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VerbraucherpreiseInflation sinkt deutlich – Ökonomen warnen vor schnellen Schlüssen

Der Anstieg der Verbraucherpreise hat sich zu Jahresbeginn deutlich abgeschwächt. Experten rechnen aber von nun an mit einem anderen Tempo.Stefan Reccius, Charlotte Raskopf, Julian Olk 31.01.2024 - 14:20 Uhr aktualisiert
Im Laufe dieses Jahres erwarten Ökonomen und Forscher eine deutliche Abschwächung der Inflation. Foto: dpa

Frankfurt. Es ist die niedrigste Inflationsrate seit zweieinhalb Jahren – dennoch warnen Experten vor verfrühter Entwarnung: In Deutschland sind die Preise für Waren und Dienstleistungen im Januar auf Jahressicht nur noch um 2,9 Prozent gestiegen. Das zeigt die Schnellschätzung durch das Statistische Bundesamt.

So niedrig war die Inflationsrate zuletzt im Juni 2021. Der anschließende Teuerungsschub auf bis zu 10,6 Prozent zwang die Europäische Zentralbank (EZB) zu zehn Zinserhöhungen. Dass die Inflation nun weiter abzukühlen scheint, dürfte Erwartungen an eine baldige Zinssenkung schüren.

Ökonomen halten solch vorschnelle Schlüsse allerdings für trügerisch. Die verbreitete Auffassung: Unter der Oberfläche gärt die Inflation weiter. Es gebe „immer noch genügend Anzeichen für Preisdruck, um sich zu sorgen“, warnt beispielsweise Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der niederländischen Bank ING.

Im Dezember war die Inflationsrate noch um einen halben Prozentpunkt auf 3,7 Prozent gestiegen. Das hatte im Wesentlichen statistische Gründe. Auch diesmal schlagen die Energiepreise aus, allerdings in die umgekehrte Richtung.

Demgegenüber fiel eine Reihe staatlich getriebener Preiserhöhungen zum Jahreswechsel nicht so stark ins Gewicht: Die Mehrwertsteuer in der Gastronomie ist von sieben auf 19 Prozent gestiegen und der CO2-Preis von 30 auf 45 Euro pro Tonne. Preisbremsen für Energieprodukte sind weggefallen.

Kerninflation sinkt kaum

„Auch der Preisauftrieb bei Nahrungsmitteln fiel geringer aus“, beobachtet Christoph Swonke, Konjunkturanalyst der DZ Bank. In Summe bedeutet all das: Die Inflationsrate ist etwas stärker gesunken, als Ökonomen prognostiziert hatten.

Zwei Werte lassen jedoch auf nach wie vor beträchtlichen Preisdruck schließen: Im Monatsvergleich zu Dezember sind die Verbraucherpreise um 0,2 Prozent gestiegen. Und die Kerninflation unter Ausschluss von Energie und Nahrungsmitteln ist lediglich minimal auf 3,4 Prozent zurückgegangen.

Finanzexperte Friedrich Heinemann findet den Start ins Jahr ermutigend. „Dennoch ist die Gefahr für einen Rückschlag bei der Inflation noch nicht gebannt“, schränkt der Wissenschaftler des Forschungszentrums ZEW ein. „Darauf weisen die aggressiven Tarifauseinandersetzungen hin.“

Tarifverhandlungen rücken in den Fokus

Am Dienstag hat die Chemiegewerkschaft IG BCE erste Lohnforderungen gestellt. Sie will für 585.000 Beschäftigte sechs bis sieben Prozent mehr aushandeln. Im Juni läuft der Tarifabschluss von Oktober 2022 aus. Seitdem gab es in zwei Stufen je 3,25 Prozent mehr Lohn plus 3000 Euro Inflationsprämie, für die keine Steuern und Abgaben fällig sind.

IG-BCE-Tarifvorstand Oliver Heinrich begründet die Forderung damit, dass die Inflation die Erhöhungen aufgefressen habe: „Die Wirkung der Prämie ist inzwischen verpufft.“ Die EZB schenkt der Lohnentwicklung derzeit besondere Beachtung. Lohnzuwächse über drei Prozent gelten als nicht vereinbar mit dem Inflationsziel von zwei Prozent.

Vor diesem Hintergrund versprechen die Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie mit 3,6 Millionen Beschäftigten Hochspannung. Sie stehen in wenigen Monaten an, der derzeitige Tarifvertrag läuft im September aus. Die Metaller haben die auf 3000 Euro gedeckelte Inflationsprämie ebenfalls bereits vollständig in Anspruch genommen. Das wird absehbar zu Forderungen nach deutlichen Tariferhöhungen führen.

Bundesbank-Chef Nagel zuversichtlich

Ökonomen und Notenbanker erwarten, dass sich die Inflation im laufenden Jahr entscheidend abschwächt. Das Ifo-Institut etwa rechnet für 2024 nur noch mit einer Teuerungsrate von 2,2 Prozent. Es sind aber auch pessimistischere Prognosen im Umlauf. 2023 waren die Preise noch um durchschnittlich 5,9 Prozent gestiegen.

Bundesbankchef Joachim Nagel sagte am Dienstag bei einer Veranstaltung in Berlin mit Blick auf die Inflation: Er sei „überzeugt, dass wir das gierige Biest gezähmt haben“. Die Richtung stimme absolut, erklärte Nagel. „Ich bin davon überzeugt, dass wir 2025 sehr, sehr nah an das Inflationsziel von zwei Prozent kommen werden.“

Jetzt bin ich davon überzeugt, dass wir das gierige Biest gezähmt haben.
Joachim Nagel
Bundesbank-Präsident

Auch EZB-Chefin Christine Lagarde sieht die Notenbank auf dem richtigen Weg. „Aber wir müssen in dem Prozess weiter vorankommen“, sagte sie in einem Interview. „Wir sind noch nicht am Ziel.“

Für die kommenden Monate erwartet Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser, dass die Inflation zunächst „nur langsam sinken“ wird. Der Grund: Vor allem konsumnahe Dienstleister beabsichtigen einer monatlichen Ifo-Umfrage zufolge verstärkt, ihre Preise zu erhöhen. Nach wie vor plant eine deutliche Mehrheit der Firmen Preiserhöhungen. Im Einzelhandel sind es zuletzt etwas weniger geworden.

Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der Förderbank KfW, sagt: „Die konjunkturelle Schwäche beschneidet derzeit die Preiserhöhungsspielräume der Unternehmen.“ Lagarde sieht neben den Lohnverhandlungen in den Margen der Unternehmen einen wichtigen Anhaltspunkt, wie sich die Inflation entwickelt. Das hatte sie nach der jüngsten Zinssitzung gesagt.

Aus anderen großen Euro-Volkswirtschaften erhält die EZB gemischte Signale. In Frankreich ist die Inflation im Januar auf 3,4 Prozent gefallen. Das ist der niedrigste Stand seit zwei Jahren. Der Rückgang von zuvor 4,1 Prozent im Dezember ist ausgeprägter als erwartet.

Anders in Spanien: Dort ist die Inflation im Januar nicht wie erwartet gesunken, sondern von 3,3 auf 3,5 Prozent gestiegen. Die Hauptursache liegt laut nationalem Statistikamt in gestiegenen Strompreisen. Die Werte aus Deutschland, Frankreich und Spanien fließen in der Inflationsrate für die Euro-Zone zusammen.

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Maßgeblich dafür ist die EU-weit einheitliche Rechnung, der sogenannte Harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI). Die Inflation gemäß HVPI ist hierzulande nicht ganz so stark gefallen wie nach nationaler Rechnung: Die Teuerungsrate gemäß HVPI liegt laut Statistischem Bundesamt jetzt bei 3,1 Prozent. Im Dezember waren es 3,8 Prozent.

Eine Schnellschätzung für den gesamten Euro-Raum veröffentlicht die Behörde Eurostat diesen Donnerstag. Die Inflationsraten für Januar und Februar gelten als besonders bedeutsam, wenn es um den Start der Zinswende geht. ING-Chefvolkswirt Brzeski sieht nach wie vor „klare Argumente gegen vorschnelle Zinssenkungen“.

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