Familienunternehmen: Wie die nächste Unternehmergeneration tickt
Die 35-Jährige Anne-Marie Großmann übernimmt bei Georgsmarienhütte die operative Verantwortung.
Foto: HandelsblattDüsseldorf. Zahlreiche Familienunternehmen stehen vor dem Generationswechsel. Die gute Nachricht: Viele Erben eines Familienunternehmens sind bereit, die Verantwortung zu übernehmen. 71 Prozent wollen eine operative Führungsrolle im eigenen Familienunternehmen einnehmen. Das zeigt eine Studie, die von der Zeppelin Universität im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen erstellt wurde und dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.
Auch als Gründer sind die Unternehmerfamilien aktiver. 44 Prozent aller Befragten können sich vorstellen, ein eigenes Unternehmen zu gründen und sich so auch auf eine Nachfolge vorzubereiten.
Dabei ist das Umfeld für Unternehmer aktuell rau: Der Krieg in der Ukraine belastet auch das Geschäft vieler deutscher Familienunternehmen. Die Gefahr durch den Klimawandel wird dagegen geringer eingeschätzt. Denn die Nachfolgegenerationen hätten „Vertrauen in die eigene Leistungs- und Innovationskraft“, sagt Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen.
Die Spaltung der Gesellschaft sorgt die Nachfolger laut Umfrage dagegen mehr. In einer polarisierten Gesellschaft sei das Wirtschaften als Familienunternehmer schwieriger geworden, meint Kirchdörfer. „Die nächste Unternehmergeneration spürt, dass die Leistungen von Unternehmern heute weniger geschätzt werden“, sagt er. Kirchdörfer fürchtet, dass immer weniger Nachfolger sich dem stressigen Unternehmerleben aussetzen wollen, wenn die Anerkennung der Gesellschaft für unternehmerische Leistung immer geringer ausfalle.
Viele Nachfolger denken darum darüber nach, sich aus dem Familienunternehmen zurückzuziehen, sagt auch Tom Rüsen, Direktor des Wittener Instituts für Familienunternehmen. „Verkaufen und raus aus dem Ganzen, ein entspanntes Leben, philanthropisches Engagement, allenfalls ein Start-up“, zählt er auf und ergänzt: „Die Bereitschaft, sich zwischen Vorschriften und Steuerdiskussionen aufzureiben, nimmt ab.“
Das zeigt auch die Studie der Zeppelin Universität: Fast jeder vierte befragte Nachfolger erwägt demnach, das eigene Familienunternehmen zu verkaufen – deutlich mehr als bei der Vorgängerstudie vor drei Jahren. Für die deutsche Unternehmerlandschaft ist das hochrelevant: Laut Schätzungen des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn stehen im Schnitt 38.000 Übergaben pro Jahr an.
Was treibt Nachfolger an, die den Schritt an die Unternehmensspitze bereits gewagt haben?
Eine prominente Nachfolgerin ist Anne-Marie Großmann. Die Tochter des Stahlunternehmers Jürgen Großmann ist seit 2021 in der Geschäftsführung der Georgsmarienhütte-Gruppe. Zuvor hatte sie sieben Jahre im Aufsichtsrat des Stahlherstellers gesessen. Sie ist – neben ihrem Vater und ihren Geschwistern – auch Anteilseignerin des Unternehmens.
Die energieintensive Stahlproduktion soll klimafreundlicher werden.
Foto: dpa„Wenn man selbst in der Geschäftsführung ist, kann man da am meisten bewegen“, sagt die 35-Jährige. Vor allem der Erhalt der Arbeitsplätze sei ihr wichtig. Sie sieht im eigenen Familienunternehmen, das insgesamt rund 2,3 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet und rund 6000 Mitarbeitende beschäftigt, auch Freiheitsgrade, die börsennotierte Unternehmen nicht haben: „Wir müssen nicht jedes Quartal unsere Strategie erklären.“ In der Stahlbranche, die gerade in einer Transformation steckt, sei das ein Vorteil. Denn es müssten mutige Entscheidungen getroffen werden.
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Anders als andere Befragte in der Zeppelin-Studie sieht Großmann im Klimawandel eine der größten Bedrohungen für ihr Geschäft: „Wir sind vom Hochwasser im Ahrtal betroffen gewesen“, erzählt sie. Ihr sei klar, dass alles vom Klima abhänge: „Es ist die Grundlage allen Wirtschaftens.“
Zugleich sieht sie ein großes Risiko, dass Deutschland für die Industrie nicht mehr attraktiv sein könnte. Als großer Stromverbraucher habe die Georgsmarienhütte mit der unsicheren Situation auf den Strom- und Energiemärkten zu tun. Dabei ist das Unternehmen schon vor mehr als 20 Jahren vorangegangen und hat einen Gleichstrom-Elektrolichtbogenofen für die Stahlschmelze installiert. Nun braucht sie für die vier Elektroöfen grünen Strom. Unternehmern werde es in Deutschland durch die Bürokratie „auf der strukturellen Ebene nicht leicht gemacht, auch was zu unternehmen“.
In die Schmuddelecke geraten
Schon etwas länger an der Firmenspitze seines Familienunternehmens ist Daniel Dungs, 41. Er leitet gemeinsam mit seinem Bruder Simon bereits seit fünf Jahren das Familienunternehmen mit 142 Millionen Euro Umsatz und rund 700 Mitarbeitenden.
Das 1945 gegründete Unternehmen bietet Gassicherheitstechnik und Systemlösungen für die Heiz- und Prozesswärmeindustrie sowie Gasmotoren an, zum Beispiel für Firmengebäude, Hotels oder Prozesswärme in Fabriken, aber auch als Back-up-Energie, wenn der Wind mal weniger und mal mehr weht.
Er stellt fest: „Weil wir auf Gas fokussiert sind, sind wir jetzt in die Schmuddelecke geraten.“ Gleichzeitig sei das Familienunternehmen bei Technologieoffenheit auch Teil der Lösung, vor allem wenn es um Wasserstoff gehe, erklärt er. „Wir haben eine über 60-jährige Expertise bei gasförmigen Energien.“
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Dennoch machen er und sein Bruder sich bereits Gedanken, „wie wir für die nächste Generation attraktiv sein können“, erzählt er. „Das wird kein Selbstläufer.“
Denn die Zeppelin-Umfrage unter den Nachfolgern zeigt, dass sich die jungen Unternehmen mit ihren Interessen von den politischen Parteien kaum wahrgenommen fühlen. Die Parteien hätten oft wenig Kompetenz, ihre Probleme zu lösen. Das Gebäudeenergiegesetz (GEG), so Dungs, habe ihm vor Augen geführt, dass die Unsicherheit über politische Rahmenbedingungen enorme Auswirkungen auf das Unternehmen haben kann. Kunden hätten in der Folge Aufträge hinausgezögert.
Dungs reagierte pragmatisch: Mit Nachbarunternehmen am Hauptsitz in Urbach spricht er derzeit darüber, eine kommunale Wärmeplanung (KWP) im Industriequartier umzusetzen. „Wir wollen eine Energiezentrale mit anderen Unternehmen zusammen installieren, um den Verbrauch zu reduzieren und zum Beispiel die Energiebedarfe der Unternehmen zu koordinieren“, erklärt Dungs. „Die Kommune interessiert sich bereits für das Modell.“ Auch so kann es aussehnen, wenn Unternehmer Teil der Lösung sein wollen.