Künstliche Intelligenz: Diese Investoren finanzieren Deutschlands KI-Hoffnungen
Düsseldorf, Berlin. Geld für junge Unternehmen ist knapp. Im vergangenen Jahr sind die Investitionen in deutsche Start-ups um fast 40 Prozent auf sechs Milliarden Euro gesunken. Nur ein Bereich scheint für die Investoren derzeit lukrativ: Künstliche Intelligenz (KI).
Allein 2023 haben Wagniskapitalgeber (VCs) 330 Prozent mehr Geld in KI-Start-ups investiert als im Vorjahr. Auch deshalb steigt die Anzahl der Jungunternehmen in diesem Bereich weiter. Inzwischen gibt es in Deutschland sogar so viele KI-Start-ups, dass nun die ersten – speziell auf diese Technologie fokussierten – Fonds auf den Markt drängen. Den Anfang macht der AI.Fund aus Hamburg.
Die ersten zwei Investments hat der Fonds bereits getätigt. Bis sich der AI.Fund aber zu den aktivsten KI-Investoren in Deutschland zählen darf, dürfte noch einige Zeit vergehen. Der Datenanbieter Seedtable hat exklusiv für das Handelsblatt die wichtigsten KI-Investoren ermittelt.
Am häufigsten haben der High-Tech Gründerfonds (HTGF) und HV Capital Geld in die Hoffnungen aus der deutschen KI-Welt gesteckt. Beide VCs beteiligten sich in diesem Zeitraum an jeweils zehn Start-ups.
„Idealerweise suchen wir Firmen, die nicht nur ein konkretes Problem via KI lösen, sondern die Nutzung auch monetarisieren können“, sagte David Kuczek, Partner bei HV Capital.
Viel erhoffen sich Investoren auch von Deutschlands wertvollstem KI-Start-up Aleph Alpha, an dem unter anderen UVC Partners und Earlybird aus Deutschland beteiligt sind. Bevor Earlybird-Partner Andre Retterath und seine Kollegen eine Investitionsentscheidung treffen, würden sie sich fragen, wo die Wertschöpfung des Unternehmens liegt.
Dabei fließen bei KI-Start-ups unterschiedliche Ebenen mit ein: Infrastruktur, Modell und Anwendungen. „Je weiter unten wir das Start-up in der Pyramide ansiedeln können, desto kapitalintensiver, aber größer ist die Möglichkeit für uns.“ Das trifft auf Aleph Alpha zu: Die Heidelberger bauen ein eigenes Sprachmodell.
Alex von Frankenberg, Geschäftsführer beim HTGF, macht klar, wonach er sucht: „Wirklich wichtig sind nachhaltig zu verteidigende Wettbewerbsvorteile für KI-Start-ups.“ Dazu zählen neben technologischen Entwicklungen vor allem auch die Marktkenntnis und die Qualität der Kundendaten.
Die Wettbewerbsvorteile müssen also nicht zwingend direkt etwas mit KI zu tun haben. Diese könnten dann auch das Interesse von etablierten Konzernen auf sich ziehen. „Für große, mittlere und auch kleinere etablierte Unternehmen aus Deutschland gibt es sehr viel Potenzial, ihr Kerngeschäft durch clevere Start-ups zu stärken.“
Ist jetzt die Zeit der Übernahmen gekommen?
Wenn die Start-ups ausreichend attraktiv seien, werde es auch zu Übernahmen kommen, ist sich Frankenberg sicher. Für die Investoren ist das wichtig, schließlich fließt nur durch Börsengänge wieder Geld zu ihnen zurück.
Ludwig Ensthaler von Aleph-Alpha-Investor 468 Capital ist überzeugt, dass darauf nicht mehr lange gewartet werden muss: „In den nächsten 18 Monaten werden sicherlich einige Sprachmodell-Start-ups an Großfirmen verkauft.“ Vergangene Deals wie die Übernahme von Deepmind durch Google oder von Instadeep durch Biontech zeigten, dass solche Transaktionen sehr erfolgreich sein könnten.
Erst vor einigen Tagen hat sich 468 Capital am Schweizer KI-Start-up Jua beteiligt, das unter anderem das Wetter besser vorhersagen will.
Erster deutscher KI-Fonds geht an den Start
Inzwischen können Investoren auch in Deutschland aus dem Vollen schöpfen. Ragnar Kruse, Partner und Gründer von Deutschlands erstem KI-Fonds, sagt: „Die rund 900 KI-Start-ups in Deutschland zeigen, dass wir Talent haben. Wir brauchen aber Kapital.“ Gerade deshalb sei jetzt ein KI-spezialisierter Fonds „mit der notwendigen technischen und unternehmerischen Expertise“ vonnöten, um erfolgreiche Start-ups mit aufzubauen und zu fördern, ist der Investor überzeugt. Kruse glaubt deshalb, dass sein AI.Fund zur richtigen Zeit kommt.
Jetzt hat der Hamburger Fonds, an dem auch Ingo Hoffmann, Petra Vorsteher, John Lange, Hauke Hansen und Fabian Westerheide beteiligt sind, mit Sinpex und Aleia in die ersten beiden Start-ups investiert. Zukünftig will der AI.Fund insgesamt 20 bis 40 Jungunternehmen in ihrer Frühphase finanzieren. Mit hohen Summen können diese allerdings erst einmal nicht rechnen: Eingesammelt hat Kruse dafür bisher lediglich neun Millionen Euro. Bis Ende des Jahres sollen aber noch bis zu 50 Millionen Euro zusammenkommen.
„Dass der Fonds erst einmal mit einem kleineren Volumen startet, muss kein Nachteil sein", sagt Oliver Schoppe, Investor bei UVC Partners. Bei Investitionen käme es nicht auf möglichst hohe Finanzierungen an, sondern darauf, erfolgreiche Start-ups möglichst früh zu erkennen. „Das ist auch im KI-Bereich mit kleineren Summen möglich.“
Die Gefahr liegt woanders: Je enger der Fokus eines Fonds, umso höher sei auch das Risiko, gibt Andre Retterath, Partner bei Earlybird, zu bedenken. „Die meisten Sektoren gehen in einzelnen Phasen hoch und runter. Andere Fonds können das durch ihre Mischung ausgleichen.“ Wenn es jedoch einen monothematischen Fonds erwische, dann sei der laut Retterath „weg vom Fenster“.
Grundsätzlich sei das Risiko im Bereich KI jedoch geringer. Retterath sagt: „KI, das kann heute alles und nichts sein.“ Kein junges Unternehmen werde zukünftig noch bestehen, ohne KI zu verwenden. „Das ist etwa so wie das Internet.“ Deshalb könnten KI-Fonds ihre Investments dennoch weit streuen.
So macht es beispielsweise Airstreet Capital von Investor Nathan Benaich, der inzwischen als Solo-VC den zweiten KI-Fonds aufgelegt und damit unter anderem in den KI-Pilot-Anbieter Adept investiert hat. Sein Erfolgsrezept: „Er hat besondere KI-Expertise aufgebaut und ein gutes Netzwerk“, sagt Schoppe.
Ähnlich wie Benaich in Großbritannien sind die Gründer des AI.Fund um Kruse in der deutschen KI-Szene keine Unbekannten. Der Fonds bietet jetzt eine weitere Möglichkeit, ein wachsendes Umfeld für junge KI-Unternehmen zu schaffen.