Start-up IPlytics: Wegweiser durch den Patent-Dschungel
Samsung vs. Apple - der Streit der beiden Computer-Giganten hat den Blick für die Tragweite von Patentauseinandersetzungen geschärft.
Foto: dpaBerlin. Ein Büro, vier Leute, ein paar Rechner und ein Server – so werden im TU-Gründerzentrum in der Ackerstraße in Berlin-Mitte neue Verbindungen in der Welt der Patente geknüpft. Tim Pohlmann und seine Mitgründer haben ihr Start-up IPlytics getauft, die Symbiose aus IP (für Intellectual Properties) und Analytics. Mit ihrer Open Patents and Standards Platform (OpenPSP) wollen sie das Innovations- und Technologiemanagement von Unternehmen verbessern. Für ihre Idee wurden sie auf der diesjährigen Internationalen Funkausstellung IFA mit dem IKT-Innovativ-Preis des Bundeswirtschaftsministeriums ausgezeichnet.
Hinter OpenPSP steckt eine Suchmaschine, die auf Patente, Standards und Produkte spezialisiert ist. Sie spürt in den öffentlich zugänglichen Dokumenten von Patentämtern, Standardisierungsorganisationen und Unternehmen Informationen über bestimmte Technologien auf, analysiert sie nach vom Kunden vorgegebenen Parametern und liefert ihm Ergebnisse in Form von Übersichten, Links, Grafiken und Karten.
Software zur Patentanalyse ist nicht neu, hierfür gibt es bereits etliche leistungsstarke Programme. „Zu denen wollen wir nicht unbedingt Konkurrenz sein“, sagt Tim Pohlmann. „Wir bieten im Grunde dazu komplementäre Analysen, die über die Patente hinausgehen und auch Standards und Produkte einbeziehen, und so umfassendere Marktanalysen erlauben.“ Dadurch wird ein regelrechtes Technologie-Foresight und -Screening möglich.
Wer beispielsweise das Stichwort HEVC – High Efficiency Video Coding – eingibt, eine Technologie zur Kodierung von Videos für das Abspielen auf mobilen Geräten, findet heraus, dass es im Bereich Video-Kodierung ganz allgemein 7.300 Patente gibt von 330 Patentinhabern, davon halten 150 Inhaber 2.500 Patente speziell für HEVC. Über die Datenbank von IPlytics sind die Patentschriften und Informationen über Standards und Produkte zugänglich, die zugehörigen Firmen ersichtlich.
Auf einer Karte kann sich der Kunde anzeigen lassen, wo die Unternehmen lokalisiert sind. Daraus lassen sich wiederum potenzielle Märkte ersehen, beispielsweise eine Konzentration im asiatischen Raum oder noch ein Übergewicht in West-Europa. Zeitliche Analysen zeigen, wie sich die Anzahl der Patente im Zusammenhang mit der Technologie in den letzten Jahren entwickelt hat. So wurden nach Veröffentlichung eines Standards noch einmal mehr Patente erteilt.
Man kann sich auch berechnen lassen, wie Standards und Patente technisch zusammenhängen, wie nah beispielsweise ein Patent an einer Technologie tatsächlich dran ist. So erkennt man auch, welche Patente mehr Querschittspatente sind und welche explizit eine spezielle Technologie zum Inhalt haben.
Firmenchef Tim Pohlmann (2.v.r.) bei der Verleihung des IKT-Innovativ-Preises an IPlytics.
Foto: IPlytics„Informationen wie diese werden für Unternehmen zunehmend relevant“, sagt Tim Pohlmann. Das hat er bei der Präsentation diverser Studien und im Gespräch mit den Unternehmen festgestellt. Im Rahmen seiner Doktorarbeit hat der Ökonom unter anderem eine Studie für die Europäische Kommission erstellt, über die Trends im Zusammenspiel von Standards und Patenten.
„Das hat uns mit vielen Unternehmen in Kontakt gebracht, die sehr an derartigen Analysen interessiert waren“, so Pohlmann. „Und das hat letztlich auch den Anstoß für unsere Unternehmensgründung gegeben.“
Wer eine neue Technologie auf den Markt bringt oder ein neues Produkt entwickelt, tut gut daran, sich bei der Konkurrenz umzuschauen. Was gibt es bereits in dem Bereich, wer sind die wichtigen Player, mit wem lohnt es sich zu kooperieren, wo gibt es möglicherweise noch Marktlücken, wo gibt es Standardisierungsaktivitäten, in die es sich einzubringen lohnt? Oder wo gibt es interessante Entwicklungen in einem anderen Bereich, in die Investitionen lohnen?
Schutz vor bösen Überraschungen
„Mithilfe solcher Informationen kann man eigene Patente strategisch besser platzieren“, erläutert Pohlmann. Zum Beispiel im Rahmen eines neuen Standards. Wenn sich verschiedene Unternehmen darauf einigen, etwa LTE zum neuen Standard für eine schnellere Mobilfunkkommunikation zu machen, dann muss ein Handy-Hersteller, der diesen Standard nutzen will, später an hunderte Unternehmen Patentlizenzen zahlen. Denn hinter dem Standard LTE verbirgt sich eine komplette neue Technologie, zu der sehr viele einzelne Entwicklungen beigetragen haben.
Gelingt es einem Unternehmen also, im Rahmen dieses Standards mitzuwirken, bedeutet das eine große Reichweite seines Patentes und damit sprudelnde Einnahmen. Aber auch ein Handy-Entwickler profitiert von möglichst früher Kenntnis über die Entwicklung neuer Standards. Er kann sein Produkt rechtzeitig darauf einstellen und es wiederum selbst mit Patenten schützen lassen. Wie das Apple beispielsweise mit dem iPhone gemacht hat. Auch das verschafft einen Vorsprung.
Das frühzeitige Wissen um Patent- und Standardisierungsaktivitäten der Konkurrenz schützt auch vor bösen Überraschungen im Zusammenhang mit Patentverletzungen. Dass ein Unternehmen mit seiner Entwicklung Patente anderer verletzt, ist gerade in einer schnelllebigen und innovativen Branche wie den Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) keine Seltenheit. Das muss nicht immer wissentlich passieren, denn oft finden Innovationen parallel statt, oder Technologien werden für ein ganz anderes Anwendungsgebiet quasi nochmal neu erfunden.
Das Europäische Patentamt in München. In den öffentlich zugänglichen Dokumenten von Patentämtern, Standardisierungsorganisationen und Unternehmen suchen die IPlytics-Mitarbeiter nach relevanten Informationen.
Foto: apEs gibt aber auch wissentliche Verletzungen, die möglicherweise toleriert werden. „Da gibt es oft so eine Art Gentlemen's Agreement, wenn man gegenseitig in gewissem Rahmen Patente verletzt“, sagt Pohlmann. Beispielsweise hat Microsoft mit seiner WLAN-fähigen X-Box viele Patente von Motorola genutzt, ohne Lizenzgebühren dafür zu zahlen. Motorola selbst hat die nie eingeklagt, bis Google Motorola Mobility übernommen hat. Nun muss Microsoft hier entsprechend Strafe zahlen und Lizenzgebühren.
„So etwas kommt durch Marktverschiebungen zustande, die zurzeit in der Branche passieren“, erläutert Pohlmann. Google als reiner Software-Konzern versuche so, auch in das Hardware-Geschäft einzusteigen. „Durch diese Entwicklungen sind Patentverletzungen zu einem großen Thema geworden, mit dem sich die Unternehmen frühzeitig auseinandersetzen müssen“, sagt Pohlmann. Im Prinzip helfe es, entsprechende Rücklagen zu bilden für den Fall einer solchen Nachforderung.
Für all diese Fragen und neuen Herausforderungen will IPlytics mit seinen Analysen eine bessere Wissensgrundlage bieten. Allerdings stellt Tim Pohlmann klar: „Wir liefern keine ganz konkreten oder absoluten Aussagen wie: Euer Produkt verletzt die und die Patente oder diese Unternehmen sind Konkurrenten, jene arbeiten zusammen. Wir können nur Trends angeben, eine Art Vorsortierung.“ Die Unternehmen setzen dann Patentanwälte und Ingenieure ein, um aus diesem Material Details herauszuarbeiten. „Irgendwann braucht man eine Person, die die spezifisch technischen oder rechtlichen Aspekte beurteilt“, betont Pohlmann.
Dass eine Person das aber ganz alleine nicht schafft, hat Pohlmann gemerkt, als er erste Auftragsanalysen für Unternehmen machte. Schnell zeigte sich, dass die Datenbasis aus etwa 800 relevanten Quellen zu komplex ist, um das sinnvoll „zu Fuß“ zu machen, mit den bisherigen Programmen, die aus der ökonomischen Analyse zur Verfügung stehen. Also hat er sich Verstärkung geholt, vom Fraunhofer FOKUS in Berlin: Einen IT-Experten, der sich mit Datenbanken, Internetsuche, Textmining-Strategien auskennt.
Nicht nur öffentliche Daten werden verwertet
Gemeinsam entwickeln sie nun Software-Tools, die das Netz nach relevanten Informationen durchforsten und in einer eigenen Datenbank speichern. Dabei wird auf ein kundenfreundliches Format vereinheitlicht. „Wir verlinken auch immer wieder zu den Datenbanken zurück, das ist auch rechtlich ganz wichtig“, betont Pohlmann. Auch kopiere man nicht ganze Inhalte, sondern picke spezifische Informationen raus. Von einem Standard zum Beispiel den Abstract, die Nummer und die Organisation und die Firmen, die sich daran beteiligen.
Bei ihrer Suche und Analyse greifen sie auf bekannte Algorithmen zurück, passen diese aber an die besondere IP-Sprache an. Mittels Textmining müssen zum Beispiel auch Überbegriffe und Unterbegriffe einer Technologie gefunden und spezielle Zusammenhänge aufgedeckt werden. So gilt es beispielsweise zu unterscheiden, ob zwei in einem Dokument erwähnte Technologien aufeinander aufbauen oder in Konkurrenz zueinander stehen. Eine Bewertung erfolgt mittels statistischer Analysen, wie sie auch in der Ökonomie eingesetzt werden.
OpenPSP arbeitet aber nicht nur mit öffentlichen Daten. Die Kunden können damit vorab ihre eigenen, oft noch nicht veröffentlichten Daten aus den Innovationsabteilungen analysieren, um sich so auch besser über den eigenen Ausgangspunkt klar zu werden und herauszufiltern, was die Schlüsselbegriffe sind, nach denen dann die öffentlichen Daten durchforstet werden sollen.
Das ist alles sehr international
Wer die Plattform zur Patent- und Standardsanalyse nutzen will, kann sich – je nach Bedarf – den Zugang für einen Monat, ein Jahr oder einen längeren Zeitraum erkaufen, mit Vollzugriff oder beschränktem Abfragevolumen. Zurzeit wird IPlytics noch vom Exist-Programm des Bundeswirtschaftsministeriums gefördert. Neben den hierfür bereits erforderlichen Lead-Kunden, mit denen man auch an der weiteren Verbesserung der Software arbeitet, gibt es erste weitere zahlende Kunden.
Dazu gehören die italienische Firma Sisvel, die zwar keine Technologie selbst entwickelt aber Patente kauft und lizensiert, sowie die Technologie-Abteilung der North Western University in Chicago inklusive einer Firma. Und bezüglich einer speziellen Anwendung stehe man in Verhandlungen mit der Deutschen Telekom, berichtet Pohlmann. „Wir merken schon jetzt: Das ist alles sehr international, da braucht man gar nicht zu denken, dass man sich erst einmal in Deutschland etablieren müsste.“
Dennoch sei es natürlich nicht immer so ganz einfach, Unternehmen von dem neuen Werkzeug und seiner Qualität zu überzeugen. Verifiziert und austariert haben sie die Leistungsfähigkeit ihrer Analysen zum Beispiel durch den Vergleich mit traditionell erstellten Technologiereports. Zurzeit ist man thematisch auf den IKT-Bereich fokussiert. „Aber es gibt sicher auch Potenzial in anderen Technologien“, glaubt Tim Pohlmann. Dafür müsse man sich allerdings wieder mit den entsprechenden Fachleuten verstärken.