Brent und WTI: Vier Gründe für den Ölpreis-Crash – Kein Grund zum Aufatmen
Frankfurt. Der Preisdruck auf dem Ölmarkt hält an. Auch wenn die Sorten Brent und WTI am Donnerstag zu einer deutlichen Gegenbewegung angesetzt haben: Der jüngste Preisrückgang ist beachtlich. Seit Dienstagmorgen sind die Preise in der Spitze um sieben Prozent gefallen, am Mittwoch lagen Brent und WTI auf dem niedrigsten Stand seit Ende Juli.
Doch Analysten warnen: Der Markt sollte sich nicht zu früh an niedrige Ölpreise gewöhnen. Geopolitische Risiken und die damit verbundene Sorge vor einem Angebotsengpass hatten die Preise zuletzt angetrieben. Nun bestimmen Nachfragesorgen das Geschehen. Was den Markt derzeit bewegt:
1. Chinas Konjunktur
Chinas Wirtschaft erholt sich langsamer als erhofft: Der offizielle Einkaufsmanagerindex (PMI) fiel im Oktober unter 50 Punkte, was auf einen Rückgang der industriellen Aktivität hindeutet. Auch die chinesischen Handelsdaten verfehlten die Erwartungen. Da China der weltweit größte Ölimporteur ist, belastet das den Preis.
Zwar hat China im Oktober sieben Prozent mehr Öl importiert, das kann aber den 13-prozentigen Rückgang im September nicht kompensieren. Die Ölimporte liegen noch immer rund eine Million Barrel pro Tag unter dem Niveau vom Sommer.
2. US-Benzinnachfrage
Die US-Energiebehörde EIA prognostizierte am Mittwoch, dass der Benzinverbrauch in den USA pro Kopf im Jahr 2024 auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren sinken wird. Auch in diesem Jahr soll laut EIA die Benzinnachfrage um 300.000 Barrel pro Tag sinken. Zuvor hatte die Behörde mit einer Steigerung um rund 100.000 Barrel pro Tag gerechnet. Die zwischenzeitlich hohen Spritpreise und die Inflation führen demnach dazu, dass US-Verbraucher zunehmend auf Freizeitfahrten verzichten.
3. Hedgefonds lösen Positionen auf
Nach Ausbruch des Israelkriegs setzten Hedgefonds auf steigende Preise und gingen Long-Positionen ein. Doch bisher wirkte sich der Krieg nicht negativ auf das Ölangebot aus.
Daher lösen Hedgefonds ihre Wetten auf steigende Preise auf: In der Woche bis zum 31. Oktober verkauften sie der „Financial Times“ zufolge den Gegenwert von mehr als 70 Millionen Barrel Rohöl. Zum Vergleich: Das ist die achtfache Menge der täglichen Ölproduktion Saudi-Arabiens.
4. Ölproduktion steigt
UBS-Analyst Giovanni Staunovo hingegen führt die derzeitige Preisschwäche weniger auf Nachfrage- als auf Angebotsfaktoren zurück. Vor allem die US-amerikanische und die brasilianische Rohölproduktion seien auf ein Rekordhoch gestiegen, schreibt er in einem Marktkommentar.
Zugleich liege die iranische Rohölproduktion auf einem Fünfjahreshoch. Auch die nigerianische Produktion habe dank weniger Produktionsunterbrechungen das Niveau vom Jahresanfang erreicht, ebenso konnte der Irak wieder mehr exportieren.
Doch: Experten sind weiter skeptisch
Dennoch warnt UBS-Experte Staunovo: „Wir sehen den Ölmarkt weiterhin als unterversorgt an und erwarten, dass sinkende Ölvorräte die Preise stützen werden.“
Die UBS rechnet damit, dass der Brent-Preis wieder auf eine Preisspanne von 90 bis 100 US-Dollar pro Barrel steigt. Die globale Ölnachfrage sei insgesamt stabil, schreibt ein UBS-Analystenteam um Mark Haefele. Außerdem bestünde weiter die Möglichkeit, dass die iranische Ölproduktion wegen des Kriegs sinkt, was die Preise sogar über die 100-Dollar-Marke treiben könnte.
Erstpublikation: 09.11.2023, 15:00 Uhr.