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Euro-RettungAm Ende zahlt der Sparer

Bei Zyperns Rettung wurden erstmals die Sparer geschröpft. Dieser Fall könnte Schule machen. Denn wenn es darum geht, die Bürger an der Euro-Rettung zu beteiligen, sind noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft.Jan Mallien, Jörg Hackhausen 03.04.2013 - 14:46 Uhr Artikel anhören

Der Staat hat enorme Schulden. Um sie zu bedienen, braucht er das Geld der Sparer.

Foto: Getty Images

Düsseldorf. Wenn Zypern eines lehrt, dann das: In der Euro-Krise ist alles möglich. Der Staat kennt viele Wege, um an Geld zu kommen, und die Bürger an der Entschuldung zu beteiligen – manche sind schon in Vergessenheit geraten, andere erscheinen noch abwegig, und wieder andere sind längst im Einsatz.

„Im Grunde ist der Unterschied zwischen den Sparern in Zypern einerseits und denen in den USA oder Deutschland gar nicht so groß“, sagt Saumil Parikh, Mitglied des Investmentkomitee von Pimco, einem der größten Investoren der Welt. In dem einen Fall geschieht die Enteignung auf einen Schlag, im anderen schleichend.

Am Ende ist das Ergebnis dasselbe: Diejenigen, die Geld haben, werden zur Kasse gebeten, zugunsten derjenigen, die Schulden haben – ein Transfer vom Sparer hin zu Staaten und Banken.

Was auf Zypern passiert, wäre bis vor kurzem in Europa kaum vorstellbar gewesen. Bei allen vorherigen Rettungsaktionen blieben die Guthaben von Bankkunden unangetastet. Bei Zypern ist das erstmals anders: Bankkunden der beiden größten zyprischen Banken, die mehr als 100.000 Euro auf dem Konto haben, müssen eine Zwangsabgabe leisten; wie viel genau, steht noch nicht fest, wahrscheinlich sind mindestens 40 Prozent aller Einlagen über 100.000 Euro verloren.

Damit die Zyprer ihr Geld nicht reihenweise ins Ausland schaffen, wurde außerdem der freie Kapitalverkehr eingeschränkt. Die Zyprer können nur wenige Hundert Euro pro Tag abheben. Überweisungen ins Ausland sind nur sehr eingeschränkt möglich. Darüber hinaus dürfen Termin- und Festgelder nur noch in ganz bestimmten Fällen aufgelöst werden. Ein weiterer Tabubruch.

Die gebrochenen Versprechen der Euro-Retter
„Hilfe steht nicht auf der Tagesordnung, denn Griechenland sagt selbst, dass es im Augenblick keine Hilfe braucht."Bundeskanzlerin Angela Merkel am 21. März 2010Ende April beantragt Griechenland offiziell Finanzhilfe, im Mai beschließen die EU, die Europäische Zentralbank (EZB) und der Internationale Währungsfonds (IWF) das erste Griechenlandpaket.
„Die Rettungsschirme laufen aus. Das haben wir klar vereinbart."Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am 24. Juli 2010Die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität (ESFS) ist zwar zeitlich befristet, aber die Euro-Finanzminister einigen sich Anfang 2012 auf den dauerhaften Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM).
„Ich werde langsam müde, diese Gerüchte immer wieder zu dementieren."Griechenlands früherer Finanzminister Giorgos Papakonstantinou am 18. April 2011Im Oktober beschließen die Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone einen Schuldenschnitt für Griechenland: Private Gläubiger und Banken verzichten auf 50 Prozent ihrer Forderungen.
„Wir haben jetzt ein Land unter dem Schirm, das ist Irland. Und damit ist das Volumen noch weit davon entfernt, ausgeschöpft zu sein."Bundeskanzlerin Angela Merkel am 12. Januar 2011Im April 2011 stellt Portugal Antrag auf Hilfe. Es wird klar, dass die bisher hinterlegten Bürgschaften nicht ausreichen, um die Kredite zu den gewünschten Zinskonditionen zu beschaffen. Im Juni beschließt die Euro-Zone, den EFSF auf 780 Milliarden Euro aufzustocken, durch den sogenannten Hebel wird das Volumen im Oktober auf mehr als 1000 Milliarden Euro erhöht.
„Eine gesamtschuldnerische Haftung wird es nicht geben, solange ich lebe."Bundeskanzlerin Angela Merkel am 26. Juni 2012Im Oktober 2012 schlägt die Troika aus EU, EZB und IWF den Finanzministern der Euro-Zone einen weiteren Schuldenschnitt für Griechenland vor: Auch die öffentlichen Gläubiger sollen Athen nun einen Teil ihrer Forderungen erlassen. Damit würde die Rettung Griechenlands erstmals die deutschen Steuerzahler wirklich Geld kosten. Schäuble lehnt ab und schlägt vor, Griechenland mehr Zeit zu geben.
Die Europäische Union garantiert, dass Ersparnisse bis zu 100.000 Euro innerhalb der Währungsunion sicher sind.Im Fall Zyperns war die Politik kurz davor, gegen ihre eigenen Zusagen zu verstoßen. Zunächst war geplant, Kleinsparer an der Bankenrettung zu beteiligen. Nach empörten Protesten wurde die Zwangsabgabe überarbeitet. Nun müssen nur noch zyprische Sparer mit einem Vermögen über 100.000 Euro haften.
„Zypern war nun ein ganz besonderer Fall, das wusste jeder.“Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am 28. März 2013Der niederländische Finanzminister Jeroen Dijsselbloem hatte zuvor in Interviews die Einbeziehung von wohlhabenden Kunden zyprischer Banken in die Maßnahmen zur Zypern-Rettung als richtungsweisend hingestellt. Er bezeichnete sie als „Blaupause“ für andere Länder, relativierte die Aussagen dann später wieder.

Jeroen Dijsselbloem, Chef der Eurogruppe, erklärte in einem Interview, Zypern könne ein Modell für andere Länder sein. Damit sprach er aus, was sowieso schon längst beschlossene Sache ist. Die EU-Regierungen hatten sich im vergangenen Jahr darauf geeinigt, dass bei Rettungsaktionen für Staaten auch eine Abwicklung maroder Banken möglich sein soll, an der auch die Kunden beteiligt werden können. Die Grenzen zwischen Aktionären, Gläubigern und Sparern, sie sind längst aufgehoben.

Dijsselbloems Aussagen sorgten an den Finanzmärkten für Unbehagen, noch größer war die Empörung in der politischen Klasse. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble rügte seinen niederländischen Kollegen öffentlich. Einerseits war Dijsselbloem nur ehrlich, andererseits hatte er damit wohl schon zu viel verraten. Er nahm seine Äußerung zurück und schloss sich der offiziellen Sprachregelung an: Zypern sei doch ein Einzelfall.

Das Modell Zypern lässt sich zwar nicht eins zu eins auf andere Volkswirtschaften übertragen. Dazu ist die Insel mit ihrem aufgeblähten Bankensystem und vielen Steuerflüchtlingen in mancher Hinsicht ein Sonderfall. Aber als Testfall ist Zypern aufschlussreich, weil es zeigt, wie einfallsreich die Euro-Retter vorgehen.

Europa wird seine Schuldenkrise nur dann in den Griff bekommen, wenn die Bürger an der Entschuldung beteiligt werden. Eine Zwangsabgabe müssen die Deutschen nicht fürchten, erst einmal nicht. Dass die Menschen in langen Schlangen vor den Banken stehen, um an ihr Geld zu kommen, erscheint ebenso unwahrscheinlich. Das heißt aber nicht, dass deutsche Sparer ungeschoren davonkommen. Sie müssen sich auf Steuern, Verbote und nicht zuletzt auf höhere Inflation einstellen.

Der Geldmanager von Pimco, Saumil Parikh, ist sich sicher: „Letztlich zahlen Sparer und Anleger den Preis für die Exzesse früherer Jahre in den Banken und der Politik.“

Teuerung - Inflation wäre ein Irrweg
Die Liquiditätsschwemme, mit der die EZB das Bankensystem stabilisiert hat, schürt in Deutschland die Angst vor einer steigenden Inflation. Zwar gibt es kurz- und mittelfristig keine Anzeichen für einen starken Preisanstieg. Dennoch mahnen Deutschlands Wirtschaftsvertreter Politik und EZB zu Wachsamkeit.
„Mehr Inflation wäre ein Irrweg.“„Noch nie in der Geschichte hat ein großer Preisauftrieb nicht am Ende doch Einkommen und Ersparnisse der Menschen deutlich entwertet.“
„Bei einer Erholung der Euro-Konjunktur könnte der Prozess schnell außer Kontrolle geraten.“
„Die Inflationserwartungen im Euro-Raum sind auch nach den außergewöhnlichen Maßnahmen der EZB stabil.“„Die Sondermaßnahmen sind befristet. Die EZB kann jederzeit aussteigen, wenn Preissteigerung droht.“
„Die Unabhängigkeit der EZB und ihre Freiheit von Interessenkonflikten müssen gestärkt werden.“

Was hilft gegen ausufernde Schulden? Viele Ökonomen in den USA und Großbritannien meinen, die Antwort gefunden zu haben: niedrige Zinsen, gepaart mit höherer Inflation. Der frühere IWF-Chefökonom Kenneth Rogoff argumentiert, dass die westlichen Staaten die enorme Verschuldung durch die Finanzkrise ohne Inflation nur schwer schultern könnten.

Durch Inflation legen nicht nur die Preise zu, auch das nominale Bruttoinlandsprodukt steigt, selbst wenn die Wirtschaft real nur wenig wächst. Das wiederum lässt den Schuldenstand im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt weniger hoch aussehen. Wenn auf der anderen Seite die Zinsen, die der Staat für seine Anleihen zahlen muss, nicht im selben Maße steigen, verbessert sich seine Schuldenquote.

Da die Inflation außerdem eins zu eins auf die Steuereinnahmen des Staates durchschlägt, erhöht sie die nominalen Steuereinnahmen. Wenn sich das Durchschnittseinkommen auf dem Papier erhöht, muss ein höherer Anteil an Steuerpflichtigen den Maximalsatz bezahlen; Stichwort: „kalte Progression“.

Die Entschuldung über Inflation funktioniert nur, wenn die Investoren gleichzeitig nicht deutlich höhere Zinsen verlangen. Der Staat muss Anleger also dazu bringen, weiterhin in niedrig verzinste Staatsanleihen zu investieren.

Steinbrücks Steuerpläne
Der Ansatz ist gewagt: Üblicherweise versuchen die Parteien, mit mehr oder weniger teuren Versprechen im Wahlkampf zu punkten. Doch die SPD-Strategie zielt darauf, den Wählern unmissverständlich klarzumachen, dass ein Bundeskanzler Peer Steinbrück den Bürgern ans Portemonnaie will - "I love cash", tönte Steinbrück als Finanzminister, und daran scheint sich bis heute nichts geändert zu haben.
Der Bundestag hat ein Gesetz zum Abbau der kalten Progression beschlossen. Damit sollen die Steuerzahler 2013 um zwei und ab 2014 um weitere vier Milliarden Euro entlastet werden. Unter kalter Progression versteht man den Effekt, dass die Steuerbelastung eines Bürgers selbst dann überproportional steigt, wenn seine Einkommenszuwächse die Inflation ausgleichen. Besonders stark davon betroffen sind Bezieher mittlerer Einkommen, also auch die typische SPD-Klientel. Gleichwohl blockiert die SPD das Gesetz im Bundesrat. Überdies will sie Gutverdiener mit Einkommen über 100 000 Euro mit einem Spitzensteuersatz von 49 statt bisher 42 Prozent belasten.
Auch Sparer haben unter einer SPD-Regierung keinen Grund zur Freude. Die von Rot-Grün eingeführte Abgeltungsteuer auf Kapitaleinkünfte will die SPD von 25 auf 30 Prozent anheben. Die ersten 800 Euro bleiben unverändert steuerfrei. Wer also etwa 200 000 Euro angelegt hat und dafür drei Prozent Zinsen bekommt, müsste unter einem Kanzler Steinbrück statt bisher 700 künftig 1 000 Euro Abgeltungsteuer zahlen.
Alle Arbeitnehmer und Unternehmen trifft die Boykott-Haltung der SPD in puncto Rentenbeitrag. Denn laut Gesetz sinkt der Beitrag, wenn die Rentenreserve 1,5 Monatsraten übersteigt. Somit wäre 2013 eine Entlastung von 8,5 Milliarden fällig. Doch die SPD verweigert sich.

Eine Methode setzt bei den Großinvestoren an. Wenn beispielsweise eine Versicherung in Wertpapiere investiert, muss sie dafür Eigenkapital hinterlegen. So weit so gut. Die EU hat allerdings mit dem Regelwerken „Solvency II“ und „Basel III“ dafür gesorgt, dass Versicherer und Banken für Staatsanleihen deutlich weniger zurücklegen müssen als für Aktien oder Unternehmensanleihen. Ein Investment in Staatsanleihen wird damit deutlich attraktiver, ohne dass die Staaten dafür auch nur einen Cent mehr an Zinsen bieten müssten.

Wenn das nicht hilft, besteht immer noch die Möglichkeit, andere Anlageklasse so unattraktiv zu machen, dass sie sich nicht mehr lohnen, etwa durch Steuern oder Zinsobergrenzen. Theoretisch könnte der Zinssatz, den es für Spareinlagen gibt, gesetzlich gedeckelt werden. In China werden solche Zinsgrenzen bis heute angewendet. Auch die Bundesrepublik hat Erfahrung mit derartigen Methoden. „In Deutschland waren die Zinsen bis Ende der 1960er Jahre reguliert. Bringen etwa Spareinlagen wenig ein, werden Staatsanleihen wieder attraktiver“, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.

Die Verlierer sind so oder so Sparer, Pensionäre und Kunden einer Lebensversicherung. Geldentwertung zehrt ihr Vermögen schleichend auf. Obwohl die Inflation mit 1,5 Prozent relativ niedrig ist, liegen die Zinsen, die Sparer erhalten, schon jetzt darunter. Experten sprechen von „negativen Realrenditen“. Übersetzt heißt das: Die liebsten Anlagen der Deutschen - Sparbuch, Tages- und Festgeld oder Lebensversicherung - werfen so wenig ab, dass die Kaufkraft unter dem Strich weniger wird.

Reiche in Deutschland
Eine Definition für Reichtum gibt es nicht. Auch ist dies - wie so vieles - relativ. Der Durchschnittsverdienst eines Arbeitnehmers liegt in Deutschland bei rund 30.000 Euro. Die Hälfte der 26,6 Millionen Steuerpflichtigen hatte nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2007 Einkünfte von bis zu 29.000 Euro, 10 Prozent erhielten mehr als rund 73.400 Euro, aber nur ein Prozent mehr als 206.000 Euro.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) geht von einem Nettovermögen in Deutschland von 9,3 Billionen Euro. Das umfasst Immobilien, Geldvermögen, Versicherungen, Betriebsvermögen oder auch Vermögen in Form wertvoller Sammlungen. Dieses Vermögen ist in Deutschland ungleich verteilt. So besitzen 10 Prozent der Bevölkerung nach Angaben des DIW gut 66 Prozent des Gesamtvermögens. Ein Prozent der Bevölkerung verfügt über mehr als ein Drittel des gesamten Vermögens.
Nach Angaben des „Manager Magazins“ gibt es in Deutschland gut 100 Milliardäre - sowohl Einzelpersonen als auch Familien. Angeführt wird die Liste der Superreichen von Aldi-Gründer Karl Albrecht. Trotz Wirtschaftskrise und Börsenturbulenzen ist auch die Zahl der Deutschen, die über ein Nettovermögen von einer Million Euro und mehr verfügen deutlich gestiegen. Der D.A.CH-Vermögensreport 2012 gibt die Zahl der Euro-Millionäre in Deutschland mit 826.000 an.
Laut Statistischem Bundesamt gab es im Jahr 2007 insgesamt 16.681 Steuerzahler mit Einkünften von einer Million Euro oder mehr. Die meisten kamen aus Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg.
Auf das oberste Zehntel der Einkommensbezieher entfielen 2007 fast 55 Prozent des gesamten Steueraufkommens. Fast ein Viertel (23,9) des Aufkommens ging auf die 1 Prozent Einkommensreichsten zurück. Dagegen zahlt die untere Hälfte nur sieben Prozent des Steueraufkommens.
Wenn es nach SPD, Grünen, Linken und Gewerkschaften geht: Ja. Es geht vor allem um einen höheren Spitzensteuersatz bei der Einkommensteuer und eine Rückkehr zur Vermögensteuer, die Ende 1996 in Deutschland ausgesetzt wurde. Zurzeit liegt der Spitzensteuersatz bei 42 Prozent, er gilt ab einem zu versteuernden Jahreseinkommen von 52.882 Euro. Hinzu kommt die „Reichensteuer“ von 45 Prozent ab 250.001 Euro (Ledige). Die Sätze könnten angehoben werden oder früher greifen.

Inflation und niedrige Zinsen sind eher schleichend. Unmittelbar spürbar wären höhere Steuern. Durch sie könnte der Staat seine Einnahmen erhöhen. Gerade in den Euro-Krisenländer gibt es hierfür Potential. Jüngst haben Zahlen der Europäischen Zentralbank für Aufsehen gesorgt. Sie zeigen: Die Vermögen in einigen Euro-Krisenländern sind größer als in den finanzstarken Ländern. So liegt der Medianwert der privaten Vermögen in Italien bei 164.000 Euro - in Deutschland sind es lediglich 76.000 Euro.

Grade Italien ist ein gutes Beispiel. Das Land ist mit fast zwei Billionen Euro verschuldet – doch es leiht sich das Geld fast ausschließlich bei der eigenen Bevölkerung. Im Umkehrschluss bedeutet das: Italien hat das Kapital um seine Schulden zu zahlen, es muss es sich nur von der eigenen Bevölkerung nehmen.

Zwangsanleihen in der Historie
Rund um die Jahrhundertwende zwischen 12. und 13. Jahrhundert waren italienische Stadtstaaten wie Venedig und Florenz in einer Phase der Expansion. Um das Wachstum zu finanzieren, bedienten sich die Regierungen auch Anleihen. Da die freiwilligen Varianten nicht genug Kapital brachten, folgten Zwangsanleihen. Entgegen seiner üblichen Politik gegen Zinswucher, erlaubte der Papst eine Kuponzahlung, indem er sie als Entschädigung für den erfolgten Zwang titulierte. Die Idee der Zwangsanleihen hielt sich in Italien bis weit ins 15. Jahrhundert. Quelle: Pezzolo, Luciano - „Public debts and financial markets in renaissance Italy: between choice and coercion“, 2006 / „Als Venedig den ersten Schuldenberg anhäufte“, Die Presse, Juni 2012
Im Jahr 1529 sah sich Ferdinand I., der König von Böhmen, Kroatien und Ungarn, mit einem nahenden Osmanischen Heer konfrontiert. Zur Finanzierung der Verteidigung beschloss er, ein Viertel des Besitzes und Einkommens der katholischen Kirche zwangsweise einzufordern. Sein Argument: In dem Konflikt ging es um die Verteidigung des christlichen Glaubens und daher sei die Zwangsabgabe gerechtfertigt. Quelle: „Fiskus, Kirche und Staat im konfessionellen Zeitalter“, Duncker & Humboldt, 1994
Als Charles I. zu Beginn seiner Regentschaft als König von England Mitte der 1620er-Jahre Geld zur Finanzierung eines Kriegs gegen Spanien brauchte, ließ ihn das Parlament im Stich. Es genehmigte nicht die von ihm gewünschten Mittel und deswegen verfolgte er die Idee des „forced loan“, eines erzwungenen Darlehens. Diese Besteuerung ohne Zustimmung des Parlaments war ein Novum, zumal eine Rückzahlung des Darlehens von vorneherein aussichtslos schien. Auf diese Weise kamen 260.000 Pfund in die Kasse, auch wenn die Maßnahme nachträglich von Richtern als ungerechtfertigt gebrandmarkt wurde. Quelle: Reeve, L.J. - „Charles I and the Road to Personal Rule“, 2003
Anfang des 19. Jahrhunderts drängte Napoleon den Rat von Hamburg dazu, die Verpflegung seiner in Hannover eingefallenen Truppen zu finanzieren. Die Anleihe konnte Hannover nicht zurückzahlen und beschafft sich die Mittel über eine Zwangsanleihe bei den eigenen Bürgern. Aber auch die Finanzen Hamburgs waren ramponiert und eine Rückzahlung der Zwangsanleihe scheiterte.Anfang Mai 1842 brannte in Hamburg ein Großteil der Altstadt nieder, schätzungsweise 1700 Gebäude wurden zerstört. Eine Feuerversicherung sprang ein, konnte die gesamten Schäden aber nicht decken und die Stadt trieb dafür zusätzliches Geld bei den Bürgern per Anleihe ein. Die Finanzen der Stadt verschlechterten sich in den Jahren darauf aber und so musste Hamburg 1848 und 1849 erneut Zwangsanleihen begeben. Quelle: Singer, Egon, „Die Entstehung der hamburgischen Staatsanleihen 1801 - 1857“, Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte, Band 21, 1916, S. 1-62
Preußen legte Anfang des 19. Jahrhunderts einige kleinere Zwangsanleihen zur Finanzierung des Krieges gegen Napoleon auf. Bayern nutzte diese Mittel zur gleichen Zeit, unter anderem um Verpflichtungen gegenüber Frankreich begleichen zu können.
In den USA spielte der als Hardliner bekannte Finanzminister Henry Morgenthau im Jahr 1942 mit dem Gedanken, die Bevölkerung zur Finanzierung der amerikanischen Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg zum Zusatzsparen zugunsten der Staatskasse zu zwingen. „Es muss einfach mehr Einnahme geben“, so Morgenthau im Herbst des Jahres. Nach dem Krieg sollte dann die Rückzahlung stattfinden. Eine Umstrukturierung der Kriegsanleihen im Jahr 1943 machte den Plan schließlich überflüssig. Quelle: Patch, B. W. (1942). Forced savings. Editorial research reports 1942 (Vol. II). Washington, DC
Bereits vor dem Vorschlag des DIW Berlin im Juli 2012, Vermögende zur Schuldentilgung in der Euro-Krise zur Kasse zu bitten, machte die Idee die Runde. So forderte etwa der Harvard-Ökonom Martin Feldstein in einem Gastbeitrag für die „Financial Times“ als eine Lösung zur Stabilisierung des spanischen Haushalts einen „Anleiheaufschlag“ auf die Einkommenssteuer, der im Gegenzug den Steuerzahlen Anteile an fünf- bis zehnjährigen (niedrig) verzinsten Staatsanleihen einbringe. Auch Unternehmen könnten auf ähnliche Weise zur Staatsfinanzierung verpflichtet werden. Quelle: Feldstein, Martin - „Time for householders to buy bonds and save Spain“, April 2012, veröffentlicht auf FT.com

Ein erprobtes Instrument dafür wäre die Vermögensteuer. In Deutschland gab es sie bis 1997. Die Bundesländer erhoben eine einprozentige Abgabe auf Vermögen über einem Freibetrag von 120.000 DM. Als Vermögen zählte alles, was nach Abzug der Einkommensteuer und Schulden übrig blieb - von Immobilien, Gold bis hin zu Aktien- und Firmenanteilen.  Das Problem dabei war jedoch, dass es sehr schwierig war, unterschiedliche Vermögenbestandteile vergleichbar zu bewerten.

Während bei Aktien der aktuelle Wert leicht ermittelbar ist, sieht es bei Immobilien schwerer aus. Das Bundesverfassungsgericht kritisierte 1995, dass Immobilien bevorzugt behandelt würden. Das Veto des Verfassungsgerichts schließt die Vermögensteuer aber nicht grundsätzlich aus. Auflage ist lediglich, dass Immobilien nach ihrem Verkehrswert bewertet werden müssen.

Immer wieder kursieren Vorschläge für die Wiedereinführung der Steuer. SPD und Grüne wollen beispielsweise Vermögen ab einem Freibetrag von zwei Millionen Euro mit einem Prozent besteuern. Damit könnten 11,5 Milliarden Euro eingenommen werden, so ihre Berechnung. Die Einkünfte würden vollständig in die Landeshaushalte fließen.

Wo das Geld der Deutschen liegt
2010: 4.645,4 Milliarden Euro2011: 4.710,2 Milliarden Euro2012: 4.939,0 Milliarden EuroQuelle: Deutsche Bundesbank, 03.05.2013
2010: 914,1 Milliarden Euro2011: 953,3 Milliarden Euro2012: 1.056,9 Milliarden Euro
2010: 262,6 Milliarden Euro2011: 280,5 Milliarden Euro2012: 274,4 Milliarden Euro
2010: 609,1 Milliarden Euro2011: 608,2 Milliarden Euro2012: 608,0 Milliarden Euro
2010: 75,0 Milliarden Euro2011: 85,4 Milliarden Euro2012: 75,5 Milliarden Euro
2010: 254,1 Milliarden Euro2011: 247,1 Milliarden Euro2012: 238,2 Milliarden Euro
2010: 243,5 Milliarden Euro2011: 221,5 Milliarden Euro2012: 259,1 Milliarden Euro
2010: 179,1 Milliarden Euro2011: 185,2 Milliarden Euro2012: 193,4 Milliarden Euro
2010: 435,4 Milliarden Euro2011: 394,9 Milliarden Euro2012: 420,1 Milliarden Euro
2010: 1.358,1 Milliarden Euro2011: 1.400,2 Milliarden Euro2012: 1.468,9 Milliarden Euro
2010: 284,3 Milliarden Euro2011: 295,4 Milliarden Euro2012: 306,6 Milliarden Euro
2010: 39,0 Milliarden Euro2011: 38,4 Milliarden Euro2012: 37,9 Milliarden Euro

Durch die Alterung der Bevölkerung steigen nicht nur die Ersparnisse. Es gibt auch mehr zu erben. Einerseits erbt die nachfolgende Generation hohe Staatsschulden. Andererseits erbt sie auch so viel Vermögen wie nie zuvor.

Das Problem dabei: Die Staatsschulden erbt die gesamte Gesellschaft – große Vermögen erben jedoch nur wenige von ihren Eltern. Daher könnte auch die Erbschaftsteuer schnell wieder in die politische Diskussion rücken.

Die letzte Reform liegt erst wenige Jahre zurück. In der Großen Koalition reformierte der damalige Bundesfinanzminister Steinbrück die gesetzlichen Regeln. Damals war das Ziel, den Übergang von Familienunternehmen zu erleichtern. Daher gab es sehr großzügige Verschonungsregeln für Betriebsvermögen. Die dadurch aufgerissenen Steuerschlupflöcher haben jedoch zur Folge, dass durch die Erbschaftsteuer nur noch sehr wenig Geld in die Staatskasse fließt. Inzwischen will Steinbrück von seiner einstigen Reform nichts mehr wissen und tritt für eine höhere Erbschaftsteuer ein.

Die Einkünfte aus der Erbschaftsteuer liegen bei etwa vier Milliarden Euro. Dies ist sehr wenig, wenn man es ins Verhältnis zu den Erbschaften setzt. Das Deutsche Institut für Altersvorsorge schätzt, dass Jahr für Jahr 260 Milliarden  vererbt oder verschenkt werden.   

Auf Dauer könnte die deutsche Politik also der Versuchung einer höheren Erbschaftsteuer erliegen. Zumal die Erbschaftsteuer in anderen Ländern wie den USA, Frankreich oder den Niederlanden viel höher ist als hierzulande. Gegenüber der Vermögensteuer hätte die Erbschaftsteuer den Vorteil, dass der Marktwert des Vermögens nicht jährlich sondern nur einmalig ermittelt werden müsste.

Ein Haus ist was Sicheres. Das kann keiner nehmen, schon gar nicht der Staat. Nicht ganz. Das Gegenteil ist der Fall. An Immobilien kommt der Staat besonders einfach heran. Hausbesitzer können sich weder verstecken, noch mit ihrer Immobilie außer Landes.

In den hochverschuldeten Euro-Staaten gehören Steuern auf Immobilien daher zum Grundrepertoire. Italien hat unter Ministerpräsident Mario Monti eine Immobiliensteuer wieder eingeführt, vergleichbar mit der deutschen Grundsteuer. Sie hat dem Staat 2012 etwa 20 Milliarden eingebracht, war aber nicht sonderlich beliebt bei den Bürger. Im Wahlkampf kündigte Silvio Berlusconi an, er werde die Steuer im Falle eines Sieges abschaffen und einen Teil der gezahlten Steuer zurückerstatten.

Auch in Griechenland gilt seit Ende 2011 eine neue Immobiliensteuer. Sie beträgt zehn Euro pro Quadratmeter und wird mit der Stromrechnung eingezogen. Zudem müssen Reiche Sondersteuern für Swimmingpools, Jachten und Luxusautos zahlen.

In Deutschland ist die Grundsteuer vergleichsweise niedrig. Aber einige Kommunen machen sich bereits an eine drastische Anhebung. Das trifft auch die Mieter, weil Vermieter diese Steuer umlegen dürfen.

Dass in extremen Situationen noch ganz andere Maßnahmen möglich sind, zeigt wiederum ein Blick in die Geschichte: Im Zuge der Währungsreform 1948 bekam jeder Immobilieneigentümer auf dem Gebiet der entstehenden Bundesrepublik eine Zwangshypothek eingetragen, die er in den kommenden Jahren abbezahlen musste. De facto handelte es sich um eine Zusatzsteuer, damit Hausbesitzer nicht als Gewinner der Währungsreform dastanden.

Keine Anlageklasse ist vor zusätzlichen Steuern sicher. Das gilt auch für die Krisenwährung Gold. Denkbar wäre etwa eine Mehrwert- oder Abgeltungsteuer für den Handel mit Münzen oder Barren. Und wenn auch das nicht hilft, gibt es immer noch die Möglichkeit, den Besitz von Gold komplett zu verbieten. Das haben in den 1930er-Jahren sogar die USA praktiziert.

Wenn der Staat trotz alledem nicht genug Leute findet, die ihm Geld leihen, kann er noch einen Schritt weiter gehen. Manchmal hilft dann auch Zwang.

Nach dem Ersten Weltkrieg experimentierte die Politik mit Zwangsanleihen. Auf dem Kapitalmarkt konnte sich das Deutsche Reich nicht mehr finanzieren, gleichzeitig musste es aber Reparationsforderungen aus dem Versailler-Vertrag bedienen. Also führte man eine Zwangsanleihe ein. Zur Zeichnung der Anleihen waren ab 1. Januar 1923 alle vermögensteuerpflichtigen Bürger mit einem Vermögen über 100.000 Mark verpflichtet. Sie mussten von den ersten 100.000 Mark ein Prozent in Anleihen tauschen, von den nächsten 150.000 Mark zwei Prozent, und so weiter. Der Höchstsatz war bei einem Vermögen von einer Million Mark und einem Satz von zehn Prozent erreicht. Die Rückzahlung sollte im Jahr 1925 erfolgen. Dazu kam es allerdings nicht, da die Anleihen durch die Hyperinflation in den ersten Jahren der Weimarer Republik vollständig entwertet wurden.

Die Idee der Zwangsanleihe ist keineswegs tot. 2012 schlug das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vor, Vermögende sollten per Gesetz zum Kauf von Staatsanleihen gezwungen werden. „Damit wäre ein wichtiger Schritt zu einer Konsolidierung der öffentlichen Haushalte getan, und wachstumsfördernde Reformen würden erleichtert“, erklärte Stefan Bach vom DIW. Das Institut rechnete aus, dass eine Abgabe von zehn Prozent auf Vermögen von über 250.000 Euro allein in Deutschland rund 230 Milliarden Euro in die Kassen des Staates spülen würde. Betroffen wären acht Prozent der Bevölkerung.

Das praktische an Zwangsanleihen: Der Staat könnte seine Bürger nicht nur zum Kauf von Schuldscheinen zwingen, sondern auch noch die Bedingungen diktieren. Der Zins der Papiere läge selbstverständlich unter dem, was auf dem Markt bezahlt werden würde.

Vor dem Bundesverfassungsgericht dürfte der Vorschlag in der aktuellen Situation kaum Bestand haben. Aber im Notfall, wenn ein Staat nicht mehr anders an Geld kommt, kann ein solches Instrument schnell wieder hervorgeholt werden.

Die Bevölkerung in den Industrieländern wird immer älter. Ihre Altersvorsorge stützt sich einerseits meist über ein umlagefinanziertes staatliches Rentensystem. Immer mehr Menschen sorgen jedoch auch privat fürs Alter vor, zum Beispiel indem sie in private Pensionsfonds einzahlen. Die Fonds verwalten riesige Vermögen. Das weckt die Begehrlichkeiten des Staates.

Besonders weit gegangen ist der argentinische Staat. In der Wirtschaftskrise Ende der Neunziger-Jahre fand die argentinische Regierung kein Mittel gegen die dramatische Verschuldung. Zunächst gab es einen Schuldenschnitt. Doch auch der löste die Probleme nicht vollständig. Im November 2008 langte die argentinische Regierung dann bei privaten Pensionskassen zu.

Im November 2008 übertrug sie kurzerhand die Guthaben der privaten Pensionskassen im Volumen von 20 Milliarden Euro an die staatliche Rentenkasse. Offiziell begründete sie den Schritt damit, dass sie die Kassen vor dem Bankrott retten wollte. Aus Sicht der Märkte ging es ihr jedoch nur um eine Sache: Sie musste unbedingt den drohenden Bankrott abwenden.

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Die Verstaatlichung privater Pensionskassen ist extrem. Der Staat kann aber auch auf subtilere Weise die Altersrücklagen der Bevölkerung anzapfen, zum Beispiel durch eine andere Besteuerung. In Deutschland werden die Einlagen zur Altersvorsorge erst rückwirkend besteuert. Das ließe sich auch wieder ändern, sofern es eine ähnliche Regelung bei Beamtenpensionen gibt. Auch die derzeit hohe finanzielle Förderung der privaten Altersvorsorge könnte eingeschränkt werden. Vielen Finanzpolitikern ist sie seit langem ein Dorn im Auge. 

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