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Uwe Ahrendt im Interview Nomos-Chef warnt vor Einbrüchen der Uhrenbranche

Der Chef von Nomos spricht über seinen persönlichen Weg von der CDU zu den Grünen, Haltung als Firmenwert und Wachstum in Zeiten von Corona.
08.03.2020 - 11:33 Uhr Kommentieren
Uwe Ahrendt ist Geschäftsführer der Nomos Glashütte Uhrenmanufaktur im sächsischen Glashütte. Quelle: Christoph Busse / VISUM
Uwe Ahrendt

Uwe Ahrendt ist Geschäftsführer der Nomos Glashütte Uhrenmanufaktur im sächsischen Glashütte.

(Foto: Christoph Busse / VISUM)

Düsseldorf Die Coronakrise macht auch der Uhrenindustrie schwer zu schaffen: „Es wäre Augenwischerei zu glauben, dass Corona an unserer Branche vorübergeht“, sagte Uwe Ahrendt, Chef der deutschen Manufaktur Nomos Glashütte, dem Handelsblatt. Man werde „sehen müssen, wie sich die Epidemie weiterentwickelt. Aber 2020 dürfte eher schwierig werden“, so Ahrendt.

China, Hongkong und Japan gehören zu den Hauptexportländern vieler Luxusmarken, „was im Umkehrschluss bedeutet, dass aktuell beim Export in diese Länder einiges wegbricht“, so Ahrendt. „Dazu kommt das, was bei Händlern weltweit nicht mehr an asiatische Touristen verkauft wird, weil die schlicht ausbleiben derzeit. In Rom wie in Berlin oder Paris.“

Für Nomos Glashütte selbst sei er zwar „optimistisch. Wir waren in den ersten beiden Monaten des Jahres erfreulicherweise im Plus, einfach weil wir eben auch eine sehr starke Fanbase hierzulande haben“, sagte Ahrendt weiter. „Dazu kommt: Wir haben uns nie überschuldet und machen eher kleine Schritte. Insofern werden wir nicht zu denen gehören, die in einer richtigen Krise sofort umfallen.“ Aber auch in den neuen Niederlassungen seines Unternehmens in Hongkong und China werde „aktuell nichts verkauft“.

Die feine Uhrenbranche litt wie viele Luxusartikelhersteller erst unter den Protesten in Hongkong, nun bricht wegen Corona vielerorts der Umsatz ein. Außerdem wurden die beiden weltgrößten Fachmessen in Basel und Genf gerade erst abgesagt. Und noch ein weiteres Risiko sieht Ahrendt: die neue Konkurrenz durch Smartwatches, vor allem von Apple.

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    Der US-Konzern aus Cupertino verkauft längst mehr Armbanduhren als etwa die gesamte Schweizer Uhrenindustrie zusammen: „Wenn es Konkurrenz und Verdrängungskämpfe gibt, dann sicher eher in den Preisklassen, in denen Apple antritt – also unter 1000 Euro“, so Ahrendt gegenüber dem Handelsblatt.

    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Herr Ahrendt, auf Bundesebene wird immer lauter über schwarz-grüne Regierungsmöglichkeiten nachgedacht. Sie haben die Koalition quasi schon in Personalunion vollzogen: Hier in Ihrem Geburtsort Glashütte waren Sie erst auf einer CDU-Liste im Stadtrat. Dann wechselten Sie zu den Grünen. Ein Vorbild für Berlin?
    Sachsen wird ja bereits von einer schwarz-rot-grünen Koalition regiert. Aber natürlich ist so etwas hier in unserem kleinen Ort auch einfacher möglich, zumal ich in keiner der beiden Parteien jemals Mitglied war. In der Region geht es am Ende eher um Personen als um Parteiprogramme.

    Warum haben Sie im vergangenen Jahr die Seite gewechselt?
    Mir schien, dass die Grünen in den vergangenen Jahren einfach das klarere Profil gezeigt haben – nicht nur in Bezug auf den Klimawandel, auch gegen Populismus und Radikalismus. Da wollte ich dann persönlich ein Zeichen setzen.

    Das hat auch Nomos früh getan: Zum Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 ließ Ihre Mitgesellschafterin Judith Borowski hier vor der Firma ein Transparent aufhängen mit der Aufschrift „Wir ticken international“. Was hat’s gebracht?
    Aufmerksamkeit und notwendige Diskussionen. Wir waren uns einig, dass Toleranz und Weltoffenheit für uns als Firma enorm wichtig sind. Dafür, wie wir im Ausland wahrgenommen werden. Aber auch dafür, wie wir uns selbst definieren. Dass wir uns nicht wegducken dürfen in Momenten, in denen Menschen Hilfe brauchen.

    Die anderen Uhrenmarken am Ort machten da nicht mit …
    … was man vielleicht verstehen muss: Viele gehören ja zu großen Schweizer Konzernen, wo solche Prozesse deutlich komplizierter sind, wann sich wer wie politisch äußern darf. Unter der Hand hörte ich aber öfter mal, dass die das ganz gut fanden.

    Nomos wurde in der hiesigen Wirtschaft zu einer Art Speerspitze des Widerstands gegen rechts.
    Na ja, vor allem bauen wir Uhren. Insofern sind wir in dieses politische Engagement auch ein bisschen reingestolpert. Das Private vermischt sich in einem kleinen Unternehmen wie unserem eben manchmal mit dem Beruflichen. Aber man muss eben gelegentlich auch Stellung beziehen.

    Mittlerweile sind Sie Vize-Bürgermeister von Glashütte, wo bei den letzten Landtagswahlen mehr als ein Drittel der Wählerstimmen an die AfD ging. Woher rühren die hohen AfD-Zahlen selbst hier, wo man ja wirklich keine großen wirtschaftlichen Sorgen hat?
    Es ist selbst für mich schwer zu sagen, obwohl ich ja hier aufgewachsen bin. Vielleicht spielen zwei Gründe eine Rolle: fehlende Anerkennung in der alten Bundesrepublik für all das, was vor der Wende ja auch hier und in ganz Ostdeutschland geleistet wurde. Und andererseits die dauernden Veränderungen, denen die neuen Bundesländer stärker ausgesetzt waren: das Ende der DDR, die deutsche Einheit, totaler Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft, Globalisierung, Digitalisierung – das waren und sind ja alles riesige Herausforderungen. Da kann schon Angst entstehen – vor Neuem, Fremdem. Und man lebt ja vielleicht auch deswegen hier auf dem Dorf, weil man nicht allzu viel Veränderung braucht.

    Nomos bietet seinen Mitarbeitern nun politische Workshops an. Wozu?
    Wir wollen zum Nachdenken anregen, Fakten checken und Argumente liefern. Heutzutage sind wir doch alle in unseren Filterblasen unterwegs und werden immer unfähiger, uns mal auf andere Perspektiven und Meinungen einzulassen. Da sollen diese Workshops helfen.

    Sie als Teilzeit-Grüner und Gegner von Fremdenfeindlichkeit aller Art machen sich da sicher nicht nur Freunde. Angeblich wechseln manche Glashütter mittlerweile die Straßenseite, wenn sie Ihnen begegnen.
    Ach, so schlimm ist das nicht. Und man weiß wenigstens, woran man mit mir ist.

    Hier bei den Einwohnern hörte man in den vergangenen Jahren auch öfter mal das Argument, dass – trotz allen wirtschaftlichen Erfolgs des Standorts durch die Uhrenindustrie – die Gemeinschaft zu kurz komme. Dass es zum Beispiel zwar tolle Parkhäuser der Luxus-Manufakturen gebe, aber immer weniger öffentliche Räume, vom Freibad bis zur Mehrzweckhalle.
    Da ist ja auch was dran. So entstand bei uns als Nomos zum Beispiel die Idee, die leer stehende katholische Kirche am Hang zu übernehmen und zugleich für die Gemeinde zu öffnen, und sei es nur für eine Party.

    Dank Nomos wird in Glashütte jetzt sogar wieder getanzt?
    Wir haben natürlich auch als Firma noch Pläne mit der Kirche. Aber jetzt freuen wir uns erst mal, dass dort tatsächlich auch mal Bands auftreten.

    Sie selbst sollen in Ihrer Jugend DJ gewesen sein …
    … und ich hatte in der damaligen DDR sogar eine offizielle Zulassung als „staatlich geprüfter Schallplatten-Unterhalter“, ja.

    Apropos: In der Nomos-Führungsriege sind Sie nicht nur der einzige Glashütter, sondern der einzige ehemalige DDR-Bürger. Ihre beiden Co-Gesellschafter Judith Borowski und Nomos-Gründer Roland Schwertner stammen aus dem alten Westen und sind die meiste Zeit in Berlin, wo auch die Kreativabteilung von Nomos sitzt. Sorgt das nicht für Reibereien?
    Im Gegenteil. Die unterschiedlichen Temperamente und Perspektiven tun der Firma ganz gut, denke ich: hier die akribischen, konzentriert arbeitenden Uhrmacher, dort die eher extrovertierten und weltzugewandten Design- und Marketingleute. Das kann beide Seiten befruchten. Judith Borowski und Roland Schwertner sind regelmäßig in Glashütte. Und ich in Berlin.

    In großen Konzernen wird mittlerweile fast schon hysterisch nach einem „Purpose“ gesucht. Nomos scheint ihn längst gefunden zu haben. Kann man so etwas planen?
    Wohl kaum. Aber vielleicht war das auch der Grund, warum ich relativ früh hierherwechselte. Wir sind ein tolles Team, das wahnsinnig motiviert ist und dadurch eine große Eigendynamik entwickelt.

    Wollten Sie immer schon Uhrmacher werden?
    Bin ich gar nicht. Ursprünglich hatte ich Werkzeugmacher gelernt, weil ich in der DDR kein Abitur machen durfte.

    Waren Sie Regimegegner?
    Ich hatte jedenfalls früh allen klargemacht, nicht drei Jahre bei der Nationalen Volksarmee dienen zu wollen. Da war dann klar, dass das mit dem Abitur nichts wird. Erst nach der Wende konnte ich studieren und wollte meine Diplom-Arbeit bei der damals neu gegründeten Vorläuferin der heutigen Manufaktur A. Lange & Söhne machen. Über den dortigen Chef Günter Blümlein kam ich zu IWC nach Schaffhausen, wo ich mich zum Ingenieur ausbilden ließ. Nebenher studierte ich außerdem Wirtschaftswissenschaften. Danach kehrte ich nach Glashütte zurück, wo Roland Schwertner gerade damit begonnen hatte, Nomos aufzubauen. Ein paar Jahre später wurden Judith Borowski und ich Gesellschafter. Damals hatte Nomos 35 Beschäftigte. Heute sind wir bei rund 300.

    Grünen-Chef Robert Habeck (links) kam im vergangenen Jahr zu Besuch.
    Nomos

    Grünen-Chef Robert Habeck (links) kam im vergangenen Jahr zu Besuch.

    Seitdem geht’s eigentlich nur bergauf. Aber was bedeutet Corona für Nomos und die Branche?
    Die beiden großen Messen, Baselworld und Watches & Wonders in Genf, wurden ja bereits abgesagt, obwohl die erst in zwei Monaten stattgefunden hätten. Man muss auch sehen, dass die Messen in den vergangenen Jahren bereits an Bedeutung verloren haben, nicht zuletzt, weil man digital und über den Fachhandel viel an Kommunikation erreicht.

    Laut Verband der Schweizer Uhrenindustrie sind die Hauptexportländer Hongkong, USA, Festland-China, Japan …
    … was im Umkehrschluss bedeutet, dass aktuell beim Export in diese Länder einiges wegbricht. Dazu kommt das, was bei Händlern weltweit nicht mehr an asiatische Touristen verkauft wird, weil die schlicht ausbleiben derzeit. In Rom wie in Berlin oder Paris.

    Trotzdem hat sich Nomos das klare Ziel gegeben, in Asien zu wachsen.
    Deshalb haben wir im vergangenen Jahr kleine Niederlassungen in Hongkong und in China gegründet, wo wir aus dem Stand schwarze Zahlen geschrieben haben. Aktuell wird dort allerdings nichts verkauft.

    Es ist noch nicht lange her, da wurde Apple für seine Smartwatch von der auf mechanische Luxusuhren fokussierten Uhrenbranche eher belächelt. Mittlerweile verkauft der Konzern weit mehr Uhren als die gesamte Schweizer Uhrenindustrie zusammen. Hat man den Gegner unterschätzt?
    Es bleiben zwei unterschiedliche Märkte: Apple liefert Computertechnologie fürs Handgelenk, die Manufakturen gutes Handwerk mit viel Emotion. Aber die Amerikaner machen auch einen guten Job und überzeugen durch ein qualitativ wirklich ausgereiftes Produkt.

    Sind Smartwatches Ergänzung oder Bedrohung Ihrer Branche?
    Am Ende hat man natürlich nur einen Arm, an dem man eine Uhr tragen kann. Wenn es Konkurrenz und Verdrängungskämpfe gibt, dann sicher eher in den Preisklassen, in denen Apple antritt – also unter 1000 Euro.

    Wie sieht Ihre Prognose aus für die Uhrenindustrie dieses Jahr generell?
    Es wäre Augenwischerei zu glauben, dass Corona an unserer Branche vorübergeht. Wir als Nomos wollen unser Niveau halten. Man wird sehen müssen, wie sich die Epidemie weiterentwickelt. Aber 2020 dürfte eher schwierig werden.

    Und für Nomos?
    Bin ich optimistisch. Wir waren in den ersten beiden Monaten des Jahres erfreulicherweise im Plus, einfach weil wir eben auch eine sehr starke Fanbase hierzulande haben. Dazu kommt: Wir haben uns nie überschuldet und machen eher kleine Schritte. Insofern werden wir nicht zu denen gehören, die in einer richtigen Krise sofort umfallen.

    Was ist Ihr meistverkauftes Modell?
    Tangente, mit der wir einst angefangen haben, auch wenn sie natürlich mittlerweile vielfach modernisiert wurde. Tangente ist für uns, was der Golf für VW ist: Einsteigermodell und Fundament zugleich.

    In den letzten Jahren zogen einige Ihrer Modelle im Preis ziemlich an. Woran lag’s?
    Es mag Uhrenmarken geben, die einfach anfangen, ihre Preise anzuheben, und hoffen, dass die Kunden mitgehen. Das ist immer riskant. Wir dagegen haben mit zwei neuen, von uns in Glashütte entwickelten und hergestellten Neomatik-Uhrwerken heute eigene, innovative Kaliber am Start, die nun peu à peu in allen Modellreihen zum Einsatz kommen. Da kann eine Uhr dann auch mal mehr als 3000 Euro kosten. Das ist allerdings in Relation zu vergleichbaren Uhren immer noch sehr preiswert.

    Herr Ahrendt, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Eine Studie zeigt: Familienunternehmen haben entscheidend zur Reindustrialisierung der neuen Bundesländer beigetragen.

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