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Unruhe bei Hanse MerkurMillionenkredit an Portalbetreiber Unister wackelt

Der faustische Millionendeal der Hanse Merkur mit dem Skandalunternehmen Unister sorgt für Unruhe bei dem Versicherer. Die fällige Rückzahlung steht offenbar aus. Ein eng damit verbundener Assekuranz-Manager muss gehen.Heinz-Roger Dohms 29.10.2015 - 12:04 Uhr Quelle: Handelsblatt ePaperArtikel anhören

Der Versicherer besitzt angeblich die Option, die Kredite in eine direkte Beteiligung an Unister umzuwandeln.

Foto: PR

Hamburg. Am Freitagnachmittag, es war fast schon Wochenende, stellte der Hamburger Traditionsversicherer Hanse Merkur eine dünne Mitteilung auf seine Homepage. Der Manager Peter Ludwig sei „heute aus dem Unternehmen ausgeschieden“, hieß es. Zum ,Warum’ stand dort nichts. Und auch auf die üblichen Floskeln wurde verzichtet. Kein Zusatz „aus persönlichen Gründen“.

Keine Information, „um sich neuen beruflichen Herausfordern zu widmen“. Die Branche fragt sich seitdem, was da vorgefallen sein mag. Hanse Merkur ist nicht irgendeine Assekuranz. Sie ist der wohl am aggressivsten wachsende deutsche Versicherer; in den vergangenen zehn Jahren haben sich die Beitragseinnahmen verdreifacht. Und Peter Ludwig, 58, war eine der Schlüsselfiguren dahinter. Von 2003 bis 2012 amtierte er als Vertriebsvorstand, baute dann die Tochter „HVP Hanse Vertriebspartner“ auf. Unter ihrem Dach befindet sich inzwischen eine regelrechte Armada an Vertriebseinheiten für die private Krankenversicherung.

Vor allem aber: Ludwig soll auch der Mann sein, der den faustischen Millionendeal der Hanse Merkur mit dem Skandalunternehmen Unister einfädelte. Mit mindestens 40 Millionen Euro soll der Versicherer den angeschlagenen Leipziger Internetriesen liquide halten. Im Gegenzug dürfen die Hanseaten die Unister-Portale offenbar als Vertriebsplattform nutzen.

Der Fokus liegt hierbei auf der Reiseversicherung. Denn mit Portalen wie „ab-in-den-urlaub.de“ oder „fluege.de“ gilt Unister als größter deutscher Urlaubsvermittler im Internet. Das Geschäft verspricht hohe Margen. Wie mehrere mit den Vorgängen vertraute Personen jetzt aber unabhängig voneinander gegenüber dem Handelsblatt bestätigen, sollen die Darlehen der Hanse Merkur seit einiger Zeit fällig sein. Zu einer Rückzahlung soll es bislang aber nicht gekommen sein, ebenso wenig wie zu einer Verlängerung, heißt es. Stattdessen befänden sich die Dinge „völlig in der Schwebe“, berichtet ein Eingeweihter. Ein anderer spricht von einem „regelrechten Showdown“. Wie der ausgehe, sei völlig offen.

Hanse Merkur verweigert dazu jede Aussage. Vonseiten Unisters verlautet: „Die Refinanzierung von laufenden Darlehensvereinbarungen ist seit geraumer Zeit organisiert und beschlossen.“ Es gebe „keine finanzielle Drucksituation“, die sich „aus einer etwaigen Fälligkeit einer Darlehensverbindlichkeit ergibt.“ Die Hanse Merkur soll über umfangreiche Sicherheiten verfügen, darunter Marken- und Domainrechte. Zudem besitzen die Hamburger angeblich die Option, die Kredite in eine direkte Beteiligung an den Leipzigern umzuwandeln.

Unister und Hanse Merkur

Ein dubioser Deal

Damit übernähme die Hanse Merkur aber eine unternehmerische Verantwortung bei Unister, die sie nie wollte, wie es im Umfeld des Versicherers heißt. Hintergrund: Unister war in den vergangenen Jahren immer wieder in Affären verstrickt, zwischenzeitlich saßen führende Manager sogar in Untersuchungshaft. Anfang 2014 klagte die Staatsanwaltschaft Dresden den Gründer und Chef Thomas Wagner sowie weitere Manager an. Es geht unter anderem um die Hinterziehung von Versicherungssteuer und den unerlaubten Vertrieb von Versicherungsprodukten.

Vabanque-Spiel der wenigen Möglichkeiten

Und nun könnte Unister zum altehrwürdigen Versicherer Hanse Merkur gehören? Ein unappetitlicher Gedanke — auch wenn die Richter über die Zulassung der Anklage gegen Wagner bislang nicht entschieden haben und die Vorwürfe von Unister-Seite zurückgewiesen werden. Die Frage ist: Was sind die Alternativen? Bei einer möglichen Insolvenz Unisters würde Hanse Merkur viel Geld und den Verlust eines wichtigen Vertriebskanals riskieren.

Hinzu kämen die soziale Verantwortung und der damit verbundene Imageschaden; immerhin arbeiten bei Unister offiziell noch rund 1.500 Menschen. Fraglich ist auch, ob die Norddeutschen bereit wären, im Zuge einer möglichen Verwertung der Sicherheiten einzelne Unister-Portale selbst zu betreiben. Im Sommer hatte es aus Leipzig offiziell geheißen, die Hanse Merkur habe das Unister-Portal „geld.de“ übernommen. Die Hamburger haben sich nie dazu nie geäußert, ob der Deal vollzogen wurde. Auch jetzt schweigen sie. Unister antwortet: „Die Closing-Bedingungen werden nun umgesetzt.“

„Mit anderen Worten: Es werden alle Optionen geprüft.“

Foto: Christoph Busse/WirtschaftsWoche

Ein Insider glaubt: „Der Wagner weiß genau, dass die Hanse Merkur es sich eigentlich nicht leisten kann, die Sache gegen die Wand fahren zu lassen. Darum wartet er jetzt erst einmal ab.“ Unter potenziellen Investoren kursieren Papiere, in denen von einem Finanzbedarf von bis zu 100 Millionen Euro die Rede sein soll. Dabei geht es offenbar auch um eine mögliche Kapitalerhöhung. Ein solcher Schritt würde nicht nur die Unister-Bilanzen stabilisieren, sondern neuen Investoren vielleicht auch eine Entmachtung Wagners ermöglichen, weil dessen Anteile verwässert würden. Fraglich allerdings ist, ob Wagner bei einem solchen Szenario mitspielen würde. Unister äußert sich zum Sachverhalt allgemein. Der Finanzbedarf sei „skalierbar“, das eigene Geschäftsmodell verursache „naturgemäß einen hohen Kapitalbedarf“. Bekanntermaßen befinde sich die Firma „seit geraumer Zeit in einem ergebnisoffenen Prozess der strategischen Partnersuche. Mit anderen Worten: Es werden alle Optionen geprüft.“

Nach allem, was zu hören ist, sollen dieser Tage zwischen Hamburg und Leipzig intensive Gespräche stattfinden. Warum ausgerechnet in dieser Gemengelage der Mann gegangen ist, der bislang bei der Hanse Merkur für die „Causa Unister“ zuständig gewesen sein soll, dazu gibt es keinen Kommentar. Peter Ludwig selbst war für das Handelsblatt nicht erreichbar, einen Kontakt zu ihm wollte sein langjähriger Arbeitgeber nicht herstellen.

HANSE MERKUR – DER VERSICHRER

Die Strategie: Das Unternehmen hat sich auf Billigtarife in der privaten Krankenversicherung spezialisiert. So wuchs es stärker als der Markt: Die Beitragseinnahmen haben sich in den vergangenen zehn Jahren auf rund 1,8 Milliarden Euro verdreifacht, die Überschüsse kletterten zuletzt auf 271 Millionen Euro. Der Kundenbestand ist auf 8,7 Millionen explodiert - was aber in erster Linie an einer gemeinsam mit Fielmann vertriebenen Brillenversicherung liegt.

Die Kooperation: Als zweites Wachstumsfeld neben der PKV hat die Hanse Merkur das Reiseversicherungsgeschäft für sich entdeckt. Dort stiegen die Beitragseinnahmen 2014 um satte 21,6 Prozent - wohl auch dank der Kooperation mit Unister. Um in dem Segment noch stärker zu wachsen, hat die Hanse Merkur kürzlich einen Onlineversicherer namens BD 24 gegründet.

UNISTER – DER REISEVERMITTLER

Die Geschichte: An den Start ging Deutschlands größter Online-Reisevermittler 2002 als Studententauschbörse. Es folgte ein Online-Versicherungsvergleich. Mit "aidu.de" wurde 2004 das erste Reiseportal gestartet. Nach einem Rechtsstreit mit dem Kreuzfahrtbetreiber Aida benannte Unister die Domain in "ab-in-den-urlaub.de" um. 2008 folgte als zweites Urlaubsportal "fluege.de". Die Vergleichsportale bilden mit dem hauseigenen Veranstalter Urlaubstours den Kern der Unister-Gruppe.

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Der Chef: Thomas Wagner hält rund 40 Prozent an der Unister-Holding. Die übrigen Anteile entfallen auf die Mitgründer Daniel Kirchhof, Christian und Oliver Schilling sowie Sebastian Gantzckow. Mit Kirchhof, dem langjährigen Unister-Finanzchef, hat sich Wagner überworfen. Wie es heißt, sucht Kirchhof nach einem Käufer für seine Anteile.

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