Vor 100 Jahren
Die Seebrücke riss Dutzende in den Tod

Das Ufer im Blick ertranken sie, weil kaum einer schwimmen konnte: Vor 100 Jahren riss eine einstürzende Seebrücke auf Rügen Dutzende Schaulustige in die Ostsee. Als Konsequenz wurde die DLRG gegründet.
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BinzDas Ertrinken sei Mode - und nicht das Schwimmen, beklagte Johann Christoph Friedrich GutsMuths in einer Zeit, als die ersten deutschen Seebäder an Nord- und Ostsee entstanden. Der Pädagoge und Turn-Großvater verfasste 1798 mit seinem „Kleinen Lehrbuch der Schwimmkunst im Selbstunterrichte“ einen leidenschaftlichen Appell für das Schwimmen.

Doch sein Wunsch, das Schwimmen künftig zu einem „Hauptstück der Erziehung“ zu machen, scheiterte an der postulierten Sittsamkeit der Biedermeier-Ära, an der Prüderie der wilhelminischen Gesellschaft. Menschen strömten in Massen an Seen und Küsten, doch für die Gefahren, die das Meer barg, waren sie unzureichend gerüstet - auch noch ein Jahrhundert nach Drucklegung des Schwimm-Lehrbuches.

Am 28. Juli 1912 - knapp vier Monate nach dem Untergang des Luxusdampfers Titanic - ereignete sich im Seebad Binz auf Rügen einer der tragischsten Unfälle der deutschen Badetourismus-Geschichte. Bis zu eintausend Ausflügler und Badegäste hatten sich auf der 560 Meter langen Seebrücke versammelt, als am Abend der Dampfer „Kronprinz Wilhelm“ am Landungssteg anlegte.

Unter der Last von bis zu 100 Menschen brach der Brückenkopf der Seebrücke zusammen und riss die überraschte Menge in die Tiefe. „Ein ängstliches Hilfegeschrei der Versinkenden ertönte zu den ahnungslosen Menschen“, beschreibt das „Rügensche Kreis- und Anzeigenblatt“ einen Tag später das Chaos.

Die Passanten auf der Brücke - „bemächtigt einer ängstlichen Bestürzung“ - versuchten mit Stangen und Leitern die hilflos im Wasser treibenden Menschen zu retten. Das sichere Ufer im Blick ertranken 14 Menschen. Zwei starben in den folgenden Tagen an den Verletzungen. Als Konsequenz aus dem Unglück wurde im Oktober 1913 in Leipzig die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) gegründet.

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Nur drei Prozent der Bevölkerung konnten schwimmen

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