Renault & Stellantis: Wie Frankreichs Autokonzerne Rekorde erzielen
Paris. Die Zeiten wirken für die französische Autoindustrie auf den ersten Blick so gut wie lange nicht mehr. Stellantis und Renault, die beiden größten Autokonzerne des Landes, haben das Jahr mit Rekordergebnissen abgeschlossen. Doch hinter den Kulissen spitzt sich der Konflikt der historischen Rivalen zu.
Zuletzt stichelte Stellantis-Chef Carlos Tavares in einem Interview gegen Renault – und heizte Spekulationen an, dass der Konkurrent ein Übernahmekandidat sein könnte. Die Branche, referierte Tavares, stehe wegen der Elektromobilität vor der Konsolidierung. Nicht alle seien darauf vorbereitet.
Dabei nahm er insbesondere Renault ins Visier, das den für dieses Frühjahr geplanten Börsengang seiner neuen Elektroautosparte Ampere absagen musste. Als die Nachrichtenagentur Bloomberg ihn direkt auf eine mögliche Übernahme des Rivalen ansprach, antwortet der Stellantis-Chef: „Es ist mein Job, die Augen offen zu halten.“ Eine Provokation.
Stellantis bemühte sich danach um Schadensbegrenzung und dementierte konkrete Übernahmepläne. Doch der Ton zwischen den Rivalen bleibt hart. „Ich respektiere sie, aber wir spielen nicht in der gleichen Liga“, hatte Tavares bereits zuvor erklärt.
Der Blick auf die aktuellen Zahlen gibt dem portugiesischen Manager recht. Stellantis hat den Rivalen, der sich einst auf Augenhöhe befand, weit hinter sich gelassen. Der Konzern hat 2023 einen Nettogewinn von 18,6 Milliarden Euro erwirtschaftet – rund acht Mal so viel wie Renault.
Stellantis hat ein weltweites Markenreich gebaut
Während die Allianz von Renault mit Nissan und Mitsubishi im Streit versank, hat Tavares ein weltweites Markenreich gebaut. Stellantis vereint insgesamt 14 Marken unter einem Dach, darunter auch die deutsche Marke Opel. Mit Peugeot, Citroën oder Fiat beherrscht die Marke den Massenmarkt in Südeuropa, mit Maserati oder Jeep ist sie auch im Premiumsegment vertreten. Mit der Fusion mit Fiat-Chrysler haben die Franzosen auch in Nordamerika beachtliche Marktanteile – dank lokaler Marken wie Dodge.
Binnen drei Jahren sei der Konzern zu „einem neuen weltweiten Marktführer in unserer Industrie“ geworden, erklärte Tavares selbstbewusst bei der Präsentation der Jahresergebnisse am Donnerstag.
Der Gewinn ist so hoch wie noch nie. Und auch der Umsatz von Stellantis hat im Vergleich zum Vorjahr um sechs Prozent auf knapp 190 Milliarden Euro zugelegt. Die operative Marge fiel mit 12,8 Prozent zwar etwas niedriger aus als im Vorjahr, aber deutlich höher als beim deutschen Marktführer Volkswagen.
Auch für dieses Jahr hat Stellantis ein zweistelliges Margenziel ausgegeben. Der Konzern hob die Dividende um 16 Prozent auf 1,55 Euro pro Aktie an. Außerdem ist ein Aktienrückkauf im Umfang von drei Milliarden Euro geplant.
So plant Luca de Meo den Neustart von Renault
Während Stellantis aus einer Position der Stärke heraus agiert, arbeitet Renault noch am Neustart und findet zu neuem Selbstbewusstsein. Nie sei Renault stärker aufgestellt gewesen, erklärte Vorstandschef Luca de Meo selbstbewusst. Als der Italiener im Sommer 2020 die Führung des Konzerns übernommen hatte, stand Renault mit einem Verlust von acht Milliarden Euro noch kurz vor der Pleite.
In den vergangenen Jahren hat de Meo den Autobauer saniert und konsequent auf die Elektromobilität ausgerichtet. Das klassische Geschäft mit Verbrennern hat er in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem chinesischen Autobauer Geely ausgegliedert.
In diesem Jahr werde man eine „beispiellose Anzahl an neuen Modellen“ auf den Markt bringen und die Kosten weiter senken, sagte der Vorstandschef. Darunter ist das Elektro-Einsteigermodell R5, das unter 25.000 Euro kosten und mit günstigen Elektroautos aus China konkurrieren soll.
Aktuell ist Renault global gesehen aber deutlich kleiner als viele Konkurrenten im Massenmarkt – auch im Vergleich mit Stellantis. Der Umsatz konnte 2023 zwar um 13 Prozent auf gut 52 Milliarden Euro zulegen.
De Meo verweist darum auf seine Fortschritte bei den Kosten. Das Unternehmen arbeite so profitabel wie noch nie. Die operative Marge sei 2023 auf 7,9 Prozent gestiegen, nach 5,5 Prozent im Vorjahr und 2,8 Prozent im Jahr 2021.
Allerdings wurde das Gesamtjahr 2022 auch noch durch den kostspieligen Rückzug aus Russland belastet. Dort war Renault lange einer der führenden Autohersteller. Der Gewinn 2023 fiel mit 2,3 Milliarden Euro auch etwas geringer aus als von Analysten erwartet.
Renault-Finanzvorstand Thierry Piéton gab sich bei einer Videokonferenz mit Journalisten dennoch zufrieden. Dem Konzern sei „die schnellste Sanierung in der Geschichte der Automobilindustrie“ gelungen. Zum direkten Konkurrenten und Übernahmespekulationen hielt sich der Renault-Manager bedeckt: „Kein Kommentar.“
Doch allein der Zeitpunkt der Zahlen zeigt, dass Renault ganz genau auf den größeren Rivalen blickt. Eigentlich wollte der Konzern seine Zahlen an diesem Donnerstag präsentieren. Da hatte aber auch Stellantis die Vorlage seines Zahlenwerks angesetzt. Renault verlegte seine Präsentation kurzfristig auf den Mittwochabend – und kam dem Rivalen zumindest einmal zuvor.
Erstpublikation: 15.02.2024, 15:51 Uhr.