Friederike Welter: „Das Thema Deindustrialisierung wird überbewertet“
Düsseldorf. Wie robust ist der deutsche Mittelstand? Eine Frage, die Friederike Welter regelmäßig beantwortet. Als Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung blickt sie seit Jahren auf die Resilienz der Unternehmen – und wie sie sich verändert.
Im Gespräch mit dem Handelsblatt zeichnet Welter für den Mittelstand keine Abstiegsszenarien. Vielmehr sieht sie Gründe, optimistisch zu sein.
Sie erklärt, wo es in der deutschen Wirtschaft wackelt, warum Gründen gerade jetzt eine gute Idee ist und was eigentlich aus der befürchteten Insolvenzwelle geworden ist.
Lesen Sie hier das komplette Interview:
Frau Prof. Welter, allein in der Modebranche gab es 2023 bis Anfang Dezember rund 200 Insolvenzen. Vor einem Jahr hatten Sie noch nicht mit einer Insolvenzwelle gerechnet. Sehen Sie das jetzt anders?
Nein, wir haben keine Insolvenzwelle in Deutschland – gemessen an der Entwicklung in den letzten 20 Jahren. Die Textilbranche ist besonders.
Die nächste Branche, die wackelt, ist die Baubranche…
Der Bausektor ist immer schon eine Branche mit hoher Insolvenzgefährdung gewesen. Dort fehlen Fachkräfte und die Preise sind gestiegen. Aber irgendjemand muss die grüne Transformation ausführen, und das ist auch die Baubranche. Daher rechne ich auch dort nicht mit einer Insolvenzwelle.
Vor einem Jahr sahen Sie durch den Angriffskrieg Russlands in der Ukraine das industrielle Herz des deutschen Mittelstands getroffen. Wie stark schlägt es noch?
Es schlägt ganz gut. Wir haben gerade eine Studie abgeschlossen, in der wir zeigen, dass mehr als die Hälfte – 56,6 Prozent – des deutschen Mittelstands nicht Produktion verlagern, sondern diversifizieren will.
Aber beunruhigt Sie nicht der Rest?
Ja, aber was wir auch gesehen haben: Ersatzinvestitionen werden weiter in Deutschland getätigt. Der deutsche Standort wird nicht vernachlässigt. Das Thema Deindustrialisierung wird überbewertet.
Moment mal, Sie sehen überhaupt keine Gefahr für den Industriestandort Deutschland?
Nein. Wir beobachten zwar, dass mehr Unternehmen neue – zusätzliche – Produktionsstandorte im Ausland aufbauen. Eine echte Produktionsverlagerung im großen Stil gibt es im Mittelstand aber nicht.
Und der deutsche Anteil an der Wertschöpfung der Unternehmen sinkt?
Kurzfristig sicherlich nicht. Und nah an den Absatzmärkten zu produzieren ist ja auch aus Transportgründen und im Hinblick auf die CO2-Reduktion richtig. Ich halte es für falsch, immer gleich von Deindustrialisierung zu sprechen.
„Die grüne Transformation steht allen Industriestandorten weltweit bevor“
Warum? Beispiele wie Großbritannien zeigen doch, dass es sehr schwer ist, Industrien zurückzuholen.
Das ist richtig, aber so weit sind wir nicht. Es muss doch jedem Unternehmer klar sein, dass Abwandern keine Lösung für ein Problem ist.
Es sind ja zunächst die Energiekosten, die hierzulande viele Familienunternehmer stressen…
Das mag sein, aber die grüne Transformation steht allen Industriestandorten weltweit bevor. Es besteht hierzulande gerade Unsicherheit darüber, wie schnell die Transformation von der Politik gefordert wird, was sie kostet und wie sicher die künftige Energieversorgung sein wird. Früher oder später werden alle Länder ihre Energieversorgung umstellen. Eine Verlagerung ist aber nur attraktiv, wenn das Zielland auch langfristig günstiger ist.
Bundeskanzler Olaf Scholz hat schon ein grünes Wirtschaftswunder beschworen. Glauben Sie daran, dass die deutsche Industrie einen Vorteil daraus zieht, dass sie sich früher als andere transformiert?
Wenn ich sehe, dass an der Universität Siegen, die in einer altindustriellen Region liegt, ein Start-up für Quantencomputing steht, dann wird mir nicht grundsätzlich bange, dass wir hierzulande keine Zukunftstechnologien mehr entwickeln.
Andere Studien warnen ganz konkret vor einer Deindustrialisierung…
In energieintensiven Industrien wie in der Chemie, in denen vor allem größere Konzerne aktiv sind, ist die Deindustrialisierung durchaus real. Die großen Unternehmen der Chemieindustrie haben auch die Kraft, sich zu verlagern. Viele Mittelständler können und wollen das nicht.
Wann würden Sie beginnen, sich Sorgen zu machen?
Wenn ein bestimmter Prozentsatz an Unternehmen abwandert oder schließt, mache ich mir noch keine Sorgen. Die mache ich mir erst, wenn an deren Stelle nichts Neues entsteht; dann können wir von einer Deindustrialisierung im Mittelstand sprechen.
Unternehmen erwägen inzwischen, häufiger im Ausland, vor allem in den USA in Produktionsstätten zu investieren. Alarmiert Sie das nicht?
Nein, denn dies ist in der Regel eine unternehmerische Entscheidung. Im Moment sagen nicht viele: „Ich sperre zu in Deutschland.“ Sie sagen nur: „Es lohnt sich jetzt zum Beispiel, auch in den USA zu investieren.“
Manche Ökonomen urteilen, dass man die Unternehmen ruhig ziehen lassen solle, damit hierzulande eher in saubere Zukunftstechnologien investiert wird. Teilen Sie diese Ansicht?
Ich sehe den industriellen Mittelstand nicht ziehen. Und Unternehmen, deren Geschäftsmodelle nicht mehr tragfähig sind, werden vom Markt verschwinden. Das ist normaler Strukturwandel.
Schauen wir auf den Verkauf des Kerngeschäfts von Viessmann. Hat in diesem Fall die grüne Transformation nicht ihre Kinder gefressen?
Nein, auch hier war es eine unternehmerische Entscheidung. Und ja, die grüne Transformation fordert die Unternehmen heraus, vor allem mit neuen Regulierungen – dem eigentlichen Problem.
Manche Unternehmer schauen durchaus kritisch auf den Verkauf der Kernsparte von Viessmann, es sei ein Ausverkauf. Sie auch?
Ich verstehe, dass viele Unternehmer ihre Verantwortung spüren, im Land zu bleiben. Aber: Wir überhäufen Familienunternehmen manchmal mit Erwartungen.
Was meinen Sie damit?
Von Familienunternehmen wird oft mehr erwartet als von anderen Unternehmensformen. Dabei müssen sie genauso schauen, wo ihre Zukunft liegt. Und die liegt manchmal woanders, als die Mitarbeitenden, die Region oder die Konkurrenz denkt.
Sind Unternehmensverkäufe seit dem Viessmann-Deal salonfähiger geworden?
Unternehmerische Generationen verändern sich. Die nachfolgenden Generationen trennen sich offenbar leichter…
Woran liegt das?
Die Start-up-Gründer haben es vorgemacht: gründen, verkaufen, unter Umständen im verkauften Unternehmen weiterarbeiten, erneut gründen. Und auch bei Familienunternehmen ist die Bindung der Nachfolger zwar noch da, aber sie schauen inzwischen rationaler auf die Geschäftsmodelle. Das ist durchaus gesund.
Liegt das allein an der besseren Ausbildung der Nachfolger?
Auch, aber nicht nur. Das lässt sich so nicht verallgemeinern, aber immer häufiger möchten Nachfolger auch einen Impact erzielen, also bewirken, dass das Unternehmen positiv für Menschen und Umwelt wirkt.
Sie haben errechnet, dass allein die Bürokratie auf Bundesebene im Schnitt drei Prozent des Umsatzes frisst. Da fehlt noch eine ganze Menge an Bürokratie, aus der EU oder von den Kommunen...
Der Bürokratieaufwand ist unglaublich schwer zu beziffern. Im neuen Jahr wollen wir auch die anderen Bürokratiequellen erfassen. Aber für die Bürokratiewahrnehmung der Unternehmer sind auch die psychologischen Kosten entscheidend, die man nicht messen kann.
Was ist das? Der Grad des Unmuts?
Ja. Wut, Ohnmacht und Verwirrung ist das, was uns die Unternehmer in einer aktuellen Studie nennen. Diese psychologischen Kosten wiegen viel schwerer als der Zeit- und Kostenaufwand. Wir haben aber gesehen, dass Bürokratie auch Vorteile hat.
Das erzählen Sie gern mal den Unternehmern…
Sie haben recht, die Zahl der Verdrossenen nimmt zu. Aber wir dürfen tatsächlich nicht vergessen, dass Bürokratie auch für Transparenz und Chancengleichheit sorgt.
Ein Textilunternehmen hat zum Beispiel sieben von 300 Vollzeitkräften mit dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz beschäftigt. Ist das zu viel Aufwand?
Ja. Wir brauchen ein anderes Rechtsverständnis. Die Politik kreiert Ausnahmen für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in neuen Gesetzen.
„Wir müssen weg vom Vorgeben und Kontrollieren“
Es ist doch gut, wenn die kleinen und mittleren Unternehmen Auflagen erst später erfüllen müssen als Konzerne.
Warum denkt man nicht mal von der Mehrheit der Unternehmen her? Die meisten wirtschaften doch mittelständisch. Warum geht man bei der Gesetzgebung nicht mal von den kleineren Unternehmen beziehungsweise vom Mittelstand aus – und erstellt dann für die großen Konzerne Extraregeln?
Das klingt fast zu simpel, warum macht man das nicht?
Weil das bisher nicht der Vorgehensweise in unserer bürokratischen Rechtskultur entsprach.
Was ist denn unsere Rechtskultur?
Dass jedes Gesetz mit einer Verordnung versehen wird und es Strafen bei Nichteinhaltung gibt. Also vorgeben und kontrollieren. Wir müssen weg vom Vorgeben und Kontrollieren. Bürokratie und Regulierung müssen ganz neu gedacht werden.
Und was würden Sie vorschlagen?
Dass Vorgaben auf Vertrauen basieren. Nicht alles regeln wollen. „Schwarze Schafe“ müssen natürlich weiterhin sanktioniert werden. Aber eine Rechtskultur bekommt man nicht so schnell gedreht.
Können Sie die vertrauensbasierte Rechtskultur mal skizzieren?
Hierzulande geht man davon aus, dass die Unternehmen nichts tun, wenn sie nicht gezwungen werden. Deshalb führt man eine Berichtspflicht ein. Würde man es umdrehen oder einen Mittelweg finden, würde die Politik die Unternehmen fragen: Wir wollen grüner wirtschaften, wie könnt ihr das am besten umsetzen?
Aber das hat ja noch nie wirklich funktioniert mit den Selbstverpflichtungen…
Das sehe ich anders, viele Mittelständler führen schon vieles ein, ohne dass sie bereits gezwungen werden. Da könnte man mehr Vertrauen zeigen.
Viele Unternehmen haben sich vor dem Angriffskrieg Russlands in der Ukraine ohne Druck nicht um Energiefragen gekümmert…
Ja, man müsste mit den Unternehmen in die Diskussion gehen: Entweder kommt noch eine Vorgabe obendrauf, oder ihr zeigt uns, dass ihr euch selbst verpflichtet.
„Viele Unternehmen nehmen Stillstand wahr, obwohl etwas verbessert wird.“
Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klima (BMWK) fragt die Unternehmen immer wieder, wo die größten bürokratischen Hürden liegen. Aber die Unternehmen spüren keine Veränderung...
Das BMWK initiiert seit Kurzem Praxischecks, um zu identifizieren, wo es hakt. Aber es profitieren nicht immer alle Unternehmen sofort davon. Deswegen nehmen viele Unternehmer Stillstand wahr, obwohl etwas verbessert wird.
Was sollte Unternehmerinnen und Unternehmer noch motivieren, hier ein Unternehmen zu führen, zu übernehmen oder zu gründen?
Es ist sicherlich für manche gerade jetzt besonders spannend, die grüne und soziale Transformation mitgestalten zu können.
Sie sehen für Unternehmer derzeit ein unbearbeitetes Feld?
Transformation wird oft als Muss wahrgenommen. Transformation ist aber auch eine Riesenchance.
Durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts und die neuen Haushaltsregeln der Bundesregierung sind die Rahmenbedingungen für Unternehmer noch unklarer geworden. Was empfehlen Sie denen?
Die Rahmenbedingungen sind durch das Urteil und dessen Umsetzung bislang nicht verändert worden. Beschnitten werden dagegen Unterstützungsprogramme.
Unterstützungsprogramme sind keine Rahmenbedingungen?
Nein. Die Regierung könnte aber genauso gut Bürokratie abbauen, statt Unternehmen zu unterstützen, das hätte den gleichen Effekt.
Geht es konkreter?
Ja, zum Beispiel: Was können wir aus der Ansiedlung von Tesla lernen, statt nur Subventionen zu geben? Viel sinnvoller ist es auch, die Nachfrage nach nachhaltigen Produkten zu erhöhen und die beste Technologie in Deutschland im (internationalen) Wettbewerb durchsetzen zu lassen.
Wie soll das gehen?
Die Bundesregierung hat ja infolge des Urteils die CO2-Preise erhöht, das ist ein Anfang.
Sie beklagen, dass die EU-Taxonomie zwar gut für Anleger, aber schlecht für mittelständische Unternehmen ist, weil sie Kredite an Nachhaltigkeitskriterien kettet. Was ist daran falsch?
Einfach gesagt: Eigentlich sind in den Nachhaltigkeitsberichtspflichten der Kreditinstitute Kredite von KMU, die ja nicht unter die EU-Taxonomie fallen, ausgenommen. Im Ergebnis aber gelten sie als „nicht nachhaltig“ in den Kreditportfolios der Banken. So haben die Sparkassen und Genossenschaftsbanken Nachteile, weil sie so viele KMU-Kredite vergeben. Für die Mittelständler wäre es wichtig, dass es einheitliche KMU-Berichtsstandards für Banken gibt. Wer sich nachhaltig transformiert, sollte leichter Kredite bekommen.
Rechnen Sie damit, dass viele Unternehmen aufgeben, weil sie die grüne Transformation nicht schaffen?
Ich warne davor, den Mittelstand als hilfsbedürftig anzusehen, der nicht mit den Transformationen umgehen kann. Aber klar ist auch: Wer die grüne Transformation mit seinem Geschäftsmodell nicht schafft, wird sein Unternehmen auch nicht mehr verkaufen können.
Wird der deutsche Mittelstand schrumpfen infolge der grünen Transformation?
Das glaube ich nicht, aber er wird sich stark verändern. Genau darin liegt auch eine Stärke des Mittelstands in Deutschland.
Schauen wir ins Land, werden sich die industriellen Regionen durch die grüne Transformation verschieben?
Cluster werden sich verändern, unter Umständen werden manche Regionen auch eine andere Industrie haben als heute.
Die Schwarz-Gruppe, Deutschlands größter Einzelhändler, installiert in Heilbronn gerade ein KI-Cluster, meinen Sie so etwas?
Ja, zum Beispiel, aber auch die Tesla-Ansiedlung in Brandenburg. Die Frage ist ja: Ist hier nur eine Subvention an Tesla geflossen, oder entsteht dort mehr Unternehmertum drum herum?
Die deutsche Autoindustrie inklusive der Zulieferer ist die wichtigste hierzulande. Wie wichtig wird sie in zehn Jahren sein?
Ich hoffe, dass sie eine gewisse Wichtigkeit behält. Die Autoindustrie ist schließlich ein Anker für den deutschen Mittelstand.
Frau Welter, vielen Dank für das Interview.