Märkte Insight: Chipaktien geben die Trends vor
Sie gelten als konjunktureller Frühindikator und sind insgesamt besonders von wirtschaftlichen Zyklen abhängig. Sie leben vom Megathema Künstliche Intelligenz (KI). Sie werden zu einem guten Teil in einer politisch und militärisch spannungsreichen Region produziert. Sie gelten bis zu einem gewissen Grad auch als Rohstoff des 21. Jahrhunderts. Die Rede ist von Halbleitern und den Unternehmen, die sie produzieren.
Der Star der Branche ist Nvidia mit inzwischen fast 1,8 Billionen Dollar Börsenwert. Der Kurs wird seit über einem Jahr getrieben von KI-Fantasie. Seit OpenAI in Zusammenarbeit mit Microsoft das KI-Programm ChatGPT an den Markt gebracht hat, hat sich eine euphorische Vision ausgebreitet, die noch weitaus schillernder ist als die Krypto-Manie und allenfalls vergleichbar mit dem Aufkommen des Internets.
Dass bisher menschliche Tätigkeiten, wie vernünftig zu reden, Fabriken oder Waffensysteme zu steuern, Krankheiten zu erkennen und Medikamente zu entwickeln oder auch nur Auto zu fahren, von Computern übernommen werden können, erinnert an die Science-Fiction-Filme unserer Kindheit.
Wie viel Fantasie passt noch in die Kurse?
Weil diese Computer in wenigen Monaten lernen sollen, wofür wir Jahre unseres Lebens brauchen, müssen sie mit ungeheurem Aufwand trainiert werden. Dazu werden Chips benötigt. Die Frage ist, wie weit dieser Hype an der Börse reicht. Ist nicht schon genug KI-Fantasie in den Kursen enthalten? Bremst doch noch eine Rezession diese empfindliche Branche aus?
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Spätestens seit den etwas enttäuschenden Zahlen zur US-Inflation am Dienstag, die Preissteigerung wurde mit 3,1 Prozent gemessen, ist die Euphorie am Markt verflogen. Die Erwartung rascher Zinssenkungen ist verblasst, das Risiko wächst, dass es doch noch zu einer Rezession in den USA kommt.
Aufschlussreich ist dazu eine Studie der Deutschen Bank. Die Experten dort kommen zu dem Ergebnis, dass der Hype um KI sich etwas abkühlt, aber keineswegs ein Ende in Sicht ist. Die Riesen der Branche sollten daher an der Börse weiter einen guten Lauf haben, genannt werden Nvidia, auch AMD, Marvel Technology und Broadcom.
Die Deutsch-Banker zeichnen ein gemischtes Bild der Konjunktur. Grundsätzlich erwarten sie vor allem im zweiten Halbjahr eine positive Entwicklung. Speziell im Halbleiterbereich sehen sie aber weiterhin eine Schwäche im Geschäft mit Geräten für Privatkunden voraus. Außerdem benennen sie als Unsicherheitsfaktor die immer noch hohen Lagerbestände.
USA noch zu abhängig von Asien – China baut aus
Die geopolitischen Spannungen werden nach Meinung der Experten dazu führen, dass Fabriken in den Vereinigten Staaten gebaut werden, so wie die geplante Fertigung des taiwanesischen Chipkonzerns TSMC in Arizona, die unter anderem den Bedarf der Rüstungsindustrie decken soll. Nach Einschätzung der Studienautoren sind die USA noch zu stark auf Chiplieferungen aus Fernost angewiesen, während China seine Kapazitäten stark ausbaue.
Das Fazit der Deutschen Bank ist vorsichtig: Die großen Namen in Zusammenhang mit KI werden noch eine Weile weiter gut laufen, der Rest der Branche hängt allerdings stark von der Konjunktur ab. In jedem Fall lohnt es sich, die Kurse der Chipaktien genau zu beobachten. Sie sagen viel über die großen Trends am Gesamtmarkt aus.
Weil Halbleiter heute eine Art Rohstoff für viele Produktionsbereiche darstellen, ist auch die geopolitische Relevanz der Branche nicht zu unterschätzen. Japan ist auch deswegen in den Zweiten Weltkrieg eingetreten, weil es als rohstoffarmes Land fürchtete, von Öllieferungen abgeschnitten zu werden.