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Sammlung DahmenKunst im Squashcenter

Die Privatsammler Rosi und Rudolf Dahmen zeigen eine hochkarätige Ausstellung. Werke von Gregor Schneider und Ralf Berger besetzen ein ganzes Squash-Center – die Wohnung der Kunstfreunde.Susanne Schreiber 05.08.2016 - 16:58 Uhr Artikel anhören

Ralf Bergers Installation "Posthistorische Melancholie" (2016), Dreikanalprojektion mit Sturzgläsern. Quelle: Sammlung Dahmen

Foto: Handelsblatt

Düsseldorf. Die Location ist so außergewöhnlich wie die erste Ausstellung qualitätvoll. Das Sammlerpaar Rosi und Rudolf Dahmen präsentiert sich mit einer sensationellen, weil qualitätvollen Schau. Aus Mönchengladbach stammend, hat das Ehepaar sein Düsseldorfer Domizil 2015 dort aufgeschlagen, wo man garantiert keine Kunst erwartet. In einer abgelegenen, doch zentrumsnahen Straße, in einem Wohnblock, der einst in Keller und Erdgeschoß einen Squash Club beherbergt hatte.

Kunst für den Kopf

Loftartig weit geben sich Wohn-, Ess- und Küchenbereich; nur die Wasch- und Schlafräume sind abgetrennt. Überall ist sperrige Kunst ausgestellt. Kunst, die sich dem schnellen Konsum verweigert und Nachdenken fordert. Überall darf der Gast hinein. Auf etlichen Wänden flirren Videos. Die Schau trägt keinen Titel, ist ‚cutting edge‘ und stünde jedem profilierten Museum, respektive Kunstverein gut an.

Das Opening versammelt in dem 1.500 qm großen Erd- und Kellergeschoss 20 Arbeiten von Ralf Berger und 43 von Gregor Schneider. Viele sind Leihgaben der Künstler, die auch die Ausstellung organisiert haben. Sie stehen in engem Zusammenhang mit Arbeiten, die die Dahmens besitzen. Seit seinen Anfängen in der Galerie Löhrl begleiten sie Gregor Schneider. Mit Ralf Berger sind sie befreundet.

Kabinen für die Kunst

Das Spektakulärste ist der Blick von der Küche durch eine Glaswand hinunter in einen der zwölf verbliebenen Trainingsplätze. Hier hat der Konzeptkünstler Ralf Berger die Dreikanal-Installation „Posthistorische Melancholie“ installiert. In diesem Jahr entstanden, fasst Bergers Performance den Zustand unserer von  kopflosen Integrationsbemühungen konturlos gewordenen Politik so prägnant ins Bild wie kein anderes Werk der zeitgenössischen Kunst.

Tausende von „Sturzgläsern“, vulgo Marmeladebehältnissen, liegen da wild durcheinander. Einziger Unterschied: es gibt solche mit rotem, schwarzem oder goldenem Deckel. Drei parallel laufende Videos zeigen wie Berger die nach Farbe sortierten Gläser aus einem ordentlichen Quadrat herausnimmt, „Hurrah“ hineinruft, verschraubt und wegrollt. Mit dadaistischem Humor verschiebt der Performer die Frage des Staatstragenden ins chaotisch Befreite: Nach drei Stunden „Hurrah“-Rufen ist die Begeisterung dahin und das Wort nur noch eine Hülse. Berger sieht seine Arbeit „als eine Art Woodoo-Ritual zur Befreiung von identitätsstiftenden Symbolen und Begriffen“, wie er dem Handelsblatt sagt.

Voller Körpereinsatz

Ralf Berger (Jahrgang 1961) hat bei dem Bildhauer Klaus Rinke studiert. Wo dieser hartes Material verwendet, setzt Berger seinen eigenen Körper ein, um Denkbilder oder Haltungen zu hinterfragen. In der „Hurrah“-Performance“ ist es der Atem. In „Kleines Miststück“ ist es die Spucke, die der Betrachter auf eine Platte (das Kunstwerk) speien soll. Auf minus 23 Grad gekühlt, überdeckt die umgebende Luftfeuchtigkeit den Auswurf dann wieder mit feinem weißem Schnee. Gut, dass es im Kunstraum R & R Dahmen noch die ehemaligen Duschen gibt! Spezielle Kameras montiert sich der Performancekünstler schon mal an die inneren Unterarme oder den Penis.

Ralf Berger: "Kleines Miststück (Spuck-Platte)", 1995. Quelle: Sammlung Dahmen

Foto: Handelsblatt

Der Tritt als Metapher

Von Qualen erzählen auch Gregor Schneiders Arbeiten. Der lebensgroße „Mann (liegend, mit steifem Schwanz)“, der vom Kopf bis zu den Knien in einem schwarzen Müllsack steckt, oder auch die Skulptur „Schwarzer Stiefel“. Da hat der seit dem Sommersemester als Cragg-Nachfolger angetretene Akademie-Professor einen Gummistiefel über den Gipsabdruck seines Kopfes gestülpt. Das lässt sich doppelt lesen: als existenzielle Atemnot oder als bildgewordene Blindheit der von Gewalt beherrschten Radikalen, die zertreten, was sie ausgrenzen möchten. Der „Schwarze Stiefel“ steht indessen auf einem eleganten Sideboard unweit von einer Gruppe Vasen, die wie Skulpturen wirken.

Lässig gehen die Dahmens mit der Beklemmung um, die von der Kunst ausgeht. Sie kennen alle Facetten des mehrfach isolierten Wandstücks aus Schneiders Opus Magnum, dem „Haus u r“ in Rheydt. Oder von den dazugehörigen Fotos und dem Video, in dem Schneider das Geburtshaus von Reichspropagandaminister Goebbels entkernen und bis aufs Skelett freilegen lässt. Dieser Streifen wird hier zum ersten Mal gezeigt. Dafür öffnet Rosi Dahmen ihr Schlafzimmer.

Unprätentiös und bescheiden erzählen die Sammler lieber über die Kunstwerke als von sich. Rudolf Dahmen hatte es als Staatsanwalt nur ein Jahr ausgehalten. Das war dem wachen Geist zu bürokratisch. In der Kanzlei Korn Voigtsberger in Mönchengladbach kümmerte er sich ums Zivilrecht. Seit zwei Jahren ist er pensioniert, aber noch im Vorstand von Haus & Grund in Mönchengladbach.

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Inkubator Museum

Bei Rosi und Rudolf Dahmen wuchsen Verständnis und Begeisterung für ganz junge Kunst im Umfeld des Abteibergmuseums in Mönchengladbach. Vor 20 Jahren fingen sie an zu sammeln, „wenn Geld da war“. Und immer aus dem Bauch heraus. Arbeiten von Richard Long und Ulrich Rückriem haben sie gekauft, von Franz Erhardt Walther und Sigmar Polke, von Christian Boltanski, aber auch Werke von Günter Umberg, Horst Münch, Manuel Graf und Jan Albers. Aktuell ist davon nichts zu sehen. Die Künstler-Kuratoren haben die Privatwohnung fest im Griff.

Nicht zuletzt die am Rand des unkonventionellen Gartens geparkten Mittelklassewagen machen klar: Den Sammlern geht es nicht um die in der Kunstszene beliebte Selbstdarstellung. Es geht um das tiefe Eindringen in die Kunst der unmittelbaren Gegenwart. Statt sich selbst aufzubrezeln, fördern die Dahmens lieber die Projekte der Künstler. Statt sich über das Kuratieren selbst zu profilieren, überlassen sie lieber den Künstlern für sporadische Ausstellungen alle Räume.

„Ralf Berger – Gregor Schneider“, im Kunstraum R & R Dahmen in Düsseldorf-Flingern bis mindestens 28. August 2016. Besuch nur nach Anmeldung: rudolf@dahmen-mg.de

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