Pannenserie: Boeing fällt immer weiter zurück – die Krise in acht Grafiken
Berlin. Beim US-Luftfahrtkonzern Boeing häufen sich die Pannenmeldungen infolge fehlerhafter Bauteile. Anfang des Jahres brach ein Teil der Bordwand einer Maschine vom Typ 737 Max 9 ab. Anfang März sorgten technische Probleme auf einem Flug zwischen Australien und Neuseeland für 50 Verletzte. Vergangene Woche verlor ein Boeing-Flieger die Abdeckung eines Triebwerks im Flug.
Der Luftfahrtkonzern steht deswegen stark unter Druck. Boeing-Chef Dave Calhoun hat inzwischen seinen Rücktritt für Ende des Jahres angekündigt.
Mitten in dieser Krise hat das Unternehmen am Dienstagabend seine Lieferzahlen für das erste Quartal vorgestellt. Boeing hat in den drei Monaten lediglich 83 Maschinen ausgeliefert. Im Vorjahreszeitraum waren es noch 130.
Der US-Flugzeugbauer fällt damit immer weiter hinter den Marktführer Airbus zurück.
Welche anderen Fakten zu dem US-Unternehmen sollte man wissen? Diese Zahlen helfen bei der Einordnung der Boeing-Krise.
Wie sicher sind Boeing-Flugzeuge?
Eins vorab: Fliegen bleibt auch trotz der Qualitätsmängel bei Boeing-Flugzeugen weiterhin sicher. Insgesamt gab es im vergangenen Jahr weltweit 30 Unfälle, die die internationale Luftfahrtbehörde IATA registrierte. Bei nur einem Unfall gab es Tote, es starben 72 Menschen. Rechnet man das um auf die 37,7 Millionen Flüge, die es 2023 gab, dann zeigt sich, wie selten Unfälle sind. Flugzeuge sind ein sicheres Verkehrsmittel.
Dennoch legen mehrere Untersuchungen nahe, dass es zwischen Boeing und Airbus einen Unterschied gibt, wenn es um die Anzahl der Vorfälle geht. So zeigte sich 2023 in einer Studie, dass es zwischen 2008 und 2019 bei Boeings 737-Serie signifikant mehr tödliche Unfälle gab, als statisch zu erwarten waren. Bei der Airbus A32X dagegen waren es weniger tödliche Unfälle.
In einer weiteren Untersuchung von März 2024 kam heraus, dass mehr Fälle von gescheiterten Landungen und Starts – sogenannten Runway Excursions – auf Boeings-737-Serie zurückfielen als auf die Modelle der A32X-Serie von Konkurrent Airbus.
Der Autor der Studie gibt aber zu bedenken, dass womöglich Boeing-Maschinen schlicht mehr in Regionen zum Einsatz kommen, in denen die Bedingungen für Flugzeuge beim Starten und Landen schwieriger sind. Außerdem gehen solche Vorfälle in der Regel auf Pilotenfehler zurück, selten auf Defekte an den Jets.
Allerdings ist auch bekannt, dass es an der Qualität mancher Jets mangelt. Boeing fiel vor Kurzem bei einem Prüfungsverfahren der amerikanischen Luftsicherheitsbehörde FAA bei rund einem Drittel der Tests durch.
Wie viele Führungswechsel hat das Unternehmen hinter sich?
Die Anzahl der Chefwechsel bei Boeing ist erst einmal nicht überraschend hoch. In den vergangenen rund 20 Jahren hatte das Unternehmen fünf verschiedene CEOs. Der aktuelle Chef David Calhoun wird zum Jahresende sein Amt abgeben.
Der Eindruck, dass Boeings Krise eine Führungskrise ist, mag dennoch stimmen. Als Grund für die aktuelle Pannenserie wird vor allem auf die Entscheidung verwiesen, bestehende Modelle immer weiter auszubauen, statt gänzlich neue Modelle zu entwerfen.
Diese Strategie stellte sich speziell in Bezug auf die 737-Max-Serie als Fehler heraus. Gleich bei zwei Flügen, bei denen die Maschinen ähnliche technische Mängel aufwiesen, starben Menschen. Daraufhin wurden über Monate Flugzeuge dieses Typs aus dem Verkehr gezogen.
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Wie hoch ist der Absatz von Boeing im Vergleich zu Airbus?
In den vergangenen Jahren setzte Boeing stets weniger Flugzeuge ab als Airbus. Speziell 2023 wuchs die Lücke zum Branchenrivalen gewaltig.
Dennoch hat Boeing insgesamt keine Schwierigkeiten, seine Flugzeuge zu verkaufen. 2023 stieg der Anteil der verkauften Flugzeuge im Vergleich zum Jahr davor, ebenso der Anteil der ausgelieferten Flugzeuge.
Wie groß ist der finanzielle Schaden durch die Krise?
Wie groß der dauerhafte finanzielle Schaden durch den Bordwand-Vorfall von Januar sein wird, lässt sich nur erahnen. So erwartet Boeing-Finanzchef Brian West, dass im ersten Quartal vier bis 4,5 Milliarden Dollar aus dem Konzern abgeflossen sind.
Auf der anderen Seite hat das Unternehmen ein volles Auftragsbuch. Würde es nur die bereits bestellten Flugzeuge produzieren, bräuchte Boeing beim aktuellen Produktionstempo noch etwa zehn Jahre zum Abarbeiten der angestauten Bestellungen.
Konkurrent Airbus könne nur bedingt von Boeings Krise profitieren, sagten Branchenexperten dem arabischen Nachrichtensender Al Dschasira. Das liegt daran, dass bei Airbus die Auftragsbücher für den A320 ebenfalls voll sind. Airlines, die nicht bis 2030 auf ihre Flugzeuge warten wollen, müssen also zwangsläufig zu Boeing gehen. Insofern trifft die aktuelle Krise das Unternehmen zu einem günstigen Zeitpunkt.
Erstpublikation: 10.04.2024, 08:55 Uhr