Tests durchführen. Zweitens müssen wir stärker steuern, wen wir testen.“ Die schnellstmögliche Bereitstellung von Tracking-Apps sei daher für den Hochlauf der Wirtschaft von zentraler Bedeutung.

    Lesen Sie hier das gesamte Interview:

    Herr Ziesemer, mit der Öffnung der Schulen in NRW kehrt in Deutschland ein stückweit der Alltag zurück. Geht es auch in der Elektroindustrie nun wieder aufwärts?
    Wir hatten in der Elektroindustrie keinen Shutdown, wie wir ihn beispielsweise im Einzelhandel erlebt haben. Die Unternehmen haben ihre Lieferketten in den vergangenen Wochen weitgehend aufrechterhalten können, wenn auch mit Störungen. Laut einer aktuellen Umfrage sehen 86 Prozent der Firmen in unserem Verband leichte und nur sieben Prozent schwere Probleme bei ihren Lieferanten. Deutlicher zeigen sich die Schwierigkeiten der Branche beim Absatz: Hier klagen mehr als 90 Prozent der Firmen über weniger Aufträge. Bei der Hälfte davon sind die Bestellungen regelrecht weggebrochen. Es muss deshalb jetzt gelingen, die Coronakrise zu bekämpfen und gleichzeitig die Wirtschaft wieder in Gang zu setzen.

    Ähnlich sieht es in vielen anderen Branchen aus. Aus der Autoindustrie gibt es deshalb die Forderung nach staatlichen Kaufanreizen wie einer Abwrackprämie. Ein Modell für den Wiederhochlauf?
    Lassen Sie mich zunächst klarstellen: Alle staatlichen Konjunkturprogramme haben Grenzen und sind kein Ersatz dafür, dass wir wieder ins wirtschaftliche Geschehen kommen. Es ist jetzt wichtiger, den Wiederhochlauf der Wirtschaft insgesamt planvoll anzugehen als sich in Einzelmaßnahmen zu verzetteln. Zumal sich die Abwrackprämie von 2009 ja als doch recht zweifelhaft erwiesen hat.

    Die Coronakrise darf gerade daher nicht für alles herhalten. Schon vor Corona haben offensichtlich viele der produzierten Fahrzeuge keinen Absatz gefunden. Die Anforderungen an zukunftsorientierte Mobilität haben sich enorm verändert, nicht nur technologisch. Die Menschen erwarten heute neue Mobilitätskonzepte, gerade für die dicht besiedelten Städte. Das Auto als Statussymbol verliert rapide an Attraktivität.

    Also kein Konjunkturprogramm für die deutsche Automobilindustrie?
    Zumindest nicht in Form eines „zweiten Aufgusses“. Wohl aber, wenn die Förderung hilft, die Klimaschutzziele zu erreichen und die Verkehrswende zu beschleunigen – indem also gerade auch die Ladeinfrastruktur in den Blick genommen wird. Sie ist vermutlich eine der größten Hindernisse beim Ausbau der Elektromobilität. Gerade in der jetzigen Lage brauchen wir mehr von solchen in die Zukunft orientierten Investitionen, denn sie entfalten langfristig den größten Hebel. Damit wäre auch unseren Autoherstellern, für Deutschland in der Tat eine der wichtigsten Branchen, sehr gut geholfen.

    Gibt es andere Instrumente, die Sie für sinnvoll halten?
    Wirksam sind vor allem Steuersenkungen, für die sich eine übergroße Mehrheit unserer Mitglieder ausspricht. Auch die Möglichkeiten steuerlicher Verlustvorträge und Verlustrückträge könnten ausgeweitet werden. Ähnliches gilt für bilanzielle Abschreibungsmöglichkeiten, die verbessert werden können. Im Hinblick auf Konjunkturpakete sind sicher die Sektoren Mobilität, Digitalisierung und Klimaschutz relevant. Das sind auch Bereiche, die strategisch sehr gut zusammen passen.

    Häufig setzen Konjunkturpakete, wie etwa im Fall des European Green Deals der Europäischen Union, auch eine gewisse Eigeninvestitionsleistung der Unternehmen voraus. Haben die Firmen angesichts des drohenden Liquiditätsengpasses im Moment nicht andere Sorgen als den Klimaschutz?
    Meine Wahrnehmung ist, dass Liquidität in der Krise für die Industrie derzeit nicht das Hauptthema ist. Mittlerweile sind die Diskussionen mit den Banken größtenteils gelaufen. Jetzt geht es viel stärker um die Frage: Wie kommen wir wieder ins Geschäft?

    Eine große Chance dafür sind gesellschaftliche Großprojekte wie der Klimaschutz oder der Mobilitätswandel. Hier können wir Leitmärkte entwickeln, die unsere Wettbewerbsfähigkeit langfristig steigern. Die Welt wird elektrisch. Wenn Konjunkturprogramme, dann sollte hierauf das Augenmerk gelegt werden.

    Viele Industrieunternehmen schicken ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit, um ihre Kosten zu senken. Einige, wie etwa die Autohersteller, denken auch über einen größeren Stellenabbau nach. Wird das für die Elektrotechnik auch ein Thema werden?
    Auch dazu haben wir unsere Mitglieder befragt. Fast neun von zehn Firmen haben geantwortet, dass sie weder Entlassungen durchgeführt noch in Planung haben. Ein Grund dafür ist die Kurzarbeit: Diese Maßnahme nehmen bereits 40 Prozent der Unternehmen in der Branche in Anspruch, und ein weiteres Viertel bereitet sie vor. Dieses Instrument wird von vielen als besonders wirksam empfunden, auch wenn damit sicher nicht alles aufgefangen werden kann. Immerhin plant fast jede zehnte Firma, in den nächsten Monaten die Belegschaft zu reduzieren.

    Wie lange halten die Unternehmen die Krise noch aus?
    Das hängt stark davon ab, wie und wann der Hochlauf der Produktion wieder einsetzt. Wenn uns das innerhalb der nächsten zwei Monate gelingt, ohne dass wir dabei unnötige Risiken für Leib und Leben eingehen, dann wird es keine Entlassungen auf breiter Front geben. Es wird aber sicher zu einer Konsolidierung kommen. Auch weil es Unternehmen gibt, die ja schon vor Corona in Schwierigkeiten steckten. Das muss aber nicht schlecht sein.

    Eine Maßnahme, um die Wirtschaft baldmöglichst wieder anzufahren, besteht in strengen Infektionsschutzmaßnahmen in den Unternehmen. Welche Belastungen entstehen den Firmen dadurch?
    Das ist schwer zu sagen, finanziell dürfte die Belastung aber nicht allzu hoch ausfallen – auch wenn die Schutzmaßnahmen immer mit einem gewissen Koordinations- und Administrationsaufwand verbunden sind. Aber die Unternehmen sind geübt und stemmen das gut.

    Wie wirken sich die gesteigerten Anforderungen auf die Produktivität in den Fabriken aus? Immerhin müssen Abstände zwischen Arbeitsplätzen vergrößert und Schichten entflochten werden.
    In der Elektroindustrie sind die Produktionsbedingungen meist so, dass sich die Schutzmaßnahmen ohne größere Schwierigkeiten umsetzen lassen. Die Fertigungen sind in der Regel modular aufgebaut, wobei häufig nur zwei Mitarbeiter in direktem Kontakt zueinander stehen. Größere Produktivitätseinbußen erwarte ich deshalb nicht.

    Anders sieht es bei den Büroarbeitsplätzen aus: Hier wirkt sich das Homeoffice in vielen Fällen stark auf die Produktivität aus, etwa weil Kinder im Haushalt sind, die derzeit nicht die Kitas und Schulen besuchen können. Das belastet die Eltern, die derzeit Großes leisten, aber auch die Unternehmen.

    Es müssen jetzt schnell Wege gefunden werden, damit die Kinder wieder sicher zurückkönnen. Auch Eltern aus Unternehmen sind eine relevante Berufsgruppe, deren Kinder Betreuung verdienen.

    In einigen Bundesländern hat die Schule mittlerweile wieder angefangen. Auch Teile des Einzelhandels haben mit der Öffnung begonnen. Halten Sie das Tempo für angemessen?
    Ich würde mir vor allem mehr Planbarkeit wünschen. Unternehmen können sich nicht im Drei-Wochen-Rhythmus auf eine völlig neue Situation einstellen. Wir müssen stärker in Regelkreisen denken. Niemand will unnötige Gesundheitsrisiken eingehen. Deshalb müssen wir erstens weiterhin viele Tests durchführen. Zweitens müssen wir stärker steuern, wen wir testen. Hier können Tracking-Apps einen wichtigen Beitrag leisten. Das ist für den Hochlauf der Wirtschaft von zentraler Bedeutung.

    Warum?
    Nur so können wir sicherstellen, dass ein regionaler Ausbruch des Virus nicht wieder zu einem landesweiten Shutdown führt. Deshalb bin ich auch alles andere als glücklich, wie die Entwicklung hier bislang gelaufen ist. Ursprünglich war die Veröffentlichung für Mitte April angekündigt, doch nun warten wir immer noch. Dabei brauchen wir die App nicht in acht Wochen, sondern jetzt, um das Wiederanfahren der Wirtschaft zu begleiten.

    Bislang sind die einzelnen europäischen Staaten bei der Bewältigung der Krise stark auf sich allein gestellt. Besteht darin nicht die Gefahr, dass sich die wirtschaftlichen Ungleichgewichte zwischen den Staaten verschärfen?
    Mit dem europäischen Umgang mit der Pandemie können wir nicht zufrieden sein. Das bereitet mir Sorge, auch weil Europa eigentlich eine wichtigere Rolle zwischen den Weltmächten USA und China einnehmen müsste, die beide vorwiegend eigene Interessen verfolgen. Um Europa in dieser Situation zu stärken, braucht es die Solidarität zwischen den EU-Mitgliedsstaaten. Darum war es am Anfang der Krise nicht sehr gut bestellt.

    Meinen Sie die Diskussion um Coronabonds, die sich über Wochen hinzog?
    Ich bin sicher kein Freund von Corona- oder Eurobonds. Die Entscheidung über einen Kredit und die Haftung dafür gehören zusammen. Aber dieses Anliegen einfach zu verneinen, reicht auch nicht aus. Niemand hat so stark von Europa profitiert wie Deutschland. Deshalb müssen wir uns stärker einbringen. Was nun beschlossen wurde, ist ein guter Ansatz. Jetzt müssen wir aber in der Umsetzung schnell weiterkommen.

    Nicht nur in Europa, auch international wird die Zusammenarbeit durch die Corona-Pandemie auf eine harte Probe gestellt. Wie wird sich die Krise auf globale Handels- und Lieferbeziehungen auswirken, etwa bei medizinisch wichtigen Gütern wie Schutzausrüstung und Impfstoffen?
    Wir beobachten schon seit einigen Jahren auch unabhängig von Corona, dass viele Produkte, deren Herstellung in den vergangenen Jahrzehnten nach Asien abgewandert ist, sich dank der Automatisierung auch in Europa wieder zu wettbewerbsfähigen Bedingungen herstellen lassen. Diese Entwicklung wird sich sicher verstärken, insbesondere im Bereich der Pharmaindustrie, wo sich einzelne Länder schon immer gewisse Produktionskapazitäten reserviert haben. Allerdings sollten sich die Staaten jetzt auch nicht zu Selbstversorgern zurückentwickeln.

    Welche Folgen werden uns darüber hinaus noch nach der Krise begleiten?
    Infektionsschutz am Arbeitsplatz wird zukünftig sicher eine stärkere Gewichtung bekommen als bisher, auch wenn die Firmen aus den früheren Grippewellen hier bereits einiges gelernt haben. Die Folgen werden uns aber möglicherweise auch kulturell beschäftigen, bis hin zum Handschlag bei der Begrüßung. Auch hat die Krise gezeigt, wie viel Arbeit sich mithilfe von digitaler Kommunikation erledigen lässt. Das Reisen wird zwar wiederkommen – aber den Manager, der morgens an die US-Westküste fliegt und am nächsten Morgen gleich wieder abreist, den wird es seltener geben. Das ist auch gut so.

    Herr Ziesemer, vielen Dank für das Gespräch.

    Mehr: Kaufprämie oder Dividende – BMW, Daimler und VW müssen sich entscheiden, meint Handelsblatt-Redakteur Markus Fasse.

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