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Johnson & Johnson Forschungschef Stoffels„Wir erleben eine neue Ära der Medizin“

Paul Stoffels, Forschungschef des Gesundheitskonzerns Johnson & Johnson, über präventive Therapien, flexible Allianzen und hohe Investitionen.Maike Telgheder und Siegfried Hofmann 31.05.2018 - 19:29 Uhr Artikel anhören

Die Wissenschaft war nie besser aufgestellt als heute.

Foto: Johnson & Johnson

Paul Stoffels brennt für den medizinischen Fortschritt. Das merkt man schnell, wenn der 56-jährige Mediziner über die Chancen neuer Therapien spricht. Dann legt er Nachdruck in seine Worte, beugt sich vor und nimmt sein Gegenüber fest ins Visier. Er ist zur deutschen Niederlassung von Johnson & Johnson nach Neuss gekommen, um mit 170 Ärzten und Vertretern der Gesundheitsbranche über die Zukunft der Medizin zu diskutieren. Vorher nimmt er sich Zeit für ein Gespräch mit dem Handelsblatt.

Herr Stoffels, Sie sind bald 30 Jahre in der Pharmaforschung aktiv. An welchem Punkt steht die Wissenschaft heute?
Ich denke, die Wissenschaft war nie besser aufgestellt als heute, um Durchbrüche bei der Medikamentenentwicklung zu erzielen. Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms ist Routine geworden. Wir verstehen viel besser als früher, welche Mechanismen unsere Krankheiten verursachen und an welchen Zielpunkten unsere Medikamente ansetzen müssen. Mit all diesem Wissen und all den neuen Technologien sind die Chancen, neue wirksame Medikamente zu entwickeln, besser als jemals zuvor.

Es werden immer mehr neuartige Behandlungen entwickelt. Die Gentherapie etwa, bei der ein defektes Gen ersetzt werden kann. Werden diese Verfahren die Gesundheitsversorgung stark verändern?
Davon gehe ich fest aus. Nehmen wir die CAR-T-Zelltherapie gegen bestimmte Krebserkrankungen, bei der die Patientenzellen außerhalb des Körpers verändert und dem Patienten dann wieder injiziert werden, um eine Immunantwort des Körpers zu provozieren. Die Tatsache, dass eine solche Therapie funktioniert, zeigt mir, dass wir eine neue Ära der Medizin erleben.

Vita Paul Stoffels
Stoffels kam 2002 zu Johnson & Johnson (J&J), nachdem er sein Unternehmen an den Konzern verkauft hatte. Nach verschiedenen Führungspositionen in der Pharmaforschung übernahm der Belgier 2012 die Verantwortung für die Forschung des Gesamtkonzerns. Der heute 56-Jährige startete beruflich als Arzt in Afrika und forschte zu HIV.
Der 1887 gegründete, weltgrößte Gesundheitskonzern Johnson & Johnson ist in den Bereichen Arzneimittel, Medizintechnik und Konsumprodukte aktiv. Rund 134.000 Mitarbeiter erwirtschafteten 2017 einen Umsatz von 76,4 Milliarden Dollar.

Bisher ist es aber eine sehr teure Einzeltherapie, die nur für wenige Patienten infrage kommt.
Es müssen natürlich noch weitere Erfahrungen gesammelt und es muss weiter geforscht werden, wie man die Therapie breiter einsetzen kann. Der Prozess ist doch immer gleich: Wenn eine neue Technologie entwickelt wurde, wird in den nächsten Schritten daran gearbeitet, wie man die Anwendung einfacher hinbekommt. Das wird auch hier passieren.

Ist Johnson & Johnson (J&J) auf diesen Feldern aktiv?
Wir haben ein CAR-T-Programm in unserer Pipeline, außerdem arbeiten wir mit externen Teams zusammen, die hier forschen. Ich gehe davon aus, dass wir weitere Projekte aufnehmen werden.

Stichwort neue Technologien: Seit vergangenem Herbst sind Medikamente auf dem Markt, bei denen ein mitgeschluckter Sensor Informationen darüber gibt, wie das Medikament eingenommen wurde. Ist auch das Teil der neuen Ära?
Solche Technologien sind natürlich vielversprechend, wenn es darum geht, bessere Versorgungslösungen für Patienten zu finden. Aber auch hier müssen wir als Industrie noch mehr Erfahrungen sammeln und den Nutzen beweisen. Es wird sicher noch einige Zeit dauern, bis solche Angebote breit eingesetzt werden.

Das klingt jetzt nicht gerade euphorisch.
Eine der großen Herausforderungen ist doch, all diese gesammelten Daten vom Smartphone, aus der elektronischen Patientenakte et cetera sinnvoll zusammenzuführen. Der Nutzen all dieser Tools wird sich am Ende nur zeigen, wenn auch der Arzt Zugang zu diesen Informationen hat – und dem Patienten entsprechende Hinweise geben kann.

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Aber auch J&J testet den Einsatz digitaler Werkzeuge.
Ja! Das tun wir als Gesamtkonzern auf verschiedensten Feldern, vom Einsatz intelligenter OP-Roboter bis zur Therapieüberwachung mit Smartphone-App und Medizinprodukt. Als Pharmasparte Janssen konzentrieren wir uns allerdings mehr darauf, die Moleküle zu verbessern. Eines unserer wichtigen Ziele ist es, Wirkstoffe künftig möglichst schon vor dem Auftreten der Erkrankung einsetzen zu können: Wir nennen das Disease Interception.

Ein Medikament einnehmen, bevor die Krankheit ausbricht? Unser Gesundheitssystem ist doch eher darauf ausgerichtet, Krankheiten zu behandeln, nicht vorzubeugen.
Das stimmt nur teilweise. Es gibt ja schon heute viele Medikamente, die verordnet werden, um das Entstehen von Erkrankungen zu verhindern. Denken Sie an Impfstoffe. Oder an Cholesterinsenker, die Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen können. Wir wissen aus der Forschung: Je früher man bei einer Krankheit eingreift, desto mehr kann man mit der Behandlung erreichen. Und unsere Vision ist es, zu erreichen, dass die Krankheit gar nicht erst entsteht.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Wir forschen unter anderem zu Diabetes Typ 1, an dem zumeist Kinder erkranken. Wir untersuchen das genetische Risiko und die Mechanismen, die zur Erkrankung führen. Wir wollen möglichst frühe Zeitfenster finden, um einzugreifen. Aber auch bei Krebs oder bei Infektionserkrankungen gibt es solche Mechanismen und Signalwege, die wir untersuchen können, um herauszufinden, wann man sie wie beeinflussen kann. Wenn man dank einer frühen Diagnose eingreifen und verhindern kann, dass sich Krebs entwickelt, dann ist viel gewonnen. Solche Lösungen suchen wir in all unseren Schwerpunktbereichen.

Spielt dieser Ansatz heute schon bei der Wirkstoffentwicklung eine Rolle?
Wir haben das Thema dabei immer im Hinterkopf, aber die große Aufgabe besteht nach wie vor darin, bestehende Krankheiten zu behandeln oder zu heilen. Wir arbeiten daran, die Ergebnisse der Wissenschaft in Therapien für die Menschen umzusetzen. Und je schneller und effizienter wir das tun, umso besser können wir Patienten helfen. Früher haben wir sechs bis acht Jahre an der klinischen Entwicklung von Krebsmedikamenten gearbeitet. Heute sind es noch drei bis vier Jahre.

Und wie haben Sie diese Beschleunigung erreicht?
Indem wir die Forschungskapazitäten rund um den Globus aufgebaut haben. Wir haben vier Innovationshubs auf verschiedenen Kontinenten und arbeiten weltweit mit 16.000 klinischen Einrichtungen zusammen. Es kann also rund um die Uhr an einem Thema gearbeitet werden. Wenn Sie etwa Impfstoffe wie den gegen Ebola entwickeln wollen, ist es zwingend notwendig, schnell zu sein. In diesem Prozess zählt dann nicht nur jede Woche oder jeder Tag, sondern tatsächlich jede Stunde.

Wenn Innovationen immer schneller auf den Markt kommen, wie verändert das die Branche?
Die Firmen haben weniger Zeit, ihre Forschungsausgaben wieder einzuspielen, wenn ihre Medikamente immer schneller durch bessere abgelöst werden. Bei HIV haben wir das gesehen. Oder auch bei Hepatitis C. Deswegen müssen wir als Pharmafirma mehr Arbeit darauf verwenden, Medikamente signifikant sicherer und wirksamer zu machen. Bei HIV etwa sind wir mit Janssen vorn dabei und arbeiten derzeit an einem Impfstoff.

Sie waren nicht nur Tropenarzt und Forscher, Sie waren auch Unternehmer. Sie hatten zwei Biotechunternehmen, die von Johnson & Johnson gekauft wurden. Wie hat das Ihre Arbeit als Forschungschef der J&J-Pharmasparte Janssen beeinflusst?
J&J war schon immer sehr unternehmerisch orientiert. Der Konzern versteht sich ja als Familie von Firmen. Ich habe das eigenverantwortliche Denken weiter gefördert und den Zugang zu externer Forschung ausgebaut. Vorher war Janssen stark auf die interne Forschung fokussiert. Nun kombinieren wir beides. Wenn wir intern nicht die beste Lösung haben, dann suchen wir sie woanders.

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Wo beispielsweise?
Wir haben allein 330 Firmen in unseren Forschungsinkubatoren, Brutstätten, in denen Forscher ihre Ideen entwickeln können. Im vergangenen Jahr tätigte unsere Wagniskapital-Organisation Johnson & Johnson Development Corporation mehr als 30 Neu- und Folgeinvestitionen und investierte ein Kapital von mehr als 400 Millionen US-Dollar. Hinzu kommen Allianzen mit Universitäten und Biotechfirmen. Seit der Einführung von Johnson & Johnson Innovation 2012 hatten wir bereits über 350 Kollaborationen. Wir nutzen Forscher-Know-how von überall auf der Welt. Das müssen wir auch, wenn wir vorn sein wollen. Wenn man Milliarden in die Forschung steckt, dann kann man das nicht zurückverdienen, wenn man nur der Zweit- oder Drittbeste ist.

Herr Stoffels, vielen Dank für das Interview.

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