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Stressmanagement-Experte Louis Lewitan„Ran an die Ziele“

Stets der Erste, Größte, Beste sein zu müssen – das stresst. Louis Lewitan, Experte für nachhaltige Führung und Stressmanagement, erklärt im Interview die Ursachen unseres Stresses – und gibt Tipps, wie man wieder gelassener wird.Tanja Kewes 19.08.2017 - 07:56 Uhr Artikel anhören

„Dem einen ist schon ein geregelter Bürojob zu viel, der andere fühlt sich gut bei einer 70-Stunden- Woche.“

Foto: imago/Becker&Bredel

Tritt Louis Lewitan auf, untermalt er seine Vorträge gerne mit Cartoons – ganz gelassen natürlich. Der renommierte Experte für nachhaltige Führung und Stressmanagement ist in den Topetagen der Unternehmen höchst gefragt.

Herr Lewitan, leben wir in stressigeren Zeiten als unsere Vorfahren?
Obwohl wir hier in Deutschland nicht unter Krieg, Inflation und hoher Arbeitslosigkeit leiden, gibt es in unserer digitalisierten Turbogesellschaft eine stetige Zunahme an psychischem Stress, Tendenz steigend.

Können Sie den Schaden für die Wirtschaft durch Stresserkrankungen beziffern?
Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Studie „Betriebliches Gesundheitsmanagement 2016“ im Auftrag der pronova BKK kam zu dem Schluss, dass neun von zehn Bundesbürgern sich im Job gestresst fühlen. Die volkswirtschaftlichen Kosten infolge stressbedingter Fehltage deutschlandweit werden auf bis zu 45,3 Milliarden Euro jährlich beziffert.

Warum sind wir so gestresst?
Die Welt dreht sich schneller. Ich nenne das Dynaplexität: Der dynamische Wandel in Verbindung mit einer Zunahme an Komplexität überfordert immer mehr Menschen. Ob Klimawandel, Struktur- oder Wertewandel, ständig wird etwas verändert, umgestaltet, transformiert und revolutioniert. Alles kommt auf den Prüfstand.

Das sind die äußeren Bedingungen. Was aber machen wir selbst falsch?
Viele von uns stecken in der Man-muss-Gedankenfalle: Ich muss perfekt, pünktlich, fehlerfrei sein. Dementsprechend stark ist die innere Not, durch Fleiß, Leistung oder Angepasstheit zur Geltung zu kommen – stets der Beste, Größte, Erste sein zu müssen. Johann Wolfgang von Goethe brachte es auf den Punkt: „Niemand ist mehr Sklave, als der sich für frei hält, ohne es zu sein.“

Menschen reagieren höchst unterschiedlich: Stress scheint nicht gleich Stress zu sein.
Ja, Stress ist nicht objektiv. Dem einen ist schon ein geregelter Bürojob zu viel, der andere fühlt sich gut bei einer 70-Stunden-Woche. Selbst physikalische Stressoren wie Hitze und Lautstärke werden unterschiedlich empfunden. Fühlen wir uns einer Aufgabe gewachsen, spricht man von positiver Herausforderung. Ist hingegen ein Problem schwierig, gar unlösbar, wird aus einer Belastung eine Überforderung.

Gibt es dennoch typische Stressauslöser?
Es gibt unterschiedliche Quellen: selbst erzeugte, physikalische, psychologische, arbeitsbezogene und soziale. Aus der Sicht eines Managers gibt es überwiegend zwei Arten von Stress: denjenigen, den man sich selbst macht, und denjenigen, den man anderen zufügt. Zu den arbeitsbezogenen, äußeren Stressauslösern zählen häufige Unterbrechungen durch nervige Kollegen oder Mails ebenso wie ineffiziente Arbeitsabläufe und widersprüchliche Zielvorgaben. Ob fiese Vorgesetzte, missgünstige Rivalen, komplexe Veränderungsprozesse und Informationsflut – nicht alles und jedes lässt sich managen.

Welche Rolle spielen Gefühle?
Eine sehr große. Es gibt viele Topmanager, die keinen Zugang zu ihren Gefühlen und denen ihrer Mitarbeiter finden. Ich nenne sie emotionale Analphabeten. Sie versetzen sich selbst und andere dadurch unter negativen Stress, verstehen wenig von mitarbeiterorientierter Führung. Sie reflektieren nicht über die ethisch-moralischen Fundamente ihrer Führungsethik oder über das eigene Verhalten als Teil einer Unternehmenskultur.

Sie sprechen vom „Entsafter-Prinzip“
Emotionale Analphabeten gehen davon aus: Um ein Maximum aus den Untergebenen herauszuholen, muss man nur hart genug pressen. Das ist weder motivierend noch zielführend. Übertragen auf den Führungsalltag müsste die Folge sein, dass Führungskräfte sich ihres Verhaltens bewusst werden und bereit sind, ihre Defizite zu verändern. Fachkompetenz ohne sozial-emotionale Kompetenz ist bloß smarter Bullshit.

Was empfehlen Sie gestressten Menschen?
Nehmen Sie sich ab und zu Zeit, in sich hineinzuhorchen, ihre Ziele und Gewohnheiten zu überprüfen, ihre Batterien aufzuladen und öfters Neues zu wagen. Seien sie freundlich zu sich, und gehen sie respektvoll mit ihren Mitmenschen um. Und seien Sie realistisch und ehrlich mit sich selbst! Nicht jedes Ziel ist erstrebenswert oder sinnvoll.

Lässt sich Stress denn managen?
Klar, es geht um Stressmanagement. Doch es ist erstaunlich: Viele Menschen, die erfolgreich Unternehmen managen, haben sich beim Thema Stress selbst weniger gut im Griff. Im Unternehmen werden Frühwarninstrumente installiert, der eigene Tinnitus wird jedoch überhört und der Blutdruck überhaupt nicht wahrgenommen. Bis es Knack macht. Dann wird der Top-Performer im Management zum Low-Performer im Stressmanagement und zum Risikofaktor für das Unternehmen. Deshalb schlage ich ein griffiges Drei-Stufen-Modell vor.

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Wie sieht das aus?
Natürlich hat beruflicher Stress viel mit der Menge an Arbeit zu tun. Zunächst lässt er sich daher immer reduzieren, indem Dinge „weg-gemanagt“ werden: priorisieren, delegieren, Abläufe verändern. Reicht das nicht, muss man an die eigene Person ran: ran an die eigenen Ziele, Ansprüche, Vorstellungen. Es geht um sinnvolle Anpassung: Einen Tick weniger bedeutet nicht gleich Mittelmaß. Und in der dritten Stufe sollten Manager Feingefühl für sich entwickeln und Dinge praktizieren, die einen Eigenwert besitzen. Ob einfache Entspannungsübungen oder fortgeschrittene Achtsamkeitsmeditation, ob Spazierengehen oder Ausdauertraining, ob ein Instrument spielen oder mit Freunden beim Italiener sitzen – Entspannungsprogramme sind stets individuell.

Wie werde ich denn gelassener?
Gelassenheit ist das Ergebnis von Persönlichkeit, Erfahrung, Wissen, Können und Zeit. Manche sind zwar souverän im Job, drehen jedoch durch, wenn ihre Kinder trotzig sind. Gelassene Menschen zeichnen sich durch Offenheit aus, klammern sich nicht minutiös an rigide Regeln. Sie erkennen die eigene Unvollkommenheit und schaffen es, lieb gewonnene Verhaltensweisen abzulegen. Zudem sind sie motiviert, weil sie vom Sinn und Nutzen ihres Wirkens überzeugt sind. In Konfliktsituationen bügeln sie andere nicht nieder, bleiben handlungsfähig, verweigern sich bewusst einem destruktiven Pessimismus. Gelassen sein bedeutet: kalkulierbare Risiken einzugehen – im Wissen, dass etwas schiefgehen kann, aber nicht muss.

Herr Lewitan, vielen Dank für das Gespräch.

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