Kleinleins Klartext

Was Kunden über die neue Allianz-Rente wissen sollten

Die Allianz wirbt für eine neue Privatrente ohne den klassischen Garantiezins. Die Konstruktion des Produktes ist kompliziert. Wer sie durchschaut, entdeckt handfeste Nachteile für die Kunden.
11 Kommentare
Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Mit der neuen „Perspektive“ der Allianz habe ich mich schon mehrfach beschäftigt, etwa mit dem Garantiezins und auch der Intransparenz. Ein Vermittler hat mich daraufhin angeschrieben. Er beschwerte sich darüber, dass ich ja eigentlich nur sehr akademische Betrachtungen vornehmen würde. Den Kunden bräuchte meine Kritik an der „Perspektive“ daher gar nicht richtig zu interessieren. Schließlich gäbe es ja in der Ansparfrist eine um 0,3 Prozent höhere Verzinsung als beim klassischen Vertrag. Unterm Strich würde der Kunde durch die höheren Überschüsse mit der „Perspektive“ also doch besser abschneiden.

Klingt erst mal recht plausibel und vernünftig. Doch neben der neuartigen Form der Garantiverzinsung hat sich die Allianz bei der Perspektive ja noch einen weiteren Gimmick einfallen lassen: Zu Rentenbeginn werden alle Rechnungsgrundlagen neu festgelegt. Das heißt, die Allianz setzt dann den zu diesem Zeitpunkt bei ihr üblichen Rechnungszins an. Auch als Sterbetafel wählt sie genau die Tafel, die sie dann für richtig erachtet.

Die Allianz ändert ja des Öfteren diese Rechnungsgrundlagen – wie alle anderen Versicherer auch. Meist müssen das die Unternehmen auch tun, weil etwa der Gesetzgeber den Höchstrechnungszins senkt oder aber die Aufsichtsbehörde zusammen mit der Aktuarvereinigung neue Sterbetafeln empfiehlt. So änderte sich etwa der maximale Rechnungszins in den letzten 30 Jahren ganze sechs Mal, und alleine für Renten wurden im gleichen Zeitraum vier neue Sterbetafeln eingeführt.

Es ist also der Normalfall, dass ein Kunde zum Beispiel einen Rentenvertrag mit bestimmten Konditionen abschließt und zum Zeitpunkt des Rentenbeginns sind dann gänzliche andere Rechnungsgrundlagen üblich. Bei den bisher verkauften Verträgen brauchte sich der Kunde kaum um diese neuen Rechnungsgrundlagen scheren. Bei der „Perspektive“ der Allianz sieht das nun aber anders aus! Denn wenn sich die Rechungsgrundlagen ändern, dann wird die gesamte Rente neu berechnet.

Um die Auswirkung einer Änderung der Rechnungsgrundlagen zu untersuchen, hilft vielleicht ein Blick in die Vergangenheit. Dann geht um die Frage, welcher Vertrag wohl besser gelaufen wäre: Der „klassische“ Vertrag oder aber ein Vertrag mit identischen Kosten, mit einer um 0,3 Prozent höheren Überschussbeteiligung und einer Verrentung nach den dann einschlägigen Rechnungsgrundlagen. Was tippen Sie, welcher Vertrag gewinnt?

Warum Vermittler lieber die alte Rente verkaufen sollten
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11 Kommentare zu "Kleinleins Klartext: Was Kunden über die neue Allianz-Rente wissen sollten"

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  • @Buerokaufmann
    Auch ich teile Ihre Ansicht nicht, bin aber verwundert, dass sich die BAFin und nicht zuletzt das Verbraucherministerium einschalten und Klartext reden.

    Ich möchte nicht ausschließen, dass dies mit der Herkunft der Präsidentin, Frau König, und vorher, mit der fehlenden Erfahrung von Herrn Sanio im Zusammengang steht.

    Was Ihre Bemerkung "versicherungsmathematischer Unsinn" angeht, teilen Sie uns mit, dass Sie kein Versicherungsmathematiker sind. Versicherungsprodukte in ihrer Konstruktion sind Ihnen fremd.

    Sie können aber auch nicht in der Versicherungsbranche tätig sein. In diesem Fall würden Sie Ihre Defizite verstecken wollen, hätten den Kommentar gewiß nicht geschrieben.

  • Diese ganzen Versicherungen sind nur gut für die Vers.-Unternehmen

  • Das ist der erste wirklich gute Kommentar den ich seit Monaten lese. Si ehaben ja sooo recht. Was man alles für einen Unsinn lesen muss, ist schon nervend. Und: Es fehlt bei der ganzen Meckerei auch immer eine Alternative. Wo ist sie ?
    Göcker, ERGO und Konsorten haben der Branche soviele Mühlsteine an den Hals gehängt, dass man sich allerdings auch über das Bashing nicht wirklich wundern darf.

  • Sie liegen mit ihrer Einschätzung leider falsch. Bei einer weiter ansteigenden Lebenserwartung wird man als Kunde eines solch neuen Rententarifes der Allianz bei Fälligkeit sein blaues Wunder erleben, da dann plötzlich eine wesentlich ungünstigere Sterbetafel zugrunde gelegt wird, als noch bei Vertragsabschluß an gegeben. Es kommt daher zwangsläufig zu einer heftigen Rentenkürzung!!! Die Allianz sucht hiermit nur nach einer Möglichkeit, den Produktverkauf zu pushen. Auf Kosten der Versicherungskunden. Soviel ist sicher.

  • Für Kunden, die lediglich eine Kapitalabfindung wünschen(Betriebliche Altersversorung und Privatvertrag ) kann diese neue Form sinnvoll sein.
    Alternativ steht doch jedem Kunden weiterhin die klassische Form zur Verfügung.
    Die Darstellungen in der Wirtschaftspresse in den letzten Monaten sind einseitig negativ zu Lasten eines der wichtigsten Produkte der Altersversorgung.
    Alternativen werden zusätzlich nicht aufgezeigt.

  • Liebes Handelsblatt,

    mit Ihrer derzeitigen Berichtserstattung kann es niemals gelingen, sich mit den Vor- und Nachteilen und dem Konzept eines Produktes neutral auseinander zu setzen.
    Soweit ich das erkennen konnte, verzichtet dieses Produkt
    derzeit bspw. auf einen Garantiezins und bietet dafür eine etwas bessere Rendite. - Ist das nicht genau das, was man(n) sich in einem schwachen Marktumfeld wünscht? Trotzdem bleibt am Ende des Artikels der Eindruck, dass auch das irgendwie schlecht ist.

    Von einer Wirtschaftszeitung erhoffe ich mir sinnvolle Artikel, die sich inhaltlich neutral mit Produkten auseinandersetzen. Bei Lebensversicherungen kann ich leider immer nur, mit Verlaub, versicherungsmathematischen Unfug in Kombination mit Verbraucherschützerhetze lesen. Sicherlich sollte man über einige Dinge reden, wie z.B. Transparenz und Höhe der Vertriebskosten. Leider wird eine konstruktive Debatte niemals möglich sein, wenn man bundesweit ausschließlich die Denkweise einer einzelnen Person! als "Kompetente Fachmeinung" druckt.

    Schade eigentlich.

  • Das ist Mathematik, was Herr Kleinlein in seiner Analyse in verständlicher Form darlegt.

    Er vernachlässigt einen anderen Aspekt:
    Die Zusammenarbeit mit der BAFin bzw. die ehemalige Zusammenarbeit der Münchener Rück-Gruppe, München mit Frau König (ehemals Mitglied der Direktion, Leitung des Rechnungswesens und des Controllings).

    Unabhängig von den Berechnungen von Herrn Kleinlein ist geregelt:
    "Versicherungsnehmer von Lebensversicherungsverträgen haben seit dem 01.01.2008 grundsätzlich einen gesetzlichen Anspruch auf Beteiligung an den Bewertungsreserven. Diese stellt einen Teil der Überschussbeteiligung dar und wird gemäß § 153 VVG nach einem verursachungsorientierten Verfahren ermittelt. Die Hälfte dieses auf den einzelnen Vertrag entfallenden Betrags wird bei dessen Beendigung ausgezahlt." (veröffentlicht auf Internetseite der BAFin).

    D.h. bei besonders niedrigen Zinsen, bei extrem hohen Bewertungsreserven wie aktuell, erhält der Kunde erst garnicht die Beträge, die Herr Kleinlein vorgerechnet hat. Er erhält nur de Hälfte seines Anspruchs (der Bewertungsreserven) bei Fälligkeit. Wann er seinen restlichen Anteil erhält, steht erst garnicht im Gesetz. Und es hat bisher noch niemand nachgefragt, wann und wie der Versicherte diese zweite Hälfte, den Rest erhält.

    Eines steht mit Bestimmtheit nicht im Gesetz - dass diese zweite Hälfte der Versicherung gehört! Es steht auch nicht darin, dass diese zweite Hälfte das Finanzamt kassiert! Es ist auch kein Herrenloses Geld, das hat die BAFin bereits oben bestimmt. Es gehört dem Versicherungsnehmer.

  • Tja, Kapitaldeckung ist wohl doch nicht so dolle, wie die Rürups, Raffelhüschens und Börsch-Supans unseren Regierungen weis gemacht haben. Aber es ging auch nicht darum, dem Bürger Planungssicherheit und Teilhabe am gesamtwirtschaftlichen Wohlstand zu geben. Vielmehr ging es darum, den privaten Versicherern neue Geschäftsmodelle zu geben. Solange es Garantiezinsen gab, war das immer noch ein Kostenrisiko für den Staat (siehe den Fall Clerical Medical in UK), weil er im Falle eines Falles einspringen müsste (schließlich ist die private Altersvorsorge ja systemrelevant!). Mit Abschaffung des Garantiezinssatzes und Flexibilisierung des Verrentungszinsssatzes ist auch das Pleiterisiko der Versicherung abgewendet - je nach Geld- und Kapitalmarktzinsen zahlt sie schlicht weniger aus. Ob die Auszahlungen reichen, interessiert keinen. Hier wird dann der Staat massiv mit der Grundsicherung eingreifen müssen. Und ich prophezeie mal, dass arme ältere Menschen zukünftig kaserniert werden, um Mietkosten zu sparen.

  • Versicherer kommen ins trudeln? Das ist wirklich jammern auf sehr hohen Niveau und Verzehrung der Tatsachen. Tatsächlich sorgen die Versicherer gerade auch wegen innovativen Produktentwicklungen für mehr Sicherheit und Stabilität zum einen für den Finanzmarkt an sich und auch für den Kunden dem gerade bei den klassischen Produkten die Kapitalmarktrisiken durch den Versicherer abgenommen werden.
    Zu der Kritik an sich muss festgehalten werden, dass natürlich das Produkt Perspektive in der Retrospektive im aktuellen Umfeld natürlich nur schlecht abschneiden kann - da die Sterbetafeln und der Garantiezins sich für den Kunden verschlechtert haben - wer sagt dass das auf Dauer so bleiben muss? Wer kann ausschließen, dass die Zinsen auf Perspektive 30 Jahre nicht doch wieder steigen? Zudem wird völlig außen vor gelassen - das ein höhere Garantien gem. Solvency II
    die Versicherer mehr kosten - im Umkehrschluss dann auch künftig Produkte mit höheren Garantieelementen weniger zum Übetschuss d. Vetsicherers beitragen und Kunden dieser Produkte entsprechend geringere Überschüsse zugewiesen werden. Diese Systematik ist bereits bei einigen Marktteilnehmern zu beobachten. Herr Kleinlein müsste dieses Phänomen kennen - denn Assekurata hat dies in ihren Studien festgestellt.

  • Je mehr man sich mit Kapitallebens-, Kranken- und Rentenversicherungen (klassisch, Rürup oder Riester) befaßt, desto mehr kommt einem der Eindruck, daß alle Produkte nur für die Versicherung gut sind.

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