1. Startseite
  2. Arts und Style
  3. Kunstmarkt
  4. Modigliani-Schau in London: Gnadenlose Vermarktung

Modigliani-Schau in LondonGnadenlose Vermarktung

Echt oder falsch? Die Bewertung des Gesamtwerks von Amedeo Modigliani gleicht dem Betreten eines Minenfelds. Es werden Prozesse geführt und Experten bedroht. Ein Lagebericht anlässlich der Einzelschau in London.Christian Herchenröder 11.01.2018 - 18:52 Uhr Artikel anhören

Unbestritten echt ist dieses Bild aus dem New Yorker Museum of Modern Art.

Foto: Tate Modern

London. Erst diese Woche konfizierte die italienische Polizei in Genua 21 Bilder aus der Modigliani-Ausstellung im Palazzo Ducale wegen dringenden Fälschungsverdachts. Es ist eine „never ending story“. Wer sich mit dem Gesamtwerk von Amedeo Modigliani beschäftigt, wird mit massiven Fälschungsproblemen konfrontiert. Das liegt zum einen daran, dass der 1884 in Livorno als Sohn sephardisch jüdischer Eltern geborene Protagonist der „École de Paris“ leichter als andere Maler zu fälschen ist.

Die ovalen Gesichter, langen Hälse, mandelförmigen Augen, geschürzten Lippen, eckigen Nasen und fallenden Schultern sind Markenzeichen, die zur Nachahmung geradezu einladen.

Hinzu kommt, dass kurz nach dem frühen Tod des Künstlers (1920) sein letzter Händler Léopold Zborowski das Werk gnadenlos vermarktet hat. Immer wieder gab es Hinweise, dass dieser Fälschungen in Auftrag gab und unfertige Bilder habe vollenden lassen.

Noch wesentlich zahlreicher sind allerdings die Fälschungen, die in den folgenden Jahrzehnten mit dem kontinuierlich steigenden Marktwert Modiglianis in Umlauf kamen. Das gilt in besonderem Maße auch für die Aquarelle und Zeichnungen, um deren Authentizität schon in Prozessen gerungen wurde.

Angesichts dieser Probleme sind auch Modigliani-Ausstellungen in Museen immer wieder Prüfsteine der Diskussion. Eine der wenigen Ausstellungen der letzten Jahrzehnte, in denen jedes der Exponate als absolut authentisch bezeichnet werden kann, ist jene, die bis zum 2. April in der Londoner Tate Modern zu sehen ist.

In der Londoner Parade wasserdichter Werke hängen Bilder, die die Entwicklung des Malers vom expressiv verdichteten Frühstil bis zu den mediterran aufgehellten Werken der letzten zwei Lebensjahre exemplarisch nachvollziehen lassen. Sämtliche hier ausgestellten Werke sind in dem noch immer maßgeblichen, 1970 publizierten Werkverzeichnis von Ambrogio Ceroni enthalten.

Seit dem ersten, von Arthur Pfannstiel 1929 publizierten und 1959 erweiterten Catalogue raisonné der Gemälde Modiglianis hat es mehrere Versuche gegeben, das Gesamtwerk neu zu sichten. Pfannstiel führte 350 Werke auf, aber die meisten ohne Illustration. 1970 erscheint das Werkverzeichnis von Joseph Lanthemann, das 420 Gemälde und 633 Zeichnungen aufführt, aber weder Provenienzen noch Literaturhinweise und nur wenige Standorte nennt. Gleich nach dem Erscheinen wird die Echtheit zahlreicher hier aufgeführter Gemälde und Zeichnungen angezweifelt.

Das Werk gehörte einst Alain Delon.

Foto: Tate Modern

Seit 1990 erscheint ein fünfbändiges Werkverzeichnis, das Christian Parisot, der Pariser Experte und Vertraute von Modiglianis Tochter, erarbeitet hat. Sie hatte ihm vor ihrem Tod 1984 das moralische Recht über das Gesamtwerk übertragen. Parisots Name wurde aber mehrfach in Zusammenhang mit Zertifikaten für falsche Modiglianis genannt. 2004 wurden in einer von Parisot verantworteten Ausstellung in Madrid 70 Zeichnungen als Fälschungen bezeichnet. Auch die von Parisot betreute Ausstellung „Modigliani in Venice“ (2006) wurde als nicht fälschungsfrei kritisiert.

Als im Frühjahr 2009 eine große von Parisot kuratierte Modigliani-Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle eröffnet wurde, waren sich die Kenner einig, dass hier einige Bilder zweifelhafter Authentizität hingen, darunter als prominentes Beispiel ein „Liegender Akt“, den zuvor schon die Auktionshäuser abgelehnt hatten.

Als fünfter Autor eines Modigliani-Werkkatalogs trat 1997 Marc Restellini in Erscheinung, der unter der Schirmherrschaft der Galerie Wildenstein das letztgültige Werkverzeichnis der Gemälde und Zeichnungen publizieren wollte. 2015 endete diese Partnerschaft, und bis jetzt steht nur die Ankündigung im Raum. Das „Institut Restellini“ bereite die Onlineveröffentlichung des mit moderneren wissenschaftlichen Methoden erarbeiteten Corpus vor. Sie soll nach bisherigen Aussagen rund 100 Gemälde mehr als das Werkverzeichnis von Ceroni enthalten.

Wie reagieren die Auktionshäuser? Nachdem in den vergangenen Jahrzehnten die eine oder andere Fälschung unter den Hammer gekommen ist, nehmen sie nur Werke an, die bei Ceroni figurieren oder durch hieb- und stichfeste Provenienzen abgesichert sind. Zu diesen Bildern zählte das 2015 bei Christie’s zum Rekordpreis von 170 Millionen Dollar versteigerte Aktbild „Nu couché“ von 1917, das heute im privaten Long Museum in Schanghai hängt. Schon in den 1990er-Jahren hatten Modigliani-Gemälde Millionenpreise erlöst. Zum Beispiel das Bildnis Paul Guillaume, das 1996 bei Christie’s für 3,5 Millionen Dollar an den amerikanischen Kasinobetreiber Steven Wynn fiel, oder das Porträt Baranowski, das 1998 bei Sotheby’s für 4,3 Millionen Pfund unter den Hammer kam.

Alain Delon bewilligte einen Top-Preis

Schon 1990 hatte sich der Filmstar Alain Delon in einer Pariser Auktion hinreißen lassen, für das attraktive Mädchenbildnis „La belle Epicière“ umgerechnet 12,5 Millionen Dollar zu bieten. Fünf Jahre nach dem Boom wurde es bei Sotheby’s in der Baisse für nur mehr 6,6 Millionen Dollar zugeschlagen. Die „Epicière“ kommt aus dem Freilager in Monaco und gehört zum Bilderhort der international operierenden Händlerfamilie Nahmad. Im November 2010 erlöste das Aktbild „Nu assis sur un Divan (La Belle Romaine)“ bei Sotheby’s 68,9 Millionen Dollar. Es hatte schon 1987 in Paris umgerechnet acht Millionen Dollar eingespielt. Alle diese Bilder hängen neben anderen mit jüngerer Auktionsvergangenheit in der Londoner Ausstellung.

Nach wie vor gleicht die Bewertung des Gesamtwerks dem Betreten eines Minenfelds. Es werden Prozesse geführt, um Fälschungsvorwürfe abzuwehren, Experten werden bedroht, Ausstellungen werden dezimiert oder abgesagt. Schon in den 1960er-Jahren wurde der Markt erschüttert, als die gemalten und gezeichneten Machwerke des ungarischen Fälschers Elmyr de Hory aufflogen, darunter ein nachempfundenes Porträt von Modiglianis Lebensgefährtin Jeanne Hébuterne, das der texanische Ölmagnat Algur Meadows 1965 erworben hatte. In seiner Sammlung fanden sich noch weitere Modigliani-Fälschungen.

Amerikanische Sammler waren in dieser Marktepoche die beliebtesten Opfer der Fälschungsindustrie. Wer den Katalog der Sammlung Walter P. Chrysler Jr. durchblättert, findet auf Anhieb nicht weniger als vier schlecht gemalte „Modiglianis“. Abgesehen davon, dass sich in dieser Sammlung noch zahllose Fälschungen nach Picasso, Manet, Monet, Malewitsch befanden, fragt man sich heute, wie das Auge auf solche Machwerke hereinfallen konnte. Angezweifelt wurde auch ein Frauenporträt, das 2012 bei Bonhams in London für eher bescheidene 825.000 Pfund versteigert wurde und aus der Sammlung John D. Rockefeller stammte.

In der Londoner Ausstellung stehen auch neun der 1911 bis 1914 entstandenen Steinskulpturen des Künstlers, der zu dieser Zeit mit Bildhauern wie Brancusi, Jacques Lipchitz und Ossip Zadkine befreundet war.

Verwandte Themen
Chrysler

Drei Skulpturen waren es denn auch, die 1984 den spektakulärsten Fälschungsfall heraufbeschworen hatten. Drei Studenten hatten sie aus dem Königsgraben der italienischen Hafenstadt Livorno geborgen, und die Experten stürzten sich mit affirmativem Eifer auf diese Neuentdeckungen. Einige Wochen später demonstrierten die Studenten vor Fernsehpublikum mit Elektrobohrer, Schraubenzieher und Meißel, dass sie für die Produktion dieser Steinköpfe nur drei Stunden gebraucht hatten. Die Fachwelt war düpiert.
Für Modigliani gilt das, was auch für andere meistgefälschte Künstler wie Camille Corot, Henri Rousseau und Giorgio de Chirico gilt: Die Grenzen zwischen einem schlechten authentischen und einem gefälschten Bild sind fließend. Das betrifft zahlreiche Porträts und Akte, die erst in den letzten Jahrzehnten auf internationaler Bildfläche erschienen, darunter auch Bilder, die von den beiden sich heftig bekämpfenden Starexperten Parisot und Restellini für echt befunden wurden. Es bleibt also auch nach der immer wieder verschobenen Publikation von Restellinis Catalogue raisonné ein kontroverses Abenteuer, die Spreu vom Weizen zu trennen. 350 bis 450 authentischen Gemälden stehen nach Händlerschätzung rund tausend Fälschungen gegenüber, von den Zeichnungen gar nicht zu reden – ein überreiches Munitionslager.

„Modigliani“. Tate Modern, London, bis 2. April 2018. Der Katalog kostet 25 Pfund.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt