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AusbildungWie steht es um Deutschlands Berufsschulen?

Die Berufsschulen sollen die Innovationsfähigkeit des Standorts Deutschland sichern. Dabei kämpfen sie selbst mit vielen Problemen. Helfen soll ein neuer Pakt – allerdings ohne zusätzliches Geld.Barbara Gillmann 31.01.2024 - 10:14 Uhr
Berufsschule: Altes Equipment, alte Lehrer. Foto: Imago/Westend61

Berlin. Seit Jahren diskutiert, von der Ampel versprochen, im Frühsommer soll er nun Realität werden: der bundesweite Pakt für die beruflichen Schulen. Die Ambitionen sind enorm. Das neue Bündnis soll die „hochkarätige Qualifikationsbasis“ für Wirtschaftskraft und Innovationsfähigkeit Deutschlands sichern, schreiben  Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) und die  Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Saarlands Schulministerin Christine Streichert-Clivot (SPD), zu den Eckpunkten des Pakts, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegen.

Ziel ist eine „Lerninfrastruktur auf höchstem pädagogischem, didaktischem und technologischem Niveau“. Es geht um die große Masse der Jugendlichen, denn Berufsschüler stellen zwei Drittel aller Schüler – ein Drittel macht sich auf den Weg zum Abitur.    

Die Eckpunkte sehen ein neues Gremium vor, in dem die für Berufsschulen zuständigen Organisationen vertreten sind. Diese reichen von der Politik über Wirtschaft und Gewerkschaften bis zu den Berufsschullehrern und den Kommunen, angeführt von Kultusministerkonferenz und Bundesbildungsministerium.

Kein zusätzliches Geld für Deutschlands Berufsschulen

Dieser Fachbeirat soll Lösungen suchen – und so die Qualität der Berufsschulen steigern. Themen sind etwa Digitalisierung, Ausbildung von Fachkräften und die Gewinnung von Lehrkräften. Zusätzliches Geld vom Bund ist nicht vorgesehen.

Der Pakt soll die generelle Misere der Berufsschulen angehen. Die Zahl der neuen Lehrverträge ist seit 2007 von 626.000 auf knapp 490.000 im vergangenen Jahr gesunken. Jede siebte Lehrstelle blieb unbesetzt – obwohl gleichzeitig 240.000 jungen Menschen an Qualifizierungskursen der Berufsschulen teilnehmen und die Zahl der Ungelernten zwischen 20 und 35 Jahren zuletzt die Rekordmarke von 2,6 Millionen Menschen überschritten hat.

Das ist es nicht allein: Die deutschen Schüler haben im jüngsten Pisa-Test so schlecht abgeschnitten wie nie. Die Digitalisierung der Schulen hinkt weit hinterher, die Fortsetzung des auslaufenden Digitalpaktes  kommt frühestens 2025. Und von den Kindergärten bis zu den Gymnasien und Berufsschulen fehlen Zehntausende Betreuer und Lehrkräfte - Tendenz steigend.  

Schweiz top, Deutschland zurückgefallen

Zurück zur Ausbildung: Jahrzehntelang galt die deutsche duale Ausbildung als Exportschlager - heute ist ihr Nimbus verblasst, vor allem im Vergleich mit der Schweiz. Nach den Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) liegt der Anteil der Azubis an allen Erwerbstätigen hierzulande mittlerweile bei nur noch drei Prozent - vor 20 Jahren war er mit 4,5 Prozent anderthalbmal so groß. In der Schweiz hingegen sind es noch immer rund 4,2 Prozent. 

Frankreich - früher in der Berufsausbildung weit abgeschlagen - hat in wenigen Jahren immerhin das heutige deutsche Niveau erreicht. Das sei durch leichtere Zulassung und steuerliche Vorteile für Ausbildungsbetriebe erreicht worden, schreiben die Experten des BIBB.  

DGB: Es droht wertvolle Zeit verloren zu gehen

Vielleicht hielt die miserable Gesamtlage das Bildungsministerium davon ab, die Eckpunkte für den Berufsschulpakt zu veröffentlichen. Die informierten Verbände sind jedenfalls nicht begeistert - vor allem, weil der Bund offenbar keinen Euro für die Berufsschulen übrig hat. 

„Statt einer echten Stärkung und Modernisierung der beruflichen Schulen wie im Koalitionsvertrag angekündigt, droht nun weiter kostbare Zeit verloren zu gehen“, kritisiert die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack. Nötig seien vor allem „klare Zusagen zu Investitionen“ und schnelle Verhandlungen von Bund und Ländern, stattdessen „kommt ein neues Format zum Austausch über längst bekannte Probleme – wir bedauern das sehr".

In der Tat will Stark-Watzinger im neuen Gremium zwar alle entscheidenden Player zusammenbringen, die dann gemeinsame Schwerpunkte festlegen sollen. Nach den Eckpunkten will sich der Bund jedoch weitgehend heraushalten: Die „übergeordnete Verantwortung für berufliche Schulen und deren Finanzierung“ liege nach den föderalen Regeln bei den Ländern, die daher die Federführung übernähmen. Der Bund werde dann „im Rahmen seiner Zuständigkeit eigene Vorhaben  einbringen“, heißt es vage. 

DIHK: Reden allein reicht nicht

Die Wirtschaft werde sich natürlich gern in den geplanten Fachbeirat des Paktes einbringen - wichtig sei, dass der „nun endlich startet“, sagte der Vize-Hauptgeschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), Achim Dercks, dem Handelsblatt. „Allerdings werden Austauschformate allein, wie sie die Eckpunkte ankündigen, aus unserer Sicht nicht ausreichen.“ Die Berufsschulen benötigten eine gute und moderne Ausstattung der Schulgebäude mit einer verlässlichen IT-Infrastruktur, modernen Lernmedien sowie ausreichend und gut qualifizierten Lehrkräften.

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Die Herausforderungen für die Berufsschulen sind enorm: Einerseits ist ihre Klientel besonders heterogen, reicht von schlecht Deutsch sprechenden Flüchtlingen bis zu Studienabbrechern. Dazu sind die Berufsschulen auch für das Übergangssystem zuständig, also für die diversen Kurse wie etwa das Berufsvorbereitungsjahr, in denen zuletzt 240.000 Jugendliche saßen, die es noch nicht in eine Lehre geschafft hatten. Die technische Ausstattung ist teils veraltet, und die Hälfte der Berufsschullehrer ist über 50. 

Erstpublikation: 29.01.2024, 11:28 Uhr.

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