Kommentar: Deutschland braucht ein Unternehmen wie Wintershall

Die Entscheidung der Bundesregierung, den Verkauf des einzigen deutschen Öl- und Gasförderers intensiv zu prüfen, ist richtig. Der Chemiekonzern BASF will das operative Geschäft seines Tochterunternehmens Wintershall Dea an den britischen Ölkonzern Harbour Energy veräußern.
BASF möchte sich zwar anschließend an Harbour beteiligen. Trotzdem würde mit der Transaktion wichtiges technologisches Wissen künftig einem Nicht-EU-Unternehmen gehören. Der Umgang mit Öl und Gas ist eine strategisch bedeutsame Fähigkeit. Solche Leistungen sollte sich die Bundesregierung nicht im Ausland einkaufen müssen. Den Deal sollte sie darum nicht leichtfertig durchwinken.
Nun könnte man fragen, was Deutschland noch mit einem fossilen Öl- und Gasunternehmen anfangen will, wo diese Brennstoffe in einer klimaneutralen Zukunft ohnehin keine große Rolle mehr spielen sollen. Doch die Lage ist komplexer.
Die aktuelle Bundesregierung agiert seit ihrem Bestehen hauptsächlich im Krisenmodus. Die Grünen traten mit dem Ziel in die Koalition ein, schnell etwas gegen die Klimakrise zu tun – die Koalition musste sich dann aber erst einmal um die Aufrechterhaltung der Energieversorgung und die Unterstützung der Ukraine kümmern.
Die Energiekrise ließ Öl und Gas wieder wichtig werden und erhöhte den Anreiz, dafür neue Infrastrukturen zu schaffen. Die Heizungsdebatte machte deutlich, dass Deutschland sich trotz allem nicht so schnell vom Erdgas verabschieden wird, wie es für das Erreichen der Klimaziele eigentlich notwendig wäre. Und die Haushaltskrise verringerte dann noch den finanziellen Spielraum für Investitionen in den Klimaschutz.
In all diesen Krisen hat die Bundesregierung viel reagiert, statt vorausschauend zu agieren. Sie musste in Höchstgeschwindigkeit mit einer Reihe von Fehlentwicklungen umgehen, die vor ihrer Zeit in Deutschland entstanden sind. Jetzt aber ist es an der Zeit, neue Fehlentwicklungen zu vermeiden. Und deshalb ist der Wintershall-Deal so wichtig.
Die Energiekrise hat gezeigt, wie schmerzhaft die Abhängigkeit von anderen Ländern sein kann
Zum einen ist es nun einmal Realität, dass Öl und Gas noch auf Jahre eine Rolle spielen werden, auch in Deutschland. Da ist es besser, selbst über Wissen in diesem Bereich zu verfügen. Auch wem es auf hohe Umweltstandards bei der Förderung ankommt, überlässt das schmutzige Geschäft besser nicht anderen Ländern.
Zum anderen hat sich Wintershall in den vergangenen Jahren notgedrungen auch Zukunftstechnologien zugewandt. Vor allem die Speicherung von CO2, Carbon Capture and Storage (CCS), spielt für das Unternehmen eine wichtige Rolle. Die Zeiten, in denen die Weltgemeinschaft die Klimakrise ohne die Einspeicherung von CO2 hätte stoppen können, sind leider vorbei. Es ist zu spät, um auf diese Technologie zu verzichten.
Wintershall ist beim Wissen um CCS in Deutschland Vorreiter. So ist das Unternehmen zum Beispiel am dänischen Greensand-Projekt beteiligt. Dieses soll CO2 aus Industrieprozessen einfangen, transportieren und im Meeresboden unter der dänischen Nordsee speichern. Die Notwendigkeit, zumindest bei einigen industriellen Prozessen CCS anzuwenden, verschwindet nicht, wenn Deutschland entsprechende Unternehmen loswird.
Die Energiekrise hat gezeigt, wie schmerzhaft die Abhängigkeit von anderen Ländern sein kann: Das wurde deutlich bei den Gasimporten aus Russland und beim Mangel an eigenen Terminals für den Import von Flüssigerdgas. Es ist an der Zeit, aus dieser Erfahrung zu lernen.