Kommentar: Beauty and the KI-Beast

Spätestens seit Heidi Klum 2022 kurvige und ältere Models bei ihrer TV-Castingshow „Germanys Next Topmodel“ zugelassen hat, schien es so, als wären die klassischen Schönheitsideale endgültig überholt. Der Trend der Stunde hieß „Natürlichkeit“ – weniger Schminke und keine Verurteilung mehr für unreine Haut oder sprödes Haar.
Doch jetzt hat L’Oréal auf der Technikmesse CES in Las Vegas seine generative Schönheits-KI „Beauty Genius“ vorgestellt. Der KI-Chatbot kombiniert Beautytipps über „alle Schönheitskategorien“, um Kunden die ideale Frisur, die optimale Hautpflege oder das passende Styling zu empfehlen. Das Versprechen: perfekte Haut, perfektes Haar, perfekte Figur.
L’Oréal ist nicht das einzige Unternehmen, das Kunden Schönheits- oder Stilempfehlungen mithilfe von KI gibt. Das britische Start-up Blend will Kundinnen dabei helfen, ihren individuellen Kleidungsstil zu finden.
Für die Emanzipation bedeutet das einen Rückschritt. Denn wie wir wissen, sind Empfehlungen von KI nicht so einzigartig, wie sie scheinen – sondern berechnete Wahrscheinlichkeiten. KI nährt ihre Vorstellung von Schönheitsidealen und Trends aus der Mehrheitsmeinung der Menschen. So könnten uns zukünftig eher Einheitsfrisuren drohen als einzigartige Stile. Wenn alles perfekt ist, ist kein Platz mehr für Individualität.
Das weiß ganz sicher auch der L’Oréal-CEO Nicholas Hieronimus, der in Las Vegas das Gegenteil suggerierte. Er versprach bei der Vorstellung, dass die KI jeden Nutzer individuell beraten soll und „jeden Einzelnen befähigen soll auszudrücken, wer er ist“. Hieronimus spricht von einer „bahnbrechenden Innovation“.
Der „Beauty Genius“ als Marketinggag
Das jedoch ist nicht mehr als ein Marketinggag. Denn der einzige Weg zur KI-bestimmten Perfektion führt über den Gebrauch diverser L’Oréal-Produkte.
Damit ist der „Beauty Genius“ nichts weiter als der nächste Versuch, das milliardenschwere Geschäft mit der Schönheit auf die Spitze zu treiben – zulasten der Fortschritte, für die Frauen seit Jahrhunderten gekämpft haben.
Die Krux: Rein technisch wäre es möglich, eine generative KI so für Menschen zu trainieren, dass sie als individueller Schönheitsberater arbeiten kann. Dafür bräuchte der „Beauty Genius“ aber nicht nur ein Bild des Kunden, sondern direkt ein ganzes Fotoalbum – und selbst das wäre wohl noch nicht genug, um der KI den Stil und die Vorlieben des Kunden beizubringen.
Also heißt es bald wohl wieder: Einheitsbrei anstelle von Individualismus, Magerwahn statt Wohlfühlgewicht und Make-up-Maske statt Lachfalten.
Für diese Schönheitsideale brauchte es in den 90ern und 2000ern jedoch keine KI. Sie wurden schon damals von den Kosmetikkonzernen L’Oréal und Maybelline oder der Model-Ikone Heidi Klum und dem Jugendmagazin „Bravo“ diktiert.