Fachkräftemangel: Experten fordern Mindestgehalt für duales Studium
Berlin. Der Positivtrend für das duale Studium setzt sich weiter fort: Die Zahl der Studierenden erreichte 2022 die Marke von fast 140.000 – so viele wie nie zuvor. Die Zahl der Erstsemester stieg sogar auf 45.000. Das geht aus einer Analyse des CHE Centrum für Hochschulentwicklung hervor. Duale Studiengänge gibt es vor allem für Ingenieure und in den Wirtschaftsfächern, aber etwa auch in den Gesundheitswissenschaften.
Dennoch kommt das duale Studium nicht aus seiner Nische heraus: Gemessen an der Gesamtzahl der Studierenden sind es erst knapp fünf Prozent.
Es könnte viel mehr sein, denn „seit langem übersteigt die Nachfrage nach einem dualen Studienplatz das konkrete Angebot“, sagt Sigrun Nickel, Leiterin Hochschulforschung beim CHE. Sie fordert daher, dass Hochschulen und Unternehmen – gerade mit Blick auf den Fachkräftemangel – mehr Angebote machen.
Bisher konzentrieren sich diese auf wenige Bundesländer: Die meisten Studenten, rund 34.000. Mit deutlichem Abstand folgen Nordrhein-Westfalen und Bayern mit 22.000 und 12.000 Studierenden. Einen hohen Anteil gibt es daneben im Saarland und Sachsen-Anhalt.
Anderswo ist das duale Studium fast nicht existent. Und das obwohl es bei den Arbeitgebern seit Jahren als „Erfolgsmodell“ gilt – auch weil die Abbruchquoten dort mit rund sieben Prozent minimal und die Übernahmequoten sehr hoch sind.
Große Spanne bei der Vergütung
Damit das anders wird, fordert das CHE vor allem eine Mindestvergütung für die dualen Studierenden wie es sie ähnlich inzwischen auch bei den Auszubildenden gibt. „Bund und Länder sollten in Übereinstimmung mit Unternehmen und Sozialpartnern durch die Festlegung einer Mindestvergütung dafür Sorge tragen, dass die im dualen Studium geleistete Arbeit auch angemessen vergütet wird“, sagt Nickel.
Rückenwind kommt vom Stifterverband, der Organisation der Wirtschaft für die Wissenschaft: Eine Mindestvergütung für dual Studierende würde zu mehr Chancengerechtigkeit beitragen, sagte dessen Hochschulexpertin Bettina Jorzik. Der Stifterverband unterstütze entsprechende Forderungen daher.
Bisher ist die Spanne bei der Vergütung enorm: Sie reicht nach einer früheren CHE-Studie von Null bis zu mehr als 1200 Euro monatlich. Einige wenige Prozent erhalten weniger als 600 Euro von ihren Unternehmen. Das ist durchaus relevant, denn Bafög erhält nur noch rund jeder sechste Studierende. Jeweils rund 40 Prozent bekommen allerdings 600 bis 900 oder 900 bis 1200 Euro. Bei 17 Prozent sind es mehr als 1200 Euro im Monat.
Bis 2030 solle sich die Zahl der dual Studierenden möglichst verdoppeln, wünscht sich auch die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände. Diese Studiengänge seien ein „wichtiger Baustein für eine innovative und nachhaltige Personalpolitik“. Dazu müsse aber das Fachspektrum über Wirtschaftswissenschaften, Ingenieurwissenschaften und Informatik hinaus erweitert werden und es dürfe keine weiteren Regulierungen geben.
Das bezieht sich vor allem auf Forderungen, die Ausbildungsleistung der Betriebe zu normieren oder zu vereinheitlichen. So hatte das CHE schon früher eine Qualitätssicherung der betrieblichen Seite gefordert. Auch der Stifterverband hatte eine grundlegende Reform angemahnt. Regulierung – auch beim Gehalt – lehnen die Arbeitgeber jedoch bisher strikt ab.
Nur wenige duale Studierende an Universitäten
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) dagegen wünscht sich eine bessere Verzahnung von Theorie und Praxis. Das würde auch das Vertrauen der Firmen erhöhen, „dass duale Absolventen über die relevanten Kompetenzen verfügen“. Das Handwerk drängt ebenfalls auf einheitliche Regeln, das aktuell herrschende Durcheinander sei „gerade für Klein- und Kleinstbetriebe auf Landesebene häufig unübersichtlich und schwer zu durchdringen“ hieß es zuletzt von Branchenvertretern.
Der Stifterverband appelliert vor allem an die Universitäten, ihre „Berührungsängste aufzugeben und duale Studiengänge einzurichten“, sagte Jorzik. Bisher entfallen lediglich knapp zwei Prozent der dualen Studierenden auf die Universitäten, die große Masse lernt an Fachhochschulen. „Deutliche Signale aus der Politik, etwa durch entsprechende Zielvereinbarungen mit den Universitäten, könnten dort den notwendigen Ausbauprozess unterstützen“, sagte sie.
Das Bundesbildungsministerium hält sich bei dem Thema bedeckt. Es gebe „keine übergeordneten Handlungsbedarf“, sagte eine Sprecherin.