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Wirecard-ProzessWirecard-Kronzeuge Oliver Bellenhaus aus U-Haft entlassen

Oliver Bellenhaus ist nach dreieinhalb Jahren gegen Auflagen frei. Für Ex-CEO Markus Braun ist das ein schwerer Schlag. Der Prozess könnte dadurch eine neue Dynamik gewinnen.René Bender 04.04.2024 - 09:52 Uhr aktualisiert
Die Anklage im Prozess um den Milliardenbetrug bei Wirecard baut auf der Aussage von Oliver Bellenhaus auf. Er war einst Wirecard-Statthalter in Dubai. Foto: dpa

Düsseldorf. Der Kronzeuge im Strafprozess um den Bilanzskandal bei Wirecard, Oliver Bellenhaus, ist nach gut dreieinhalb Jahren Untersuchungshaft wieder frei. Nach genau 1311 Tagen hat Bellenhaus die Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim am Dienstagnachmittag verlassen, wie ein Gerichtssprecher bestätigte. 

Voraus ging ein sogenanntes Rechtsgespräch, zu dem nach Informationen des Handelsblatts Richter, Staatsanwälte, Bellenhaus und seine Verteidiger am Montag im Münchener Strafjustizzentrum zusammengekommen waren. Darin verständigten sich die Parteien darauf, dass der Haftbefehl gegen den früheren Wirecard-Manager gegen Auflagen außer Vollzug gesetzt wird.

Unter anderem hat Bellenhaus seine Ausweisdokumente abgegeben, darf Deutschland nicht ohne Zustimmung des Gerichts verlassen und muss sich regelmäßig bei der Polizei melden. Eine Kaution muss er nicht hinterlegen. 

Das Gericht sei „nach vorläufiger Beurteilung der Sach- und Rechtslage unter Berücksichtigung der bisherigen Haftdauer, der geständigen Einlassung des Angeklagten und seinen Schadenswiedergutmachungsbemühungen" der Auffassung, „dass die angeordneten Auflagen ausreichen, um die nach wie vor bestehende Verdunkelungs- und Fluchtgefahr so weit zu vermindern, dass der Angeklagte auf freien Fuß gesetzt werden kann", teilte ein Sprecher mit. 

Florian Eder, einer von Bellenhaus´ Strafverteidigern, reagierte auf kurzfristige Nachfragen bislang nicht.

Die Anwälte von Bellenhaus hatten erst vor Kurzem einen Antrag auf Haftentlassung gestellt. Begründet hatten sie dies unter anderem mit Bellenhaus’ Geständnis und seiner Aufklärungsarbeit in dem milliardenschweren Betrugsskandal.  

Bellenhaus gestand als einziger Ex-Manager den Betrug

Bellenhaus war von 2013 bis 2020 der Statthalter von Wirecard in Dubai und verantwortlich für die angeblich größten Gewinnbringer des Dax-Konzerns. Als sich im Juni 2020 herausstellte, dass 1,9 Milliarden Euro – ein Viertel der Bilanzsumme Wirecards – nicht existierten, brach der Zahlungsdienstleister zusammen. Schnell gehörte Bellenhaus zum Kreis der Hauptverdächtigen, am 6. Juli wurde er verhaftet.

In den folgenden Wochen und Monaten räumte er bisher als einziger Ex-Wirecard-Manager seine Beteiligung an dem Betrug ein und wurde zum Kronzeugen in dem spektakulären, milliardenschweren Finanzskandal. 

Der in weiten Teilen geständige Manager belastete dabei neben sich selbst unter anderem den flüchtigen Ex-Asienvorstand Jan Marsalek sowie den Ex-CEO Markus Braun und den früheren Chefbuchhalter Stephan von Erffa schwer. Diese weisen die Vorwürfe zurück.

Auf den Angaben von Bellenhaus baut die Anklage der Staatsanwaltschaft im Kern auf. Seit Dezember 2022 wird ihm sowie Braun und von Erffa vor dem Landgericht München unter anderem wegen gewerbsmäßigem Bandenbetrug der Prozess gemacht. Die Strafkammer um den Vorsitzenden Richter Markus Födisch hatte erst vor wenigen Wochen 86 weitere Verhandlungstermine bis Ende 2024 angesetzt.

Im Prozess geht es vor allem um die Frage, ob es milliardenschwere Geschäfte Wirecards in Asien mit sogenannten Drittpartnern, Third Party Acquirern (TPA), gab oder nicht. Diese Drittpartner waren Firmen, die im Wirecard-Auftrag Zahlungen abwickelten.

Verbucht wurden die angeblichen Umsätze über die von Bellenhaus geführte Wirecard-Tochter Cardsystems Middle East in Dubai. Sie steuerte den Großteil des Wirecards-Gewinns bei. Laut Anklage wäre Wirecard ohne die Umsätze aus dem TPA-Geschäft defizitär gewesen.  

Markus Braun: Ein „absolutistischer CEO“

Laut Bellenhaus waren die Umsätze mit Drittpartnern erfunden. Vor Gericht schilderte er ausführlich, wie er die Zahlen gefälscht habe. Braun sei darüber im Bilde gewesen und habe teils auch operative Anweisungen gegeben. Er sei ein „absolutistischer CEO“ gewesen. Hätte er Bedenken geäußert, habe von Erffa diese ignoriert mit den Worten: „Geht nicht. Markus will das so.“

Braun und sein Anwaltsteam um Hauptverteidiger Alfred Dierlamm behaupten dagegen, dass es die Geschäfte sehr wohl gab und eine Bande um den flüchtigen Ex-Vorstand Jan Marsalek und Bellenhaus die Milliardenerlöse in Asien hinter Brauns Rücken veruntreut habe.

Im Hochsicherheits-Gerichtssaal in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim stehen sich Bellenhaus und Braun entsprechend erbittert gegenüber und bezichtigen sich gegenseitig der Lügen. Der Ausgang des Prozesses hängt maßgeblich davon ab, ob das Gericht dem langjährigen Vorstandschef oder Bellenhaus glaubt.

Bellenhaus’ rasante Karriere

Der spätere Kronzeuge legte bis zum Zusammenbruch von Wirecard einen atemberaubenden Aufstieg hin. Bellenhaus wurde im September 1973 im fränkischen Hof geboren, machte zunächst eine Lehre bei der örtlichen Raiffeisenbank und heuerte nach anschließender Station bei der Münchener DZ Bank 2002 bei Wirecard an. 2006 wurde er im Alter von 33 Jahren Generalbevollmächtigter der hauseigenen Wirecard Bank.

In der 93. Etage des höchsten Gebäudes der Welt ließ Oliver Bellenhaus Wirecard-Kollegen gern in seinem Gästezimmer übernachten. Foto: Reuters

Im März 2013 wurde Bellenhaus Geschäftsführer der Wirecard Acquiring & Issuing in Aschheim. Kurz darauf ging er nach Dubai, um die Geschäfte der Cardsystems Middle East zu leiten.

Bellenhaus zog in eine Wohnung im 93. Stock des Burj Khalifa, des höchsten Gebäudes der Welt. War sein ursprünglicher Spitzname „Bello“, nannten ihn manche Kollegen nun „Gordon Gekko“, angelehnt an die Rolle des gierigen und skrupellosen Finanzhais Gekko in dem Film „Wall Street“. 

Wirecard-Mitarbeiter erinnerten sich später an ein oft auffälliges, teils rüdes und anzügliches Auftreten. Mitarbeiterinnen bezeichnete er in Mails, die dem Handelsblatt vorliegen, teils als „hotte Alte“. Banken, mit denen Wirecard Geschäfte machte, nannte er „Fickpartner“.

Bellenhaus, blass und mager, habe teure Nadelstreifenanzüge getragen, „etwas übertrieben vom Design, bloß um aufzufallen“. Bekannt war auch seine Vorliebe für schnelle Autos.

Einem Mitarbeiter in der Aschheimer Wirecard-Zentrale mailte er einst: „Geld, Macht, PS und junge Chicks kann man nie genug haben.“

Vor Gericht ging Bellenhaus zu Beginn des Prozesses auf Abstand zu seiner Vergangenheit. Er sei erschrocken über sein eigenes Wesen und in der Untersuchungshaft sei ihm klargeworden: „Ich bereue den Bilanzskandal zutiefst und auch, einen solchen immensen Schaden mitgeschaffen zu haben. Wirecard war ein Krebsgeschwür. Es gab ein System des organisierten Betrugs.“

Ich bereue den Bilanzskandal zutiefst und auch, einen solchen immensen Schaden mitgeschaffen zu haben.
Oliver Bellenhaus

Keine 24 Stunden vor dem 100. Verhandlungstag in dem Prozess ist die Haftentlassung von Bellenhaus das bisher wohl klarste öffentliche Zeichen für den aktuellen Stand in dem Verfahren und wohl auch ein Fingerzeig für dessen Fortgang. 

Formal bedeutet der außer Vollzug gesetzte Haftbefehl gegen Bellenhaus zwar nur, dass das Gericht davon ausgeht, dass es die Haft nicht unbedingt braucht, um sicherzustellen, dass dieser nicht flieht oder versucht, Taten zu verdunkeln.

Erbitterte Gegner: Markus Braun (vorne) und Oliver Bellenhaus. Foto: dpa

In der Praxis dokumentiert es damit aber, dass es den Aussagen von Bellenhaus im Wesentlichen glaubt. Denn nur dann kann Bellenhaus mit einem gehörigen Strafnachlass rechnen, und die Reststrafe, die er zu erwarten hat, dürfte eher kein Anreiz sein, sich dem Prozess durch Flucht zu entziehen.

Maximal drohen allen drei Angeklagten je 15 Jahre Haft, im Falle von Bellenhaus gehen Prozessbeobachter von einer Gefängnisstrafe in höherer einstelliger Zahl aus. 

Noch schlechtere Aussichten für Braun

Für den ebenfalls seit Juli 2020 inhaftierten Ex-CEO Braun ist die Entscheidung dagegen ein weiterer Schlag. Zum einen sind seine Anwälte mehrfach mit Versuchen gescheitert, ihn aus der U-Haft freizubekommen.

Das Gericht betonte erst vor Monaten die Gefahr, dass Braun anschließend Beweismittel vernichten könnte. Zudem müsse man davon ausgehen, dass er entgegen seinen Behauptungen sehr wohl Gelder zur Verfügung habe und diese nutzen könnte, um sich abzusetzen.

Vor allem aber ist Bellenhaus’ Haftentlassung das deutlichste Indiz, dass sich das Bild, das sich das Gericht nach mehr als einem Jahr Prozess gemacht hat, offensichtlich verfestigt. Bereits im Sommer hatte die Kammer in einem vertraulichen Beschluss vermerkt, dass den bisherigen Ermittlungen zufolge eine hohe Wahrscheinlichkeit bestehe, dass Braun die angeklagten Taten begangen habe.

Selbst wenn man die bisherige Untersuchungshaft von mehr als drei Jahren anrechne, müsse Braun mit einer hohen Reststrafe rechnen, hielt das Gericht fest.

Mit Spannung erwarten Prozessbeobachter daher nun die Reaktionen Brauns und seiner Anwälte. Dass sie von ihrer bisherigen Linie abweichen, halten zahlreiche Experten für unwahrscheinlich.

„Ein schmutziger Deal hinter verschlossenen Türen“, kommentierte Brauns Hauptverteidiger Alfred Dierlamm die Haftentlassung von Bellenhaus in einer ersten Reaktion. 

Druck auf Stephan von Erffa steigt

Der Blick dürfte sich nun aber noch stärker auf den dritten und bislang unauffälligsten Angeklagten richten, Stephan von Erffa.

Er wies die Vorwürfe bisher zurück, äußerte sich aber im Prozess nicht inhaltlich. Auch er muss nach dem bisherigen Prozessverlauf wohl mit einer hohen Haftstrafe rechnen. Und anders als Braun und Bellenhaus saß er nicht jahrelang in Untersuchungshaft.

Der Druck auf von Erffa, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen, ist mit der Haftentlassung von Bellenhaus gewachsen. Sollte er aussagen, könnte dies dem Prozessverlauf eine neue Dynamik verleihen.

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Anmerkung der Redaktion: In der ursprünglichen Fassung des Artikels vom 6. Februar 2024 haben wir berichtet, dass Herr Oliver Bellenhaus wegen des Straftatbestandes der Untreue angeklagt ist. Wir stellen richtig, dass Herrn Bellenhaus nicht wegen Untreue angeklagt ist.

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