Banken machen mit Verlagerung ernst: Stürmische Zeiten für die Londoner City
„Es gibt einfach zu viel Unklarheit und Risiken.“
Foto: imago/ZUMA PressLondon. Wenn Theresa May an diesem Donnerstag die Chefs von US-Banken wie Jamie Dimon von JP Morgan und Lloyd Blankfein von Goldman Sachs trifft, steht ihr eine schwierige Aufgabe bevor. Bei diesem Termin am Rande des Weltwirtschaftsgipfels in Davos muss die britische Premierministerin die Topbanker davon zu überzeugen versuchen, ihr Geschäft in London möglichst intakt zu lassen und von Umzügen im großen Stil abzusehen.
Die Bankenchefs dürfte Mays Flehen aber unbeeindruckt lassen. Seit dem Brexit-Referendum Ende Juni arbeiten sie an Notfallplänen, die sie jetzt forcieren – denn nun ist klar: Großbritannien will den Austritt aus dem Europäischen Binnenmarkt. Das hat die Premierministerin am Dienstag deutlicher als bisher gesagt. Für die Finanzbranche, einen der wichtigsten Arbeitgeber und Steuerzahler des Landes, steht damit fest: Weiter so kann es nicht gehen.
Goldman Sachs hat daher bereits angefangen, seine Umzugspläne umzusetzen. Diese werden voraussichtlich dazu führen, dass die US-Investmentbank ihre Mitarbeiterzahl in London auf etwa 3.000 halbieren und ihr Frankfurter Geschäft umorganisieren wird, wie das Handelsblatt aus Finanzkreisen erfuhr. Demnach soll am Main eine europäische Aktiengesellschaft entstehen, eine „Europe SE“ – wie sie die Schweizer UBS bereits Ende vergangenen Jahres ins Handelsregister eingetragen hat.
Wenn Großbritannien im Zuge des Brexits dem Binnenmarkt den Rücken kehrt, verlieren die Finanzunternehmen auf der Insel die sogenannten Passporting-Rechte. Diese erlauben es ihnen, von London aus, Kunden auf dem Kontinent zu bedienen. Das hat vor allem die US-Investmentbanken an die Themse gezogen und dazu beigetragen, dass London zu Europas größtem Finanzstandort aufstieg.
Um auch nach der Scheidung Großbritanniens von der Staatengemeinschaft reibungslos Firmen auf dem Kontinent an die Börse zu bringen, bei der Ausgabe von Anleihen zu beraten oder Handelsgeschäfte zu betreiben, müssen die Investmentbanken ihre Präsenz in einem der 27 EU-Länder verstärken oder sich dort eine aufbauen. Das dürfte den Finanzsektor auf der Insel schrumpfen lassen. 75.000 Jobs könnten wegfallen und die Steuereinnahmen der Regierung um bis zu zehn Milliarden Pfund geringer ausfallen, schätzt die Beratungsgesellschaft Oliver Wyman.
Die fünf größten US-Banken beschäftigen 40.000 Menschen in der britischen Hauptstadt – mehr als in allen anderen europäischen Ländern zusammengenommen. Bei Goldman Sachs in London arbeiten 6.500 Menschen. Diese Zahl sinkt aber bereits, weil das Institut angefangen hat, Beschäftigte an den günstigeren Standort Warschau zu verlegen. Das betrifft Mitarbeiter, die keinen Kundenkontakt haben, in der Abwicklung arbeiten oder sich um technische Aspekte kümmern.
Mehr Umzüge nach Warschau dürften folgen, heißt es aus Kreisen. Parallel dazu werde man wohl bis zu 1.000 Jobs nach Frankfurt verlagern – vor allem von Beschäftigten, die etwa im Vertrieb des Handelsgeschäfts arbeiten, sowie von Topmanagern, die für wichtige Abteilungen der europäischen Gesamtbank verantwortlich sind, wie Recht, Regulierung und gute Unternehmensführung (Compliance).
„Mitarbeiter im Handel, die für die Produktentwicklung zuständig sind und keinen Kundenkontakt haben, werden voraussichtlich von London nach New York verlegt“, sagte eine mit den Plänen vertraute Person dem Handelsblatt. Investmentbanker dagegen, die derzeit noch von London aus etwa spanische oder französische Unternehmen bei Börsengängen und Fusionen beraten, werden in die Länder umziehen, in denen ihre Kunden sitzen. „Gewisse Funktionen werden stärker in den USA zentralisiert, in Europa werden wir hingegen eher dezentraler“, heißt es.
Die Gründung einer Europe SE solle helfen, das Geschäft in den verschiedenen europäischen Ländern zu vereinen. Die Europa-Bank solle ihren Sitz in Frankfurt haben – wegen der Nähe zur Bankenaufsicht, die bei der Europäischen Zentralbank (EZB) angesiedelt ist.
Bereits im vergangenen Jahr war bekannt geworden, dass Goldman Sachs sich die Option auf weitere Büroräume im Frankfurter Messeturm gesichert und Gespräche mit der EZB geführt hat. Offiziell will sich die Bank zu den Details ihrer Brexit-Pläne nicht äußern.
Bei anderen US-Instituten, die derzeit ihr Europa-Geschäft von London aus steuern, heißt es: Entscheidungen über alternative Standorte seien noch nicht gefallen. „Die Finanzhäuser konzentrieren sich aber stärker als noch im vergangenen Jahr auf das Worst-Case-Szenario, das radikalere Einschnitte in Großbritannien vorsieht“, sagt ein Londoner Bankenberater.
Neben Frankfurt buhlen auch Paris und Luxemburg, Amsterdam und Dublin um britische Banker und Vermögensverwalter. Die Großbank HSBC wird der französischen Hauptstadt den Vorzug geben: Etwa 20 Prozent der Handelsumsätze würden nach dem Brexit nach Paris gehen, sagte HSBC-Chef Stuart Gulliver im Gespräch mit Nachrichtenagenturen beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos. Das betreffe etwa 1.000 Jobs. Man werde den Umzug aber wohl erst in zwei Jahren angehen, wenn der Brexit wirksam sei, so Gulliver, denn man habe schon alle notwendigen Lizenzen.
Ursprünglich hatte der britische Bankensektor die Hoffnung, dass die Regierung den vollen Zugang zum Binnenmarkt und damit das Passporting retten würde. Doch als andere Signale von May kamen, hat die Bankenlobby ihre Forderungen heruntergeschraubt. Sie macht sich jetzt für das sogenannte Äquivalenzprinzip stark. Vereinfacht ausgedrückt heißt das: Finanzkonzerne aus Nicht-EU-Staaten können Zugang zur EU bekommen, wenn die Regulierung in ihrem Land von Brüssel als gleichwertig akzeptiert wird.
Doch diese Lösung hat etliche Hürden. „Man braucht die Anerkennung der EU, und diese Anerkennung kann jederzeit widerrufen werden“, sagt Jochen Kindermann, Partner bei der internationalen Kanzlei Simmons & Simmons. Hinzu kommt: Eine solche Lösung, wie sie auch der Lobbyverband City UK will, gibt es noch nicht.
„Es ist sehr fraglich, ob man dies innerhalb der zwei Jahre, die für die Austrittsgespräche vorgesehen sind, auch umsetzen kann“, so Kindermann.
Für eine Reihe von Banken sind diese Aussichten mit zu viel Unsicherheit verbunden. Unklar ist auch, wie die von May angekündigte Übergangslösung aussehen soll, die der Branche mehr Zeit gibt, um sich auf die Brexit-bedingten Änderungen einzustellen. „Es gibt einfach zu viel Unklarheit und Risiken“, sagt ein Londoner Banker, „wir müssen uns daher schneller in Bewegung setzen und unsere Brexit-Pläne umsetzen.“