Wagniskapital: Deutsche Start-ups erhalten noch weniger Geld – nur ein Bereich boomt
Frankfurt, Berlin, Düsseldorf. Das vergangene Jahr ist für die deutsche Start-up-Szene insgesamt enttäuschend verlaufen. Die Geldgeber hielten sich noch stärker zurück als im Jahr 2022. Insgesamt erhielten die Jungunternehmen sechs Milliarden Euro – das waren 39 Prozent weniger im Vergleich zum Jahr 2022, als 9,9 Milliarden Euro von den Wagniskapitalfonds bereitgestellt wurden. Dies geht aus einer am Dienstag veröffentlichten Analyse der Beratungsgesellschaft EY hervor.
Auch die Anzahl der Finanzierungsrunden reduzierte sich demnach im Vergleich zum Vorjahr um 15 Prozent auf 861 Deals. Darin spiegeln sich die schwierigen Rahmenbedingungen für die Start-ups wider. Dazu zählen die hohen Zinsen, das schwache Wirtschaftswachstum und die geopolitischen Spannungen.
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Außerdem gab es im vergangenen Jahr keinen nennenswerten Börsengang eines Jungunternehmens in Deutschland. Diese Exit-Option wird sich nach Einschätzung von Investmentbankern frühestens im zweiten Halbjahr 2024 öffnen.
Allerdings gab es auch Lichtblicke: Das Topthema Künstliche Intelligenz (KI) sorgte für hohe Investitionen in Software-Start-ups: Etwas mehr als zwei Milliarden Euro flossen im vergangenen Jahr in diesen Bereich. Während sich das Investitionsvolumen im Subsektor „Software as a Service“ von 1,9 Milliarden auf 918 Millionen Euro fast halbierte, ging es im Bereich KI aufwärts: Hier stieg die Summe laut EY von 220 auf 943 Millionen Euro, die Zahl der Deals erhöhte sich dabei allerdings nur leicht von 55 auf 61 Finanzierungsrunden.
Das größte Einzelinvestment verzeichnete die KI-Firma Aleph Alpha aus Baden-Württemberg mit 463 Millionen Euro im November.
Philip Hutchinson vom Applied AI Institute for Europe gibt jedoch zu bedenken: „Die erhaltene Finanzierung für KI-Start-ups konzentriert sich in diesem Jahr auf weniger Akteure als in den Vorjahren.“
Betrachte man die Investments in KI-Firmen über alle Branchen hinweg, gab es 2022 noch 212 Investments. Von Januar bis Ende November 2023 betrug die Zahl laut Applied AI nur noch 112. In der Breite profitierten also weniger Start-ups vom KI-Hype.
Die Start-ups in den Bereichen Cybersicherheit, Blockchain und Datenanalyse sammelten laut EY zusammen gut 110 Millionen Euro ein.
Talsohle bei Start-up-Finanzierung könnte erreicht sein
„Investoren agieren nach wie vor sehr zurückhaltend und legen ihr Geld selektiv an“, sagt Thomas Prüver, Partner bei EY. Um auch in diesen schwierigen Zeiten an frisches Kapital zu kommen, reichten für Jungunternehmen gute Ideen allein nicht mehr aus.
Solide und gut durchdachte Geschäftsmodelle in Verbindung mit realistischen Umsatzprognosen und der Aussicht auf Profitabilität seien aktuell entscheidend. Auf der anderen Seite hätten die Start-ups, die heute entstehen, wachsen und frisches Geld erhielten, schon die erste Bewährungsprobe bestanden und sich als widerstandsfähig erwiesen.
Einiges spreche dafür, dass die Talsohle bei der Start-up-Finanzierung inzwischen erreicht sei, erklärt Prüver. Seit Juli zeige beispielsweise der Trend bei den monatlichen Finanzierungsvolumina laut EY wieder nach oben.
Geldgeber für Beteiligungsfonds sind vorsichtig
Trotz der Stabilisierung ist es eher unwahrscheinlich, dass in den kommenden Jahren die Rekorde aus dem Jahr 2021 schnell wieder erreicht werden. Denn die Wagniskapitalfonds tun sich schwerer als früher, Geld von den Pensionskassen, Versicherungen und Versorgungswerken einzusammeln. Laut einer Berechnung von Pitchbook haben die Fonds 2023 so wenig Geld aufgenommen wie seit 2015 nicht mehr.