Türkei: Der aussichtslose Kampf gegen die Inflation
Für Unsicherheit sorgt auch der Rücktritt von Notenbankchefin Hafize Gaye Erkan. Die 44-jährige frühere US-Bankerin hat am Freitag vergangener Woche überraschend ihr Amt niedergelegt. In türkischen Medien hatte es Korruptionsvorwürfe gegen sie gegeben. Erkan selbst spricht von einer Rufmordkampagne und davon, ihre Familie schützen zu wollen.
Unter der Führung Erkans hatte die Notenbank den Leitzins von 8,5 auf 45 Prozent angehoben. Staatschef Recep Tayyip Erdogan ließ ihr dabei seit seiner Wiederwahl im Juni 2023 offenkundig freiere Hand als ihren Vorgängern. Jahrelang bestand Erdogan auf niedrige Zinsen, obwohl die Inflation zeitweise über 80 Prozent stieg.
Wie dramatisch die Lage ist, zeigen auch persönliche Lebensumstände der Ex-Notenbankerin: Sie war wegen der stark gestiegenen Mieten in Istanbul mit ihrer Familie wieder bei ihren Eltern eingezogen, sagte Erkan der türkischen Zeitung „Hürriyet“ vor einiger Zeit in einem Interview.
Türkei: Zweifel an offiziellen Inflationsdaten
Beobachter sehen in den Preisdaten aus Istanbul Anhaltspunkte, dass mit den Zahlen des Statistikamts Turkstat etwas nicht stimmt. Die Handelskammer Istanbul veröffentlicht einen Index zu den Konsumentenpreisen in der Metropole. Daran fällt auf, dass die Verbraucherpreise in Istanbul seit einiger Zeit noch stärker steigen, als die offiziell veröffentlichte Inflationsrate vermuten lässt.
Commerzbank-Analyst Tatha Ghose sieht in solchen Abweichungen das Risiko, „dass die Geldpolitik am Ende noch viel weiter gehen muss, bevor die Inflation sichtbar zurückgeht“. Der neue Notenbankchef Fatih Karahan hat sogleich beteuert: „Wir sind bereit zu handeln, falls sich die Inflationsaussichten verschlechtern.“ Auch Finanzminister Mehmet Şimşek versuchte, nach dem Rücktritt der Notenbankchefin die Märkte zu beruhigen.
Lira auf neuem Rekordtief
Die Lira werde „ihr Trauma nicht los“, kommentiert Sandra Striffler, Analystin der DZ Bank, vor dem Hintergrund des neuerlichen Wechsels. Der Wechselkurs der Lira ist auf ein neues Rekordtief abgestürzt. Inzwischen werden für einen Dollar mehr als 30 Lira fällig. Im Herbst 2021 waren es noch weniger als zehn Lira. Die Lira hat also seitdem zwei Drittel an Wert verloren.
Die Notenbank hat das billigend in Kauf genommen, mit gravierenderen Folgen: Türken können sich im Ausland viel weniger leisten als früher. Türkische Unternehmen müssen viel höhere Kosten für Importe wie Materialien und Energie in Kauf nehmen. Es gibt aber auch Profiteure, zum Beispiel den Tourismus: Für Urlauber aus dem Ausland ist es günstiger geworden, in die Türkei zu reisen.
Ohne Fortschritte im Kampf gegen die Inflation blieben die finanziellen Risiken hoch, sagt Thomas Gillet, Analyst der Ratingagentur Scope. „Dies liegt auch daran, dass die türkische Zentralbank die Kontrolle über die Lira aufgegeben hat.“ Sie setze sich nicht dafür ein, den Wechselkurs auf einem bestimmten Niveau zu halten.
Die Verbraucherpreise haben binnen eines Monats offiziell um 6,7 Prozent angezogen. Das ist mehr als doppelt so stark wie im Dezember. Ein wesentlicher Grund: Zu Jahresbeginn ist der Mindestlohn mal wieder gestiegen. Etwa sieben Millionen Angestellte verdienen jetzt rund doppelt so viel wie vor einem Jahr. Es gab bereits mehrere Erhöhungen in ähnlicher Größenordnung.
Derart starke Lohnzuwächse machen es unwahrscheinlich, dass die Inflation bald nennenswert zurückgeht. Nicholas Farr, Experte des Analysehauses Capital Economics, sieht zwar zaghafte Anzeichen, dass die Kehrtwende in der Zinspolitik zu wirken beginnt. Dennoch stehe sie noch ganz am Anfang. Es sei noch viel mehr zu tun, um die gesamtwirtschaftliche Lage der Türkei zu stabilisieren.
Erstpublikation: 05.02.2024, 09:45 Uhr.