Otmar Issing
Keine Experimente mit der Inflation

Um zu überleben muss die Währungsunion zum Gleichgewicht zurückfinden. Von Deutschland zu fordern, die eigene Wettbewerbsstärke zu verwässern, ist aberwitzig. Aber es gibt andere Lösungen.
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Obgleich die Wirtschaft des Euro-Raums eine Schwächephase erlebt, hält sich die Inflationsrate hartnäckig bei Werten, die über der Zielvorstellung der Europäischen Zentralbank (EZB) liegen. Nicht zuletzt wegen der gestiegenen Energiepreise ist damit auch noch für den Rest dieses Jahres zu rechnen. Im April betrug die Jahresrate für den Anstieg der Preise 2,6 Prozent. Dieser Wert wird anhand des harmonisierten Indexes der Konsumentenpreise für den gesamten Euro-Raum berechnet. Es handelt sich um einen Durchschnitt, in den die Werte der einzelnen Länder entsprechend ihrem wirtschaftlichen Gewicht eingehen. Für Deutschland als der bedeutendsten Wirtschaft beläuft sich dieser Anteil auf 26,5 Prozent.

Es liegt auf der Hand, dass die Preissteigerungsraten in den einzelnen Mitgliedstaaten meist unterschiedlich sind, also mehr oder weniger vom Durchschnitt für den Euro-Raum abweichen. Dies führte schon bald nach dem Beginn der Währungsunion zu der Frage, ob diese Divergenzen ein Grund zur Besorgnis seien oder nicht. Untersuchungen der EZB haben ergeben, dass die Unterschiede zwischen den Preissteigerungsraten im Euro-Raum nicht wesentlich höher ausfielen als die zwischen den einzelnen Regionen in den USA. Insoweit war dieser Befund beruhigend.

Das galt jedoch nicht für eine andere Beobachtung: Es waren im Prinzip immer die gleichen Länder, die sich mit ihren Preissteigerungen jeweils über oder unter dem Durchschnitt befanden. So lag Deutschland beharrlich am unteren Ende des Spektrums, Länder wie Griechenland oder Spanien landeten am oberen. Über die Jahre hinweg hat sich damit eine wachsende Divergenz in der preislichen Wettbewerbsfähigkeit aufgebaut mit entsprechenden Auswirkungen auf die Leistungsbilanzen. Deutschland wies auch deshalb Überschüsse auf, in Griechenland und Spanien kam es zu Defiziten.

Die gegenwärtige Krise des Euro-Raums ist in hohem Maße auf die Ungleichgewichte in den Leistungsbilanzen zurückzuführen. Diese Entwicklung bedarf dringend der Korrektur. Die Länder mit Defiziten haben jahrelang über ihre Verhältnisse, also auf Pump gelebt. Es liegt daher in erster Linie an ihnen, die Ansprüche mit dem eigenen Leistungsvermögen in Einklang zu bringen und durch Reformen die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.

Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds, hat schon vor längerem - seinerzeit noch als französische Wirtschafts- und Finanzministerin - gefordert, Deutschland solle über stärkere Lohnsteigerungen seinen Wettbewerbsvorteil und damit den Leistungsbilanzüberschuss gezielt abbauen und so einen entscheidenden Beitrag zur Überwindung der Krise leisten.

Diese Auffassung hat inzwischen zahlreiche Anhänger, und zwar nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wissenschaft und in den Medien gefunden. Sie ist nicht selten mit dem Vorwurf verbunden, Deutschland sei der größte Nutznießer der Währungsunion, habe diesen Vorteil auf Kosten anderer - gemeint sind die Defizitländer - erzielt und sei jetzt verpflichtet, ökonomisch wie moralisch, einen Beitrag zur Lösung der Krise zu leisten.

Kommentare zu " Otmar Issing: Keine Experimente mit der Inflation"

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  • es ist nur mehr eine Frage der Zeit bis endlich das Experiment Eu ( europäische Unfähigkeit) zerbricht.
    leider führt dies zu soziale Unruhen u schlimmes steht unmittelbar bevor.

  • Deutschland muss mehr für seine eigenen Bürger tun!!!!
    Extreme Sozialleistungssteigerung z.B bei Arbeitslosigkeit und weitgehender Verbot von Leiharbeit (außer bei ungelernten). Dann hätte viele bei uns auch wieder mehr Hoffnung und würden sich für Kinder entscheiden!!!!
    Kurbelt ja auch die Wirtschaft an!

  • Issing hat in vielem recht allerdings würdigt er 2 bedeutende Fakten nicht, die wesentlicher Treibstoff von Finanz- und Eurokrise sind:
    a) die volkswirtschaftliche Relevanz zunehmender und empirische belegter Umverteilung von den unteren eher konsumierenden zu den oberen eher spekulierenden Einkommen. Hier muss gegengesteuert werden, denn ein reines Herunterkonkurieren bei Löhnen, Sozial-, Umwelt- und Regulierungsstandards kann nur im unproduktiven Manchaster-Kapitalismus oder gleich in der Sklaverei enden

    b) die erreichte Sättigung im quantitativen Wachstum.
    Der klassische Kapitalismus ist aber auf Wachstum angewiesen. Stagniert die Produktion und fallen (wie von Marx vorhergesagt) die Profitraten wird er imer dazu neigen sich über verschärfte Ausbeutung von Mensch und Natur sowie Substanzverzehr und/oder Zerstörung (Krieg) neues Wachstum zu verschaffen. Diesem unbeussten und zerstörerischen Prozess muss ein neues geselschaftliches Bewusstsein entgegen gesetzt werden, welches den Begriff des Wachstums in Richtung von Qualitäten weitet. Das derzeitige Wirtschaftssystem ist vergleichbar einem neurotische Jugendlichen welcher am Ende der Pubertät krampfhaft versucht mit Wavhstumshormonen körperlich noch mehr zu wachsen, obwohl die anstehende Wachstumsaufgabe nun auf ganz anderen Feldern ansteht.

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