Börsenstrategie: Haben Kostolanys Weisheiten ausgedient?
Der in Ungarn geborene Börsenexperte und Bestsellerautor André Kostolany
Foto: dpaDüsseldorf. Die Turbulenzen an den Börsen sind nichts für schwache Nerven. Auf fast schon panikartige Verkäufe folgen hektische Käufe und anders herum. Der Dax rauschte im vergangenen Jahr von knapp 7500 unter 5000 Punkte. Kursschwankungen von fünf und mehr Prozent an einem Börsentag waren keine Seltenheit. Mittlerweile geht es fast genauso schnell wieder aufwärts, seit Jahresbeginn hat der Dax fast 900 Punkte zugelegt – Börse extrem. Was gelten in solchen Zeiten noch die alten Börsenweisheiten?
Die wohl bekannteste Börsenstrategie ist „Buy and Hold“, zu deutsch „Kaufen und liegenlassen“. Als einer ihrer Väter gilt der Börsenaltmeister André Kostolanys. Sein berühmtester Ratschlag war wohl, in die Apotheke zu gehen, Schlaftabletten zu kaufen, einzunehmen, dann einige internationale Standardwerte zu kaufen und ein paar Jahre zu schlafen. Wer diesen Rat des Börsenaltmeisters befolgte, sollte eine angenehme Überraschung erleben – nämliche satte Kursgewinne.
In den Börsenturbulenzen der vergangenen Monate wurde immer wieder Kritik laut an dieser so unkomplizierten Regel. „Die Strategie „Buy & Hold“ hat ausgedient“, sagt beispielsweise Achim Küssner, Deutschlandchef der Fondsgesellschaft Schroders, Ende November im Interview mit Handelsblatt Online. „Die Welt dreht sich weiter. Es wandelt sich alles viel zu schnell, um ein Portfolio zusammenzustellen und dann für zehn oder zwanzig Jahre liegen zu lassen.“
Die Favoriten von heute sind nicht zwangsläufig die Favoriten von morgen. Küssner verweist beispielsweise auf den Dax, dessen Zusammensetzung heute völlig anders aussehe als noch in den 80er-Jahren. „Die Favoriten wechseln“, meint er. Das sieht Götz Albert ähnlich. „Eine reine Buy-and-Hold-Strategie ist nicht ratsam“, sagt der Partner bei der Fondsgesellschaft Lupus Alpha und Spezialist für Small & Mid Caps. „Wenn man ein statisches Portfolio zehn Jahre unverändert lässt und nicht behutsam an die sich sehr schnell ändernde Welt anpassen kann, ist Buy and Hold eine gefährliche Strategie.“ Den dann hänge der Erfolg sehr davon ab, wann das Portfolio aufgesetzt worden sei und mit welchen Schwerpunkt. „Hätte man im Oktober 1999 ein Aktienportfolio mit Technologie- und vor allem Internetwerten aufgesetzt, hätte man bis März 2000 eine gute Zeit gehabt; danach dann leider zehn schlechte Jahre.“
Das trifft nicht nur für Einzelwerte zu. Beispiel Dax: Die „verlorene Dekade“ zu Anfang des Jahrtausends, die die deutschen Standardwerte negativ abschlossen, wird gerne gegen Buy and Hold ins Feld geführt. Doch eine solche Betrachtung ist stichtagbezogen. Denn in den vergangenen zehn Jahren hat der Dax 38 Prozent zugelegt. Wer also zwei Jahre später eingestiegen ist, hat die „besseren Jahre“ erwischt. Auf Sicht von 15 Jahren hat der Dax übrigens 119 Prozent gewonnen. Und in den vergangenen 20 Jahren hat sich der Kurs des Standardwerte-Barometers sogar fast verdreifacht. Ähnlich sieht es bei den amerikanischen Standardwerten aus.
Das spricht für Buy and Hold. „Mit langen Anlagezeiträumen lassen sich kurzfristige Marktschwankungen am ehesten ausgleichen“, sagt Kerstin Behnke von der Fondsgesellschaft Fidelity Worldwide Investment. „Je langfristiger Anleger ihr Geld investieren, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, Geld zu verdienen.“ Wer bei der Geldanlage nur kurzfristig denke, investiere nicht nur risikoreicher, sondern lebe auch stärker in Angst um seine Investments als langfristig orientierte Anleger. „Diese Angst war in den letzten Monaten deutlich zu spüren“, ergänzt Behnke.
Besonders extrem war das im August und September, als die Börsen regelrecht crashten. Viele Privatanleger, die wahrscheinlich erst spät, vielleicht bei 5.200 Punkten ausgestiegen sind, dürften bei knapp unter 5.000 Punkten wohl kaum mehr eingestiegen sein. Schließlich hatte der Dax mit hoher Dynamik in wenigen Tagen fast 1.000 Punkte eingebüßt. Den Aufschwung bis auf aktuell fast 6.800 Punkte haben wie wohl nicht (mehr) mitgemacht. Oder sie sind aus Panik bei höheren Kauf- als Verkaufskursen wieder eingestiegen.
„Der August 2011 liefert das beste Argument für ein breit diversifiziertes Buy-and-Hold-Portfolio“, sagt Thomas Meyer zu Drewer. „Denn jeder Investor, der sich anders verhalten hat, musste schnell feststellen, dass der Dax nicht unbedingt das tut, was Investoren von ihm verlangen.“ Der Chef von Comstage, der ETF-Tochter der Commerzbank, ist überzeugt: „Buy and Hold ist weiter die Strategie, die von allen Strategien langfristig den vorhersehbar besten Ertrag erbringt.“ Allerdings nennt er einen „kleinen, aber entscheidenden Zusatz“, ohne den Kostolanys Regel heute grundsätzlich scheitern würde: „Es muss sich um ein breit diversifiziertes Portofolio handeln.“ Das Risiko muss also breit gestreut werden.
Damit trifft er bei Verbraucherschützern auf offene Ohren: „Die Basis jeder vernünftigen Anlagestrategie ist ein über verschiedene Anlageklassen diversifiziertes Portfolio, das möglichst selten umgeschichtet wird, weil jede Umschichtung Geld kostet“, sagt Niels Nauhauser. „Wer behauptet, ‚Buy and Hold’ habe ausgedient, hat die Kapitalmärkte nicht verstanden.“ Denn der Kerngedanke der Strategie lautet: Vorhersagen über künftige Kursverläufe lassen sich nicht mit Sicherheit treffen. „Im Rückblick lassen sich immer bessere Strategien finden“, sagt der Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Das Problem ist nur, dass niemand die Muster der Zukunft kennt.“ Und genau deshalb „bleibt uns nichts anderes übrig als optimal mit der Unsicherheit der Märkte umzugehen: Buy and Hold und das mit einem wohl diversifizierten Portfolio“, ergänzt Martin Weber, Professor für Finanzwirtschaft an der Uni Mannheim.
Viele Anleger sind aber auf der Jagd nach dem schnellen Geld und versuchen, durch Umschichten oder Ausstieg aus dem Markt Verluste zu vermeiden und dann rechtzeitig, also möglichst auf dem oder Nahe dem Tiefpunkt wieder einzusteigen, um die Gewinnen im Aufwärtstrend möglichst vollständig einzufahren. „Es scheint, als hätten die volatilen Märkte in den letzten Jahren zu einem grundlegenden Wandel im Anlageverhalten der Privatanleger geführt. Kurzfristige Investments, ein schnelles, taktisches Agieren, um Marktausschläge nach oben oder unten mitzunehmen, scheinen oft zu dominieren“, sagt Fidelity-Expertin Behnke.
„Market-Timing“ nennt sich diese Strategie, der Gegenentwurf zu „Buy and Hold“. Dieses kurzfristige Denken könne durchaus Teil der persönlichen Anlagestrategie sein, sollte aber nie die Gesamtstrategie bestimmen, ergänzt Behnke. Denn den richtigen Zeitpunkt für den kurzfristigen Ein- und Ausstieg zu treffen, grenze an Glücksspiel. „Ohne Kristallkugel und einen klaren Blick hinein, ist die Zukunft einfach unsicher und nicht vorhersehbar“, bringt es Comstage-Chef Meyer zu Drewer auf den Punkt. „Eine andere Strategie als Buy and Hold lässt Anleger ohne Glaskugel schnell Bekanntschaft mit einer weiteren, geflügelten Börsenweisheit schließen: Hin und her macht Taschen leer.“
Die Leere des Börsenaltmeisters sollte aber in Zeiten turbulenter Börsenzeiten – neben der breiten Diversifizierung – noch um einen weiteren Aspekt ergänzt werden: die regelmäßige Überprüfung des Portfolios. Martin Krebs sagt: „Es reicht, einmaljährlich zu überprüfen, ob die Allokation auf die verschiedenen Anlageklassen noch der persönlichen Zielallokation entspricht.“ Der Tipp des Vorstandsmitglieds der ING-Diba: „Nehmen Sie einen Teil der Gewinne auf Werte, die gut gelaufen sind, mit. Trennen Sie sich von Titeln, an die Sie nicht mehr glauben, auch wenn es weh tut.“ Krebs hält Buy and Hold mehr den je für die richtige Strategie für Privatanleger.
Kritiker Götz Albert kann sich ebenfalls für eine Variante von Buy and Hold erwärmen, „in der man „behutsame Anpassungen“ machen könne und dabei dem einmal gewählten Investmentstil treu bleibe. „Wenn sich die Qualität eines Investments verschlechtert – also nicht nur der Preis schwankt –, dann muss ein solches Investment abgebaut werden. Auch innerhalb einer Buy-and-Hold-Strategie“, ergänzt er.
Fazit: Die reine Lehre des Börsenaltmeisters funktioniert in den heutigen Zeiten nicht mehr, wohl aber eine erweiterte Version: Sorgfältig auswählen, das Risiko breit (!) und vor allem global streuen, sich zurücklehnen und Zeit lassen. Aber eben auch: von Zeit zu Zeit das Investment überprüfen und gegebenenfalls anzupassen. Die Strategie hat allerdings den Nachteil, „dass wir unsere Psyche damit nur schwer befriedigen können“, ergänzt Finanzexperte Weber. „Menschen haben das Bedürfnis Kontrolle auszuüben, aktiv zu sein, das Steuer selbst in die Hand zu nehmen. Im Leben vielleicht eine gute Einstellung an den Kapitalmärkten sicherlich nicht.“