Reden der deutsche Konzernlenker: Mehr Mut zum rhetorischen Risiko!
Caroline Waldeck ist Vizepräsidentin des Verbands der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS).
Foto: PRDüsseldorf. Nein, die Hauptversammlung eines DAX-Unternehmens ist kein prädestinierter Ort für Sternstunden deutscher Redekultur. Wenn die Aktionäre einmal im Jahr zusammen kommen, erwarten sie vom Vorstandsvorsitzenden in erster Linie Rechenschaft über die Entwicklungen des vergangenen Geschäftsjahres. Rechenschaft – das klingt nach rhetorischem Schwarzbrot: nach trockenen Fakten und öden Zahlenkolonnen, nach einer Pflicht, die zu absolvieren man gezwungen ist. Genau so versteht offenbar so mancher Konzernchef seinen Hauptversammlungsauftritt: Man verschanzt sich in schwerer verbaler Rüstung hinter dem Rednerpult und konzentriert sich vor allem darauf, keine Angriffsfläche zu bieten.
Es ist deshalb fast schon zu einem Ritual der alljährlichen Hauptversammlungssaison geworden, dass Kommunikationswissenschaftler die unter CEOs weit verbreitete Vorliebe für kryptische Fachbegriffe, umständliche Bandwurmsätze und schwerfälligen Nominalstil anprangern und den Hauptversammlungsrednern mangelndes Bemühen um Verständlichkeit attestieren. Diese Bewertung trifft zwar zu – aber nicht den Kern des rhetorischen Qualitätsproblems. Denn Verständlichkeit ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung dafür, dass die Redebotschaft ankommt.
Der Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) nimmt die Reden der Vorstandsvorsitzenden deshalb etwas genauer unter die Lupe. Als berufserfahrene Praktiker interessieren wir uns nicht nur für die Verständlichkeit der Sprache, sondern auch für andere qualitätsentscheidende Fragen: Strukturieren Aufbau und Gliederung die Argumentation so, dass sie für den Zuhörer nachvollziehbar ist? Ist die Argumentation schlüssig und der rote Faden klar erkennbar? Stärkt die Vortragsweise des Redners die Glaubwürdigkeit der vorgetragenen Argumente? Unterstreichen Stil und Inszenierung die beabsichtigte Wirkung der Rede?
Unser Eindruck ist, dass die – auf Managerdeutsch gesagt – schwache sprachliche Performance mancher Redner symptomatisch für die Angst ist, rhetorisch ein Risiko einzugehen. Die Frage, die den Gähnreflex bei einer schwer verständlichen Rede begleitet, ist ja: Können manche Redner nicht anders? Oder wollen sie nicht anders? Wir haben den Eindruck: Zumindest manche wollen nicht anders. Sie wollen möglichst wenig Angriffsfläche bieten und entscheiden sich deshalb für die gepflegte Langeweile eines fremdwortdurchsetzten Rechenschaftsberichts. Sie geben der Sicherheit gestanzter Phrasen Vorzug vor der unberechenbaren Wirkung eines Vortrags mit klarer Kante.
Doch diese Entscheidung für das Ziel rhetorischer Risikovermeidung hat ihren Preis. Bezahlt wird mit Verzicht auf rhetorische Rendite. Für Hauptversammlungsreden gilt, was jeder Kleinanleger wissen sollte, bevor er das Börsenparkett betritt und seine Anlageentscheidungen trifft: Geringes Risiko bringt wenig Rendite; wer mehr Rendite will, muss etwas riskieren. Im Falle einer Hauptversammlungsrede besteht das Risiko darin, mit deutlichen Worten vermeidbare Kritik zu ernten und Debatten führen zu müssen, die man sich gerne ersparen würde. Die in Aussicht stehende Rendite ist die Zustimmung eines mehrheitlich überzeugten, vielleicht sogar begeisterten Publikums, dessen Unterstützung man gewonnen hat.
Wer das Ziel hat, die Hauptversammlung möglichst geräuschlos hinter sich zu bringen und für solide Geschäftszahlen den Höflichkeitsapplaus eines sedierten Publikums einzufahren, kann sich selbstverständlich weiterhin auf einen nüchternen Rechenschaftsbericht beschränken. Wer die große Bühne der Hauptversammlung und die Aufmerksamkeit der Medien aber nutzen will, um Vertrauen in die Zukunft des Unternehmens zu vermitteln und für den eingeschlagenen Kurs zu werben, sollte sich rhetorisch nicht aufs Malen nach Geschäftsberichtszahlen beschränken.
So ist es mit Blick auf die Abwägung zwischen Risiko und Ertrag sicher kein Zufall, dass ausgerechnet dem Vorstandsvorsitzenden des Energiekonzerns RWE eine besonders überzeugende Hauptversammlungsrede gelungen ist. Peter Terium hatte Milliardenverluste und eine Dividendenkürzung zu vermelden – keine guten Voraussetzungen, um als Redner gefeiert zu werden. Mit dem Herunterbeten von Geschäftszahlen war hier nichts zu gewinnen. Terium suchte stattdessen mit teils unkonventionellen Mitteln die persönliche Verbindung zu seinen Zuhörern. Sein glaubwürdiger und sympathischer Auftritt vermittelte in der vielleicht schwersten Zeit der Unternehmensgeschichte Zuversicht und Aufbruchsstimmung.
Mag die Hauptversammlung auch kein prädestinierter Ort für Sternstunden deutscher Redekultur sein – zuzuhören lohnt sich allemal! Nicht nur, weil man hier und da erlebt, was gute Reden bewegen können. Sondern auch, weil es um mehr geht als um Gewinn, Aktienkurs und Dividende, nämlich um die unternehmerische Mitgestaltung der Zukunft unserer Gesellschaft. Damit ist die Hauptversammlungsrede eine hochpolitische Rede. Als solche verdient sie nicht nur mehr Mut zu klaren Worten, sondern auch mehr öffentliche Aufmerksamkeit.
Caroline Waldeck, Vizepräsidentin des Verbands der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS)