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DollarisierungKann der Dollar Argentiniens Probleme lösen?

Argentiniens nächster Präsident will den Dollar einführen, um die extrem hohe Inflation zu bekämpfen. Andere Länder sind diesen Schritt bereits gegangen. Doch die Dollarisierung hat Risiken.Alexander Busch, Klaus Ehringfeld 30.11.2023 - 13:29 Uhr

Mexiko-Stadt. Das wichtigste Versprechen von Javier Milei im argentinischen Präsidentschaftswahlkampf war die Dollarisierung der heimischen Wirtschaft. Er gewann die Wahl – am 10. Dezember tritt der selbst ernannte Anarchokapitalist sein neues Amt an. Als Präsident will er den Peso durch die US-Währung ersetzen. Dadurch würden viele Probleme des Landes gelöst, allen voran die Inflation von derzeit 143 Prozent, behauptet er.

Damit scheint sich die Geschichte in der zweitgrößten Volkswirtschaft Südamerikas zu wiederholen: Vor 34 Jahren wählte Argentinien Carlos Menem, der den Peso an den Dollar koppelte und damit die Hyperinflation besiegte.

Daran will Milei anschließen. Denn die Dollarisierung ist in Staaten, welche die Kontrolle über ihre Währung verloren haben, eines der letzten Instrumente, um Stabilität zu schaffen. Durch sie kann die Inflation schnell gestoppt werden, und es können die Wechselkurs- sowie Kapitalverkehrskontrollen aufgehoben werden. So können Staaten, die langjährig vom Weltmarkt isoliert waren, schnell wieder zu einer Normalität zurückkehren – kurzfristig zumindest.

Andere Länder adaptierten den Dollar bereits

In Lateinamerika sind bisher drei Länder den Weg der Dollarisierung gegangen. Ecuador und El Salvador schafften ihre Währungen vor 20 Jahren ab. Panama adaptierte den Dollar praktisch mit der Staatsgründung vor mehr als hundert Jahren. Doch die Erfahrungen in den anderen Dollar-Staaten in Lateinamerika lassen nur begrenzt Rückschlüsse für Argentinien zu. Ob es möglich ist, in einer so großen Volkswirtschaft den Dollar zu implementieren, ist offen.

Ecuador ist dabei das einzige Land, das den Dollar aus einer der argentinischen ähnlichen Wirtschafts- und Finanznotlage übernahm. 2002 kämpfte der Andenstaat mit einer Teuerungsrate von knapp 100 Prozent. Hinzu kam eine Finanzkrise. Die Umstellung auf die US-Währung stabilisierte die Wirtschaft und senkte die Teuerungsrate in den vergangenen 20 Jahren im Durchschnitt auf zwischen zwei und drei Prozent.

„Die Bevölkerung schätzt hoch ein, dass die Kaufkraft bis heute erhalten bleibt“, sagt Jörg Zehnle, Entwicklungsökonom und Leiter der Deutsch-Ecuadorianischen Handelskammer. „Am Dollar will niemand rütteln in Ecuador.“ Allerdings habe der Wechsel der Währung einen deutlichen Einfluss auf die Höhe der Löhne und Gehälter, ergänzt Santiago Mosquera, Dekan der Business-School der Universidad de las Américas (UDLA). Die Dollarisierung habe die Arbeitskosten in die Höhe getrieben. „Es ist ziemlich teuer, in Ecuador Geschäfte zu machen, vor allem im Vergleich zu den Ländern, mit denen wir konkurrieren, wie Peru oder Kolumbien.“

Die Erfahrung mit der Dollarisierung in Ecuador zeigt: Für die Umstellung auf den Dollar ist ein Minimum an Devisenreserven notwendig – und vor allem eine ausgeglichene Fiskalpolitik.

Argentinien fehlen die Voraussetzungen für die Einführung des Dollars

Über all das verfügt Argentinien nicht: Die Devisenkasse ist leer, das Land hat hohe Außenschulden. Kurzum: Argentinien und Milei hätten im Moment gar nicht das Geld, um die Währungen zu tauschen. „Es fehlen alle Voraussetzungen für eine Dollarisierung“, sagt der ehemalige argentinische Zentralbankpräsident Miguel Kiguel.

Würde Milei jetzt auf den Dollar umstellen, würden sofort auch alle Peso-Anleihen in Dollar umgeschrieben. Das Bankensystem würde zusammenbrechen, weil die Regierung diese Schulden gar nicht bezahlen könnte. „Die Dollarisierung würde nicht die Probleme Argentiniens lösen“, sagt Luis Jácome, ehemaliger Zentralbankpräsident Ecuadors. Die Umstellung müsste zudem mit einer soliden Wirtschaftspolitik und mit wachstumsorientierten Strukturreformen begleitet werden. „Sonst drohen bei der Dollarisierung wirtschaftliche Stagnation und eine hohe Arbeitslosigkeit.“

In El Salvador war die Dollarisierung eine Voraussetzung für den Abschluss eines Freihandelsabkommens mit den USA. Das Land übernahm 2001 den Dollar als offizielle Währung inmitten wirtschaftlicher Stabilität. Seit September 2021 ist die Kryptowährung Bitcoin parallel Landeswährung zum Dollar.

Doch die Währungsumstellung habe hohe soziale Kosten mit sich gebracht, sagt der Ökonom Pablo Dávalos von der Universidad Andina Simón Bolívar in Ecuador. Die Löhne seien gesunken, die Arbeitslosigkeit stark gestiegen. El Salvador habe die Dollarisierung mit hoher Migration bezahlt. Die Menschen wandern aus, um in den USA Jobs zu finden.

Doch zynischerweise schaffen sie damit die Voraussetzungen, dass die Dollarisierung bis heute in ihrer Heimat funktioniert: El Salvador ist das Land mit den höchsten Rücküberweisungen aus dem Ausland in Lateinamerika. 2021 entsprachen die Rücküberweisungen 26 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Im viel größeren Argentinien spielen Rücküberweisungen fast keine Rolle.

Panama schließlich führte den Dollar als offizielle Währung neben der Landeswährung Balboa bereits im Jahr 1904 mit der Staatsgründung ein. Der Balboa ist an den Dollar gekoppelt und existiert noch heute, wird aber nicht als Banknote gedruckt und nur noch sehr eingeschränkt verwendet.

Warnungen vor hohen sozialen Kosten durch Dollarisierung

Der Ökonom Dávalos kritisiert, dass sich Panama so zu einer Steueroase entwickelt habe, „wo die Mafiosi der Welt ihre Konten haben“. Auch in Ecuador soll der Dollar ein wichtiger Grund dafür sein, warum die Drogenmafias aus Kolumbien das Land zunehmend als Transitplattform benutzen und dort ihr Drogengeld waschen.

Vor den hohen sozialen Kosten der argentinischen Reformpläne warnen 108 Wirtschaftswissenschaftler aus der ganzen Welt. „Javier Mileis Vorschläge für eine Dollarisierung und fiskalische Sparmaßnahmen ignorieren die Komplexität moderner Volkswirtschaften, lassen die Lehren historischer Krisen außer Acht und öffnen die Tür für die Verschärfung bereits gravierender Ungleichheiten“, heißt es in einem offenen Brief, den unter anderem der Ökonom Thomas Piketty unterschrieben hat.

Der Dollar kann Argentiniens Probleme nicht lösen

Politisch lässt sich eine Dollarisierung jedoch gut verkaufen: Denn Milei bietet seinen Wählern damit einen Trick an, durch den sie auf einen Schlag wieder so wohlhabend werden können wie in der Vergangenheit. Der starke Dollar schafft diese Illusion.

In den 1970er-Jahren ermöglichte die Militärdiktatur den Argentiniern ab der Mittelschicht aufwärts hohe Spekulationsgewinne in Dollar. „Plata dulce“, süßes Geld nennen sie bis heute wehmütig ihren Reichtum in diesen Jahren.

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Doch die Illusion hielt nie lange. Denn das strukturelle Problem löst weder eine dollargebundene Währung noch die Dollarisierung selbst. Es ist ganz einfach: Der argentinische Staat gibt zu viel aus – Geld, das er nicht hat. Milei analysiert das klar: „In den 122 Jahren seit Beginn des letzten Jahrhunderts hat das Land 112 Jahre über seine Verhältnisse gelebt.“ Ob er als Präsident sparsamer regieren wird – das wird sich zeigen.

Erstpublikation: 28.11.2023, 04:09 Uhr.

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